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Millionen Griechen verlieren 30 Prozent ihres Einkommens

Millionen Griechen verlieren 30 Prozent ihres Einkommens

Athen. Der Tag danach: Schockiert und ängstlich haben Griechenlands Medien und große Teile der Bevölkerung gestern auf die Verkündung der Sparmaßnahmen zur Rettung des Landes reagiert. "Hunger und Misere", lautete der Tenor der Boulevardzeitung "Avriani"

Athen. Der Tag danach: Schockiert und ängstlich haben Griechenlands Medien und große Teile der Bevölkerung gestern auf die Verkündung der Sparmaßnahmen zur Rettung des Landes reagiert. "Hunger und Misere", lautete der Tenor der Boulevardzeitung "Avriani". "Ja, ja, wir wissen, wer den Preis bezahlen wird - natürlich wir", kommentierte ein Rentner am Morgen, als er die frisch gedruckten Zeitungen an einem Kiosk in der Athener Innenstadt las. Die linksliberale Zeitung "Eleftherotypia" meinte, den Griechen stünden "vier Jahre ohne Atemzug" bevor. Auch die regierungsnahe "Ta Nea" fand deutliche Worte: "Maßnahmen-Dampfwalze für Beamte und Rentner - die große Opfergabe". Viele Griechen befürchten, dass im Kleingedruckten des Abkommens mit dem Internationalen Währungsfonds, der EU und der Europäischen Zentralbank der Teufel steckt.

Auch Politiker haben Angst vor einem "Horrorszenario" für die Wirtschaft des Landes und letzten Endes für die Existenz des Staates. Sie fürchten den Zorn der Bürger, vor allem derjenigen, die Steuern und Abgaben stets bezahlt haben. "Millionen sehen jetzt, dass sie trotz all ihrer Loyalität den Preis bezahlen müssen", sagte ein Steuerberater. Am schlimmsten trifft es viele Rentner, die mit 600 Euro im Monat auskommen müssen. Denn die indirekten Steuern wurden bereits zum dritten Mal seit Jahresbeginn angehoben. Die Mehrwertsteuer wurde von 19 Prozent Anfang des Jahres zweimal auf insgesamt 23 Prozent erhöht.

Die Gewerkschaften, die vor allem für die Staatsbediensteten mit Einkommensverlusten von 20 bis 30 Prozent rechnen, machen jetzt mobil gegen das Rotstift-Programm der Regierung, die bis 2013 rund 30 Milliarden Euro einsparen will und muss. Gestern ließ bereits die Müllabfuhr ihre Arbeit liegen, heute wollen die Beamten in den Streik treten und erstmals in der Geschichte des Landes gingen auch Offiziere der Armee auf die Straße. Morgen soll das Land durch einen Generalstreik lahmgelegt werden. Die Fluglotsen wollen dann den Luftraum für 24 Stunden komplett schließen - ein Schlag für die lebenswichtige Tourismusbranche Griechenlands.

Was dem Land jetzt fehlt, sei eine neue Idee, ein neues Ziel: "Wie die Olympischen Spiele 2004, die wir trotz aller Hiobsbotschaften wunderbar ausgetragen haben", sagte ein Radiokommentator. Ist das möglich? Einige meinen, die Griechen seien ein Seefahrervolk und an raue Winde gewöhnt.

"Vetternwirtschaft und Korruption kann man nicht bekämpfen, wenn nicht alle davon überzeugt sind, dass jetzt endlich Schluss damit sein muss", hieß es in den Bars und Cafés von Athen. "Es ist nicht sicher, ob dieser Wasserkopf-Staat die Steuern eintreiben kann", meinte ein hoher Beamter des Finanzministeriums. Gleichzeitig könnten die gewaltigen Streiks alle Reformen und Einsparungen zunichte machen. "Es ist notwendig, dass wir ein besseres Griechenland schaffen. Es liegt in unserer Hand", sagt Ministerpräsident Giorgos Papandreou. Griechische Medien bemerken, seine Haare seien binnen weniger Wochen deutlich grauer geworden.