TV-Duell: Merkel gegen Schulz im Nahkampf ums Kanzleramt

TV-Duell : Merkel gegen Schulz im Nahkampf ums Kanzleramt

Im TV-Duell treffen die beiden Kontrahenten erstmals vor einem Millionenpublikum aufeinander.

Kann Martin Schulz seine Emotionen im Zaum halten? Der SPD-Chef kann ganz schön aufbrausend sein, wenn er provoziert wird. Oder zeigt Angela Merkel doch mal Nerven? Bis jetzt hat die Kanzlerin alle Angriffe des Herausforderers an sich abtropfen lassen. Teflon-Merkel eben. Schon während und kurz nach dem Ende des einzigen TV-Duells im Wahlkampf werden die Demoskopen versuchen, die entscheidende Frage zu beantworten: Wer geht am Sonntagabend als Sieger aus dem Studio in Berlin-Adlershof?

15 bis 20 Millionen, vielleicht sogar 30 Millionen Zuschauer werden zugucken, wie Schulz versucht, die Kanzlerin aus der Reserve zu locken. Auf ihm liegt der größte Druck: Viele halten den direkten Abtausch mit Merkel für seine vielleicht letzte Chance, den Umfragetrend bis zum 24. September zu drehen. Seit Wochen liegt die SPD wie festgenagelt gut 15 Punkte hinter der Union. Viele Wähler sind nach einem schlappen Wahlkampf unentschlossen. Die früheren Duelle zeigten: Die Show beeinflusst die Wählergunst kaum.

Zwei Moderatorenpaare von ZDF, RTL, ARD und Sat.1 befragen Merkel und Schulz, wie bei früheren Spitzen-Duellen. Schon um die Modalitäten gab es Streit. Merkel drohte, gar nicht erst anzutreten, falls die Sender wie geplant das Format verändern sollte, um mehr Drive in den 90-Minuten-Schlagabtausch zu bringen. Am Ende setzte sie sich durch. Schulz sieht sich benachteiligt – und wird durch Ex-ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender bestätigt, der den Merkel-Leuten Erpressung vorwarf: „Das Kanzleramt verlangt ein Korsett für die Kanzlerin, in dem sie sich nicht bewegen muss. Und zugleich eines für Schulz, in dem er sich nicht bewegen darf.“

Fest steht, die Antworten sollen jeweils nicht länger als 60 bis 90 Sekunden sein – unter dem Strich werden beide gleich lang reden. Studio-Publikum gibt es nicht. Weder Merkel noch Schulz dürfen etwas in die Kameras halten. Highlight des Merkel-Duells 2013 gegen SPD-Mann Per Steinbrück war aber Merkels schwarz-rot-goldene „Schlandkette“. Die Auslosung für Sonntag hat Merkel gewonnen – sie wählte die Schlussfrage. Wohl in der Hoffnung, dass dieses Statement bei den Zuschauern am besten im Gedächtnis haften bleibt.

Auf der Agenda des Abends dürfte wenig Überraschendes zu finden sein: Abgas-Affäre, Terror, Türkei, Trump, Putin, Nordkorea, Aufrüstung, Flüchtlinge. Von Schulz wird erwartet, dass er einen Schwerpunkt beim Sozialen, den Renten, der Bildung setzt. Für Merkel dürften die Gerechtigkeitsthemen die schwierigsten sein, sie weiß: Hier kann sie gegen den Sozialdemokraten kaum gewinnen. Anders könnte es bei den internationalen Themen sein: Da setzt die Kanzlerin auf ihre Erfahrung mit den schwierigen Männern der Welt. Vielleicht noch wichtiger als die Inhalte sind beim Duell Gestik, Mimik und Tonfall. Verheddert sich ein Kandidat in Details, schwitzt, stottert? Knöpft sich der Herausforderer die Kanzlerin richtig vor? Am vergangenen Wochenende war Schulz in den Attacke-Modus gewechselt, warf Merkel ziemlich aggressiv Abgehobenheit vor.

Solche persönlichen Angriffe sind oft ein schmaler Grat: Übertriebene Härte kann abstoßend wirken. „Ich habe nicht die Absicht, Frau Merkel persönlich zu attackieren. Ich respektiere Frau Merkel sehr, ich kenne sie gut“, sagt Schulz jetzt. Und: Die CDU-Chefin fliege in ihrer „Air Force One“ über den Wolken, kriege gar nicht mit, was die Bürger bewege: „Aber für das Duell muss die Air Force One ja landen, muss die Frau Merkel auch aussteigen.“

Seit einiger Zeit steht ihm Bela Anda, früherer Vertrauter von Altkanzler Gerhard Schröder und Ex-„Bild“-Vize, zur Seite. Die Kanzlerin dürfte in ihrem vierten Duell wieder auf ihre Medienberaterin Eva Christiansen und Sprecher Steffen Seibert setzen, der früher beim ZDF moderierte.

Sie moderieren das TV-Duell: Claus Strunz (ProSieben/Sat.1), Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL). . Foto: WDR/Thomas Kierok/Thomas Kierok

Schulz habe im SPD-Umfragetief gezeigt, dass er ein Kämpfer ist, heißt es anerkennend in Merkels Reihen. Dort werden ihm gute Chancen gegeben, ein Unentschieden zu erreichen – das sagen Demoskopen auch. Außerdem dürfte Schulz zugute kommen, dass er sich endlich im direkten Vergleich auf Augenhöhe mit der Kanzlerin präsentieren kann. Weder im Kabinett noch im Bundestag hatte er bislang eine Bühne. Merkels Taktik dürfte wieder sein, sich nicht in Kleinkriege um Details verstricken zu lassen. Aber reicht Einschläfern, wie bei ihrer Sommerpressekonferenz Anfang der Woche? Das könnte Schulz‘ Chance sein, sich als Mann der Zukunft zu zeigen, prinzipienfest, zupackend. Vor vier Jahren sprach Merkel am Ende des Duells mit treuem Augenaufschlag ihren Satz „Sie kennen mich“ in die Kamera. Kommt sie wieder damit durch? Schulz grübelt wohl noch über berühmte letzte Worte. „Es ist vollbracht“, will er zumindest am Wahlabend in sein Tagebuch schreiben.

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