Urteil des Bundesverfassungsgerichts : Mädchen, Junge – oder beides

Urteil des Bundesverfassungsgerichts : Mädchen, Junge – oder beides

Das Bundesverfassungsgericht verlangt künftig drei Optionen im Geburtenregister – für Menschen wie Camille Mylene Lawinger aus Saarbrücken.

Schon im Sandkasten, sagt sie, habe sie in den Himmel geschaut und sich gefragt: Warum verkleiden die mich als Jungen? Ich bin doch ein Mädchen. Camille Mylene Lawinger kam 1952 im elsässischen Mulhouse als Hermaphrodit, als Zwitter, zur Welt. Für ihre Eltern ein Schock. Mit neun Monaten wurde sie zum ersten Mal operiert. Zu groß war die Belastung, vor allem für die Mutter. „Der Schmerz war so unerträglich, dass sie nicht mehr in der Lage war, mich zu wickeln.“ Also sprach der Vater ein Machtwort – und bekam seinen heiß ersehnten Sohn. „Man hat mich als Baby zum Jungen reduziert“, erzählt die heute 65-jährige Saarbrückerin. Reduziert? „Das sage ich deshalb, weil ich kein Junge war.“ Dies zeigte sich auch prompt in der Pubertät, als Camille, wie das Kind geschlechtsneutral genannt wurde, Brüste wuchsen. Was wiederum dazu führte, dass es zwei Jahre lang mit männlichen Hormonen behandelt wurde.

Die Erinnerung daran schmerzt immer noch: „Da war ich etwa zwölf, dreizehn Jahre alt. Und um des lieben Friedens willen ließ ich alles über mich ergehen.“ Warum haben die Ärzte nicht anders entschieden? „Die waren immer der Meinung, das Kind wird das, wonach man es erzieht“, sagt Lawinger. Sie selbst hält das für „vollkommen falsch“. Immer wieder wurde sie stigmatisiert, diskriminiert. Irgendwann floh sie von zu Hause, um, wie sie sagt, „ich selbst“ zu werden. Mit 20 wagte sie die große OP, wurde ganz zur Frau. Und kehrte wieder nach Hause zurück, um den Eltern zu sagen: „Das habe ich alles alleine durchgestanden, um euch nicht zu belasten.“

Camille Mylene Lawinger hat ein bewegtes Leben hinter sich. In der Autobiografie „Zuckerbrot“ blickt sie auf ihr Leben als Prostituierte,  Domina und als Chanson-Sängerin zurück. All das hat sie inzwischen weit hinter sich gelassen. „Ich will keine Kuriosität mehr sein“, sagt sie. Heute tritt Camille Mylene Lawinger dafür ein, dass Intersexuelle das Recht haben, sich nicht für ein Geschlecht entscheiden zu müssen. Den jüngsten Beschluss des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe, dass Standesämter ein drittes Geschlecht für den Eintrag im Geburtenregister vorsehen müssen, bezeichnet sie als „fantastisch“. „Ich bin vollkommen dagegen, Menschen zu einer Entscheidung zu zwingen und erst recht zu einer Operation“, fügt sie hinzu.

Bisher erlaubt das Personenstandsgesetz nur die Wahl zwischen „männlich“ und „weiblich“ oder den Verzicht auf eine Eintragung. Diese Regelungen seien diskriminierend und verstießen gegen das allgemeine Persönlichkeitsrecht, entschieden die Karlsruher Richter in einem gestern veröffentlichten Urteil. Es müsse auch möglich sein, dass Menschen, jenseits von „männlich“ und „weiblich“ sich ein eigenes Geschlecht zuordnen lassen können. Dass auf die Geschlechtsangabe verzichtet werden kann, reiche nicht aus. Bis 31. Dezember 2018 muss der Gesetzgeber nun eine Neuregelung schaffen. Damit hatte die Verfassungsbeschwerde einer mittlerweile erwachsenen Person Erfolg, die sich nicht als „Mann“ oder „Frau“ ins Geburtenregister eintragen lassen wollte. Sie sei intersexuell, entschied das höchste deutsche Gericht. Daher müsse das Standesamt ein drittes Geschlecht eintragen wie „inter/divers“ oder „divers“.

Experten schätzen, dass in Deutschland bis zu 160 000 Intersexuelle leben. Pro Jahr kommen demnach 150 bis 200 Kinder mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt. Noch bis vor 15 oder 20 Jahren hätten Ärzte meist versucht, das Geschlecht intersexueller Kinder „bestmöglich“ festzulegen, erklärt die Psychologin Katinka Schweizer vom Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Selbsthilfegruppen wie der Verein „Intersexuelle Menschen“ prangern diese sogenannten geschlechtsangleichenden Operationen heute als Menschenrechtsverletzung an.

Das Thema Intersexualität verfolgt sie ein Leben lang: Camille Mylene Lawinger, hier mit ihrem Hund, der inzwischen gestorben ist. Foto: Florian Brunner

Zwar sind nach Schweizers Einschätzung mittlerweile viele Ärzte deutlich zurückhaltender. „In der Praxis kommt der Druck aber oft auch von Eltern, die wollen, dass ihr Kind ‚normal‘ aussieht.“ Gründe dafür seien meist Ängste und Unsicherheit. Schweizer fordert deshalb mehr Beratung für Betroffene und ihre Familien.

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