Nein zu ehelichem Segen ohne Standesamt

Berlin/Bonn. Vor der Kirche muss der Staat seinen Segen geben. Schon seit Bismarcks Zeiten ist eine kirchliche Hochzeit in Deutschland erst dann möglich, wenn vorher der Standesbeamte das Rechtliche geklärt hat. Das soll nun anders werden: Die Reform des so genannten Personenstandsgesetzes führt dazu, dass vom kommenden Jahr an allein vor dem Altar das Ja-Wort fallen kann

Berlin/Bonn. Vor der Kirche muss der Staat seinen Segen geben. Schon seit Bismarcks Zeiten ist eine kirchliche Hochzeit in Deutschland erst dann möglich, wenn vorher der Standesbeamte das Rechtliche geklärt hat. Das soll nun anders werden: Die Reform des so genannten Personenstandsgesetzes führt dazu, dass vom kommenden Jahr an allein vor dem Altar das Ja-Wort fallen kann. Für heiratswillige Paare wird es dadurch nicht unbedingt einfacher. Denn das "Ja-Wort" vor dem Pfarrer wird das "Ich will" vor dem Standesbeamten nicht ersetzen oder einschließen: Die rein kirchlich getrauten Eheleute werden vor dem Gesetz weiter als unverheiratet gelten. Folglich haben sie auch nicht die damit verbundenen zivilen Rechte, wie den Anspruch auf Unterhalt oder Versorgungsausgleich. Der Bundesrat hat unterdessen gegen die Zulassung rein kirchlicher Trauungen protestiert. In einer Entschließung brachte die Länderkammer am Freitag ihre Bedenken gegen die Reform des Gesetzes vor. Religiös geprägte Bevölkerungsschichten könnten sich verstärkt von der Zivilehe abwenden. Vor allem die betroffenen Frauen wären schutz- und rechtlos, da religiös geschlossene Ehen zivil- und familienrechtlich keinerlei Wirkungen entfalteten. Dann bestehe die Gefahr, dass die Frauen keine Unterhaltsansprüche erwerben und nicht am Vermögen des Partners partizipieren.Bei den christlichen Konfessionen kommt die Trauung ohne Standesamt ohnehin nur für katholische Paare in Frage, denn die evangelische Kirche will weiter an der alten Regelung festhalten. Das liege unter anderem daran, dass die Ehe in der evangelischen Kirche eine andere Bedeutung hat als bei den Katholiken, erläutert Oberkirchenrat David Gill von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin: "Dort ist die Ehe ein Sakrament, in der evangelischen Kirche ist sie das nicht." Doch auch rechtliche Bedenken sprechen nach Ansicht der EKD für das Festhalten am Althergebrachten: "Die Eheschließung kann rechtlichen Schutz nur dann entfalten, wenn sie auch vor dem Standesbeamten geschlossen wird." Die Katholiken wollen den Eheleuten in spe künftig dagegen die rein kirchliche Hochzeit ermöglichen. Sie wollen sie im Rahmen dessen aber auch ausdrücklich auf mögliche Nachteile hinweisen. Da bei einer Ehe ohne Standesamt alle Rechtsfolgen ausgeschlossen seien, "wollen wir darüber aufklären", sagt Stefanie Uphues, Sprecherin des Sekretariats der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Praktisch bedeutet das künftig Folgendes: Das Paar erklärt zunächst schriftlich, dass es nur kirchlich heiraten will. Diese Erklärung muss der zuständige Ortsbischof mit seinem "Nihil obstat" ("Nichts steht dem entgegen") genehmigen. "In einem Ehevorbereitungsgespräch wird das Paar dann auch über die juristischen Nachteile der rein kirchlichen Ehe eingehend aufgeklärt", so Uphues. Am Ende steht dann das zuständige Ordinariat, das die Erklärung der Heiratswilligen und das Ehevorbereitungsprotokoll "absegnen" muss. Ein Grund für die Aufklärung ist auch, dass die katholische Kirche befürchtet, dass sich beispielsweise ausländische Paare der rechtlichen Benachteiligung durch eine rein kirchliche Ehe gar nicht bewusst sind. Denn in Italien und Griechenland, aber auch in Ländern wie Großbritannien, Dänemark oder Tschechien wird die kirchliche Ehe auch zivilrechtlich anerkannt - dort können Paare also zwischen Kirche und Standesamt wählen. Wer sich vom neuen Jahr an nur für die kirchliche Ehe entscheidet, kann das gemeinsame Leben aber ohne Weiteres vertraglich absichern, erläutert Florian Möhrle, Vorstandsmitglied der Hamburgischen Notarkammer. "Durch einen notariell beurkundeten Partnerschaftsvertrag können sich beide so stellen, als seien sie standesamtlich verheiratet." Auch Erbabsprachen sind per Vertrag möglich. Interessant könnte die neue Ehe ohne Standesamt vor allem für Verwitwete werden: Denn Witwen und Witwer, die bisher aus Angst vor dem Verlust einer Hinterbliebenenrente nicht noch einmal heiraten wollten, können sich nun ohne solcherlei Folgen das Ja-Wort geben. "Die Eheschließung kann rechtlichen Schutz nur dann entfalten, wenn sie auch vor dem Standesbeamten geschlossen wird."Oberkirchenrat David Gill von der EKD

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort