Merkel und Westerwelle haben erneut die Wahl

Berlin. Cem Özdemir gab gestern mit Blick auf die Nachfolge von Horst Köhler den Ton für die Opposition vor: Die Auswahl des nächsten Bundespräsidenten, stichelte der grüne Parteichef gegen Union und FDP, müsse "anders als beim letzten Mal nicht in der Wohnung des Außenministers mit Filzpantoffeln, sondern in einer angemessenen Weise" erfolgen

Berlin. Cem Özdemir gab gestern mit Blick auf die Nachfolge von Horst Köhler den Ton für die Opposition vor: Die Auswahl des nächsten Bundespräsidenten, stichelte der grüne Parteichef gegen Union und FDP, müsse "anders als beim letzten Mal nicht in der Wohnung des Außenministers mit Filzpantoffeln, sondern in einer angemessenen Weise" erfolgen. Nach einer gemeinsamen Suche von Regierung und Opposition nach einem neuen Bundespräsidenten klingen solche Sätze nicht. Kaum ist Horst Köhler zurückgetreten, haben hinter den Kulissen schon die parteitaktischen Spielchen begonnen, wer ihm mit welcher Unterstützung - laut Verfassung in 30 Tagen - ins Schloss Bellevue nachfolgen könnte. Erste Namen werden bereits gehandelt.

Offiziell will man sich dazu natürlich aus Respekt vor Horst Köhler noch nicht äußern. Auch Kanzlerin Angela Merkel vermied bei ihrer Pressekonferenz jeden Hinweis darauf, wie die Koalition in dieser so überaus wichtigen Personalfrage weiter verfahren wird. Die Ausgangslage ist aus Sicht von Schwarz-Gelb jedenfalls komfortabel: Dank ihres Sieges bei der Bundestagswahl haben Union und FDP in der Bundesversammlung eine klare Mehrheit - trotz der Einbußen bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen Anfang Mai (siehe Grafik). Die Bundesversammlung setzt sich aus den 622 Bundestagsabgeordneten und einer gleich großen Anzahl von Mitgliedern zusammen, die von den Landtagen nach den jeweiligen Fraktionsstärken bestimmt werden.

Und wie vor sechs Jahren kommt es wieder auf Merkel und FDP-Chef Guido Westerwelle an, die damals Köhler überraschend aus dem Hut zauberten. Sie entscheiden weitgehend im stillen Kämmerlein, ob es ein Unionsvertreter oder einer der FDP werden wird - was durchaus möglich ist, um die angeschlagenen Liberalen in der Koalition zu stabilisieren. Möglich ist auch, dass beide den Versuch unternehmen werden, zusammen mit Grünen und SPD einen für alle akzeptablen Bewerber aufzustellen. Die Wahrscheinlichkeit wird in Berlin allerdings als nicht besonders groß eingestuft. Unabhängig von den taktischen Erwägungen werden in den Berliner Zirkeln bereits Namen genannt: Der von Roland Koch (CDU, alle Fotos: dpa) zum Beispiel, der sein Amt als hessischer Ministerpräsident aufgeben will. Nicht gerade ein Versöhner. Auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers ist ein möglicher Anwärter; ihm wurde bereits vor der Landtagswahl nachgesagt, er strebe wie einst sein SPD-Vorgänger Johannes Rau das Amt des Bundespräsidenten an. Von der Niedersachsen-SPD wurde die ehemalige EKD-Vorsitzende Margot Käßmann ins Spiel gebracht, was Parteichef Sigmar Gabriel prompt als "vorschnell" abtat. Zu hören ist auch der Name von Petra Roth (CDU), Frankfurter Oberbürgermeisterin, die parteiübergreifend große Anerkennung genießt. Das Karussell hat aber gerade erst begonnen, sich zu drehen.