Mit Zitterpartie ins Amt

Mittwoch, 10.31 Uhr: Schockstarre bei den Jamaikanern, aschfahle Gesichter auf der Regierungsbank und im Plenum. Soeben hat CDU-Landtagspräsident Hans Ley das Wahlergebnis verkündet: "Abgegebene Stimmen: 51. Davon entfallen auf Annegret Kramp-Karrenbauer 25, auf Heiko Maas ebenfalls 25. Enthaltung: eine." Die politische Sensation ist perfekt

Mittwoch, 10.31 Uhr: Schockstarre bei den Jamaikanern, aschfahle Gesichter auf der Regierungsbank und im Plenum. Soeben hat CDU-Landtagspräsident Hans Ley das Wahlergebnis verkündet: "Abgegebene Stimmen: 51. Davon entfallen auf Annegret Kramp-Karrenbauer 25, auf Heiko Maas ebenfalls 25. Enthaltung: eine."Die politische Sensation ist perfekt. Die mit viel Vorschusslorbeeren aus der Jamaika-Allianz bedachte CDU-Ministerpräsidenten-Kandidatin ist in geheimer Wahl in der ersten Runde gescheitert. Betroffen blickt die neue Frontfrau der Saar-CDU ins Leere. Erst langsam scheint sie das für schier unmöglich Gehaltene zu begreifen. Auch Ex-Regierungschef Peter Müller, der in der ersten Abgeordneten-Reihe der Union Platz genommen hat, ist die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Nicht weniger verblüfft zeigt sich die journalistische Zunft auf der proppenvollen Pressetribüne, die mit einer unkomplizierten Wahl gerechnet hatte. Erinnerungen an 1980 werden wach, als Werner Zeyer erst im zweiten Durchgang als MP wiedergewählt wurde.

Zufriedene Mienen bei Heiko Maas und seinen Genossen. Zusammen mit Oskar Lafontaines Linken ist ihnen ein Coup gelungen, der in der Landespolitik Spuren hinterlassen wird. Kurzfristig, aber nicht unüberlegt, habe sich Maas zu einer Kandidatur entschlossen, heißt es. "Die Jamaika-Regierung hat, wenn überhaupt, nur noch eine instabile Mehrheit. So wird man das Land auch in Zukunft nicht erfolgreich regieren können", sagt er später. Wer geglaubt habe, die Wahl von Kramp-Karrenbauer sei ein Selbstläufer, habe eine Lehrstunde in Parlamentarismus erlebt.

Als Landtagspräsident Ley dann eine Sitzungsunterbrechung von einer knappen Stunde verkündet, ist klar: Jetzt geht es hinter den Kulissen der Koalitionäre ans Eingemachte. Peter Müller sieht sein Erbe in Gefahr. In der Landtags-Lobby schießen derweil die Spekulationen ins Kraut. Fragen über Fragen: Wo sind die beiden Abweichler in den Jamaika-Reihen, die die übliche 27:24-Stimmen-Arithmetik zugunsten der Koalition ins Gegenteil verkehrten? War es mehr als ein Schuss vor den politischen Bug der designierten Ministerpräsidentin? Wer hatte Rechnungen zu begleichen? Fühlte sich jemand bei der neuen Kabinetts-Liste übergangen, über die Kramp-Karrenbauer immer noch beharrlich schweigt? Müssen die Jamaikaner künftig um ihre Mehrheit fürchten?

Die Vormänner von FDP und Grünen, Oliver Luksic und Hubert Ulrich, sind in der Lobby in Interviews pausenlos bemüht, ihre Standfestigkeit zum Jamaika-Bündnis zu unterstreichen. "Wir sind vielleicht manchmal blöd, aber nicht suizidär", bringt es Luksic auf den Punkt. Denn: Mögliche Neuwahlen (mit großer Koalition?) gingen zu Lasten der beiden kleineren Allianz-Parteien. Den Liberalen könnte sogar erneut das Landtags-Aus drohen.

Unterdessen werden auf den Fluren immer mehr Einzelheiten aus der gemeinsamen Fraktionssitzung bekannt, zu der sich die Jamaikaner zurückgezogen haben. Müller soll eindringlich vor einem Scheitern des Jamaika-Projekts gewarnt haben. Denn dann seien alle drei Parteien gescheitert. Es gehe um das Interesse des Landes und nicht Einzelner. "Wir dürfen das Land nicht der Opposition ausliefern", wird der Ex-Regierungschef von Sitzungsteilnehmern zitiert. CDU-Fraktionschef Klaus Meiser hat sogar mit seinem Rücktritt gedroht, falls es beim zweiten Wahlgang nicht klappe.

 Im zweiten Anlauf Regierungschefin: Helmut Karrenbauer gratuliert seiner Frau Annegret zur Wahl. Fotos: Becker&Bredel
Im zweiten Anlauf Regierungschefin: Helmut Karrenbauer gratuliert seiner Frau Annegret zur Wahl. Fotos: Becker&Bredel
 Betroffene Gesichter: Mit einem Scheitern im ersten Wahlgang hatten Peter Müller und Annegret Kramp-Karrenbauer nicht gerechnet.
Betroffene Gesichter: Mit einem Scheitern im ersten Wahlgang hatten Peter Müller und Annegret Kramp-Karrenbauer nicht gerechnet.
 Im zweiten Anlauf Regierungschefin: Helmut Karrenbauer gratuliert seiner Frau Annegret zur Wahl. Fotos: Becker&Bredel
Im zweiten Anlauf Regierungschefin: Helmut Karrenbauer gratuliert seiner Frau Annegret zur Wahl. Fotos: Becker&Bredel

Als Ley gegen halb zwölf den zweiten Wahlgang eröffnet, ist die Spannung kaum zu überbieten. Nach bangen fünf Auszählungs-Minuten erhellen sich die Jamaika-Mienen: 26:25 Stimmen, verkündet der Landtagspräsident. Geschafft, auch wenn weiter eine Stimme fehlt. Erstmals regiert eine Frau das Saarland. Es folgen Blumen und gute Wünsche für Kramp-Karrenbauer, die zur Feier des Tages ein braun-graues, taupe-farbenes Kleid mit woll-weißem Bolero-Jäckchen trägt. Wirklich schick, befinden Parlaments-Kolleginnen, die aber die passende Strumpfmode vermissen. Fünf vor zwölf ist es, als Kramp-Karrenbauer den Amtseid mit Gottesbezug auf die Verfassung leistet. Treffender könnte die Symbolik für ihre Aufgaben nicht sein.