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Mit dem großen Los ans Gymnasium

Mit dem großen Los ans Gymnasium

Berlin. Es ist wieder so weit: "Desaster", "grausig", "diskriminierend" - die Wortwahl kann nicht dramatisch genug sein, wenn Berlin über seine Schulen diskutiert. Der Anlass dieses Mal: Erstmals wurden Plätze an Gymnasien und Sekundarschulen in großem Stil verlost. Ein bundesweit einmaliges Verfahren, die letzte Stufe der Schulreform

Berlin. Es ist wieder so weit: "Desaster", "grausig", "diskriminierend" - die Wortwahl kann nicht dramatisch genug sein, wenn Berlin über seine Schulen diskutiert. Der Anlass dieses Mal: Erstmals wurden Plätze an Gymnasien und Sekundarschulen in großem Stil verlost. Ein bundesweit einmaliges Verfahren, die letzte Stufe der Schulreform. Mehr Chancengerechtigkeit sollte sie bringen, eine bessere soziale Mischung an den Schulen - und jetzt? Rechtsanwälte reiben sich die Hände. Und es gibt selbst Lehrer, die meinen: "Wir nehmen unseren Kindern die Zukunft." Fünf Monate vor der Wahl steht der rot-rote Senat mit Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD, Foto: dpa) unter Druck.Dass man als Schüler manchmal Glück braucht, gilt in Berlin seit diesem Jahr besonders. Selbst mit der Durchschnittsnote 3,9 soll es ein Grundschulabgänger aufs Gymnasium geschafft haben. Wie das möglich ist? Zunächst hatte die Hauptstadt im vergangenen Jahr Haupt-, Real- und Gesamtschulen abgeschafft und stattdessen die neue Sekundarschule neben das Gymnasium gestellt. Nun greift auch ein neues Auswahlverfahren. Gibt es mehr Anmeldungen als Plätze, suchen sich die Schulen mindestens 60 Prozent ihrer Neulinge selbst aus, manche nach Begabungen etwa in Sport oder Musik, der größte Teil aber nach den Grundschulnoten. Einige Plätze gehen noch an Härtefälle, und dann kommt das Los ins Spiel: 30 Prozent der Plätze werden so verteilt. Das Los entscheidet an Schulen in Deutschland zwar immer mal wieder, aber nur in Berlin wurde die Notlösung zum Grundprinzip gemacht.

"Das System hat sich außerordentlich bewährt", sagt Senator Zöllner. Nie hätten Berliner Schüler so früh im Jahr gewusst, welche Schule sie besuchen werden. Jeder der 26 700 künftigen Siebtklässler habe einen Platz in der gewünschten Schulart bekommen. Doch Zöllner findet wenig Gehör. In Zeitungen geben Anwälte schon ausgiebig Tipps für den Gang vor Gericht.

Denn die Schulwahl gleicht Vielen einem Pokerspiel, dessen Verlierer einen hohen Preis bezahlen. Eltern beklagen einen enormen "Notenstress" für Grundschüler. Und wer an keiner seiner drei Wunschschulen Glück hat, dem kann eine Schule am anderen Ende der Millionenmetropole zugewiesen werden. Rot-Rot hat das Prinzip der Wohnortnähe gekippt. "Unsere Schule ist eine Stunde und zehn Minuten entfernt - eine Strecke", schimpft eine Mutter in einem Leserbrief. "Zehn Minuten von uns sind zwei Sekundarschulen. Wir werden klagen."

Besorgte Eltern kommen der Opposition im aufziehenden Wahlkampf gerade recht. "Berlin hat sich wieder einmal lächerlich gemacht", tönt es von der CDU. "Der Senat hat die Schulreform versemmelt", schimpft Renate Künast (Grüne), die Regierende Bürgermeisterin werden will. "Ein Kind in Berlin denkt: Jetzt kriege ich einen Restplatz - da ist etwas schief gelaufen." Denn "Restschulen" sollten mit dem Ende der Hauptschule ja eigentlich verschwinden. Aber Künast vergisst, dass die Grünen die Reform im Grunde mitgetragen und sich nur wegen Detailfragen enthalten haben.

Zum Teil hallt im aktuellen Streit die wüste Debatte von vor zwei Jahren wider, als Rot-Rot das "Schüler-Lotto" aushandelte, wie Kritiker es nennen. Prinzip Zufall ersetze Prinzip Leistung, hieß es. Bildungsforscher warnten, das sei ungerecht. Selbst Kanzlerin Angela Merkel (CDU) schaltete sich ein und monierte, der Senat traue sich nicht zu sagen, welcher Schüler gut sei und welcher schlecht. Befürworter fanden sich im Landeselternausschuss, der Gewerkschaft GEW, auch im Türkischen Bund. Sie sind heute erstaunlich still. Das gilt auch für die Linke im rot-roten Berliner Senat. Dabei hatte sie das Losverfahren durchgesetzt.

Hintergrund

Für das kommende Schuljahr hat auch an zwei saarländischen Schulen das Los über die Verteilung der Plätze entschieden. Betroffen davon waren nach Angaben des Bildungsministeriums ein Gymnasium und eine Gesamtschule. Das Verfahren ist in der saarländischen Aufnahmeverordnung geregelt. Darin heißt es, Bewerber für weiterführende Schulen sollten aufgenommen werden, "wenn die Nichtaufnahme für sie eine besondere Härte darstellen würde". Ein solcher Härtefall liegt etwa vor, wenn bereits Geschwister die Schule besuchen. Außerdem sind Plätze für Behinderte und Kinder mit "schwieriger sozialer Lage" reserviert. Zum eigentlichen Losverfahren, falls die Aufnahmefähigkeit einer Schule erschöpft ist, schreibt die Verordnung vor: "Die Erziehungsberechtigten können der Auslosung beiwohnen; Ort und Zeitpunkt des Losverfahrens sind ihnen rechtzeitig bekannt zu geben." red