Lkw-Anschlag erschüttert Israel

Lkw-Anschlag erschüttert Israel

Bei einem Terroranschlag mit einem Lastwagen hat ein Palästinenser in Jerusalem vier israelische Soldaten getötet. Es ist ein neuer Höhepunkt in der schwelenden Anschlagsserie im Konfliktherd des Nahen Ostens.

Drei Soldatinnen und ein Soldat, alle Anfang 20, sind bei einem Terroranschlag mit einem Lastwagen in Jerusalem getötet worden. 15 weitere Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Der palästinensische Angreifer aus Ostjerusalem lenkte sein Fahrzeug gestern Mittag an einer beliebten Promenade im Bezirk Armon Hanaziv direkt in die Gruppe der Soldaten. Anschließend setzte er mit dem Lastwagen zurück, um ihn erneut in die Gruppe zu rammen und weitere Menschen zu töten, bevor er selbst erschossen wurde. Mehrere Verletzte waren unter dem Lastwagen eingekeilt. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berief für den Abend eine Sondersitzung des Sicherheitskabinetts ein.

Polizeichef Roni Alscheich sprach noch am Ort des Anschlags die Möglichkeit an, der Attentäter habe sich vom Lastwagenanschlag in Berlin vor drei Wochen inspirieren lassen. Der Anschlag hat jedoch nur insofern Ähnlichkeit mit dem Terror auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, dass es sich in beiden Fällen um einen Lastwagen handelt. Während in Berlin die Tat geplant war, agierte der palästinensische Fahrer, wie die Polizei vermutet, spontan, als er die Soldaten sah. "Soweit wir wissen, beschleunigte er sein Fahrzeug, als er die Gruppe bemerkte, die aus einem Bus an der Promenade stieg", erklärte eine Polizeisprecherin. Dazu kommt, dass er im Gegensatz zum Attentäter von Berlin nicht floh, sondern offenbar einkalkulierte, dass er den Anschlag nicht überleben würde.

Der Mann war den Sicherheitsdiensten bekannt. Ersten Informationen zufolge, gehörte er der Hamas an und war mindestens einmal im Gefängnis. Nach Aussagen von Polizeichef Alscheich habe es dennoch keine Indizien für einen geplanten Anschlag gegeben. Die Polizei verhängte eine Nachrichtensperre über die Ermittlungen. Palästinensischen Informationen zufolge handelt es sich um den 28-jährigen Fadi Ahmad Hamdan Al Kunbar aus dem Ostjerusalemer Bezirk Dschabel Mukabir, der unmittelbar an Armon Haniziv angrenzt. Berichten des israelischen Hörfunk zufolge, durchsuchte die Polizei sein Elternhaus und verhaftete einen seiner Brüder.

Der Lastwagenanschlag ist seit langem das schlimmste Attentat in der Stadt. Israel ist seit eineinhalb Jahren mit einer neuen Serie von zumeist mit Messern verübten Gewaltakten konfrontiert. Angefangen hatte die neue Terrorwelle mit einem Streit über Besuchsrechte für Juden und Muslime am Tempelberg. Seitdem starben in dem Konflikt bereits Hunderte Menschen.

In einer Mitteilung der Hamas ist von einem "heroischen und mutigen Lastwagen-Anschlag" die Rede, der eine "natürliche Reaktion auf die Verbrechen der israelischen Besatzung" sei. Die islamistische Führung im Gazastreifen soll Süßigkeiten verteilt haben, um den Anschlag zu feiern. Nickolay Mladenow, UN-Sonderkoordinator für den Friedensprozess im Nahen Osten, beeilte sich mit einer Verurteilung des Anschlags und der Versuche, "derartige Taten zu glorifizieren". An Terror gäbe es "nichts heroisches", hieß es.

Meinung:

Vorsicht vor Vergleichen

Von SZ-Mitarbeiterin Susanne Knaul

Die Parallele zum Lastwagenanschlag in Berlin erscheint nur allzu offensichtlich. Dennoch ist der Hinweis von Israels Regierungschef, der Attentäter Al Kunbar sei Anhänger des IS gewesen, mit Vorsicht zu genießen. Eine Gleichstellung der beiden Terroristen wäre verkehrt: Den Attentäter von Berlin trieb der Hass auf alle, die sich nicht an die Regeln "seines" Islams halten. Dem Palästinenser Al Kunbar ging es wohl um das Ende der Besatzung, vielleicht auch um Rache. Während der eine wahllos Zivilisten mordete und floh, zielte der andere auf Soldaten und nahm in Kauf, selbst zu sterben. Das macht sein Verbrechen nicht ehrenhafter, aber es unterscheidet sich fundamental von IS-Anschlägen.

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