Moskau feiert Sieg über Hitler-Deutschland

Moskau. Als die kleine Katja dem 85-jährigen Sergej Fjodorowitsch schüchtern eine Blume in die Hand drückt und leise "Danke" murmelt, kommen dem Veteranen der Roten Armee die Tränen. Stolz streckt der alte Herr am 65. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland die ordengeschmückte Brust vor. "Ich war in Berlin", sagt er mit glänzenden Augen

Moskau. Als die kleine Katja dem 85-jährigen Sergej Fjodorowitsch schüchtern eine Blume in die Hand drückt und leise "Danke" murmelt, kommen dem Veteranen der Roten Armee die Tränen. Stolz streckt der alte Herr am 65. Jahrestag des Sieges über Nazi-Deutschland die ordengeschmückte Brust vor. "Ich war in Berlin", sagt er mit glänzenden Augen. Fjodorowitsch gehört zu den letzten Überlebenden des blutigen Ringens. Natürlich hat er heute seine Gala-Uniform angelegt. "Danke, Großvater, für den Sieg", rufen ein paar angetrunkene Jugendliche. Der 9. Mai ist der wichtigste Feiertag in den Ländern der früheren Sowjetunion. Auf dem Roten Platz in Moskau marschieren mehr als 10 000 Soldaten aus Russland und den Ex-Sowjetrepubliken auf. Auf der Ehrentribüne verfolgt auch Angela Merkel das Defilee. Die Einladung gilt als Zeichen der Versöhnung. Immer wieder bringt das russische Fernsehen die Kanzlerin ins Bild. Einmal im vertraulichen Gespräch mit Ministerpräsident Wladimir Putin, ein anderes Mal an der Seite von Präsident Dmitri Medwedew bei der Kranzniederlegung am Grabmal des Unbekannten Soldaten. Dass die deutsche Kanzlerin trotz der Euro-Krise nach Moskau gekommen ist, wird von den Kommentatoren besonders hervorgehoben; Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi hatten deswegen abgesagt. Merkel aber hatte die Teilnahme an den Feierlichkeiten als Ehre bezeichnet: Es sei nicht selbstverständlich, dass ein deutscher Regierungschef bei diesem Ereignis willkommen sei. Die Geste mache deutlich, dass beide Länder aus der Geschichte gelernt hätten und nun in Frieden und Freundschaft lebten. Schweres Kriegsgerät rollt am Kreml vorbei. Erstmals sind auch Einheiten der Nato-Mächte USA, Großbritannien und Frankreich dabei. Als schließlich 120 Jagdflugzeuge im Tiefflug durch den strahlend blauen Himmel über der Hauptstadt düsen, strömen hunderte Menschen aus Cafés und Kneipen rund um die Prachtstraße Twerskaja. Mit lauten "Hurra"-Rufen wollen Jung und Alt die Flugzeuge übertönen. In Moskau herrscht am Siegestag Stimmung wie auf einem Volksfest. Schon bald sind die ersten Kioske trocken gelegt. Mitarbeiter karren neue Bier- und Wasserpaletten heran. Viele Menschen haben sich das schwarz-orange gestreifte Sankt-Georgs-Band ans Revers gesteckt, das Symbol militärischer Tapferkeit. Den dutzenden Straßenhändlern werden die russischen Fahnen fast aus der Hand gerissen. Der Renner ist das khakifarbene Käppi der Roten Armee mit Sowjetstern. Ein Mittvierziger posiert stolz mit einem Pappbecher voll Wodka neben seinem Lada am Straßenrand. "Nach Berlin", hat er mit Paketpapier auf die Rückscheibe geklebt. Der siebenjährige Kostja hat sich keck eine Offiziersmütze auf das blonde Haupt gesetzt. "Ich will die Panzer sehen", ruft er, als er Hand in Hand mit seinen Eltern durch die Straßen schlendert. Doch die meisten Moskauer können kaum einen Blick auf die gewaltige Parade werfen. Zehntausende Sicherheitskräfte sperren die Strecke ab. Zutritt zum Roten Platz haben nur Ehrengäste, darunter 3000 Veteranen. 65 Jahre nach dem Großen Vaterländischen Krieg ist es für viele hochbetagte Kämpfer vermutlich die letzte große Siegesfeier.

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