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Liechtenstein, das sechstkleinste Land der Welt, wird 300 Jahre alt

Liechtenstein feiert Geburtstag : Das sechstkleinste Land der Welt wird 300 Jahre alt

Für Anleger gehört das Fürstentum Liechtenstein trotz mancher Finanzskandale immer noch zu den begehrten Adressen. Warum eigentlich?

„Oben am jungen Rhein / Lehnet sich Liechtenstein“ – so beginnt die Nationalhymne des zwischen Österreich und der Schweiz gelegenen Fürstentums. Musikalisch gesehen, bewegen sich die Liechtensteiner beispielsweise bei Fußballspielen auf Augenhöhe mit den ganz großen Nationen: Die Melodie entspricht der Hymne des Vereinigten Königreichs „God save the Queen“. Unter sportlichen Gesichtspunkten fällt die Bilanz trotz mancher Achtungserfolge eher mager aus: Gegen Deutschland verlor man im bislang letzten Heimspiel 2008 im „Hauptort“ Vaduz 0:6.

Allerdings: Bei gerade mal rund 38 000 Bewohnern ist der Pool an Ausnahmekickern überschaubar. Selbst Radfahrer müssen aufpassen, dass sie die jeweiligen Grenzübergänge des 24,8 Kilometer langen Zwergstaats bewusst wahrnehmen: Liechtenstein ist über einen Zollvertrag eng mit der Schweiz verbunden. Verstecken muss sich das Fürstentum keineswegs: Trotz diverser Finanzskandale zählt der Alpenstaat unter finanzkräftigen Anlegern zu den ersten Adressen. Wirtschaftliches Aushängeschild ist der Werkzeug-Gigant Hilti; die Arbeitslosenquote lag zuletzt bei 1,8 Prozent, der durchschnittliche monatliche Bruttolohn 2016 betrug 6603 Schweizer Franken (5840 Euro).

Das hätte sich Fürst Johann Adam I. (1657-1712) sicher nicht träumen lassen, als er 1699 und 1712 die Besitzungen Schellenberg und Vaduz erwarb. In beiden Fällen handelte es sich um reichsunmittelbare Territorien, die der in Böhmen und Österreich beheimateten Adelsfamilie Zugang zu einem Sitz im Reichsfürstenrat des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation verschafften. Ein politisch geschickter Schachzug, den am 23. Januar 1719 Kaiser Karl VI. dadurch krönte, dass er Schellenberg und Vaduz zum Reichsfürstentum Liechtenstein verschmolz. Dieses vor 300 Jahren zurückliegende Ereignis gilt als Geburtsstunde des heutigen Liechtenstein.

Der Zuwachs an Einfluss im Reich war freilich teuer erkauft. „Liechtenstein war einst ein armer Bergbauernstaat, die Fürsten haben Geld investiert, damit es überleben konnte“, formulierte es unlängst Erbprinz Alois, Staatsoberhaupt seit 2004, in der „Süddeutschen Zeitung“. „Nicht das Volk hat die Monarchie finanziert, es war umgekehrt.“

Entsprechend robust tritt das Fürstenhaus auf. Eine umstrittene Verfassungsänderung räumte dem regierenden Monarchen vor gut 15 Jahren weitreichende Befugnisse ein. Schon vorher hatte der Fürst beispielsweise das Recht, Gesetze abzulehnen oder den Landtag aufzulösen; seit 2003 kann Seine Durchlaucht auch die gewählte Regierung entlassen, Richter ernennen oder den Staatsgerichtshof entmachten. Umgekehrt steht es dem Volk frei, die Monarchie mit einer einfachen Mehrheit der Stimmen abzuschaffen.

Eine „konstitutionelle Erbmonarchie auf demokratischer und parlamentarischer Grundlage“ nennt sich dieses besondere Gebilde – in dem Frauen erst seit 1984 Wahlrecht haben. Eine gewisse Ungleichzeitigkeit gehört zur Geschichte Liechtensteins wie die schneebedeckten Alpengipfel. Die Fürsten, deren seit 1136 belegtes Geschlecht sich nach einer Burg südlich von Wien benannte, ließen sich erst 1938 in ihrem Territorium am „jungen Rhein“ nieder.

Anders als die in Monaco residierenden Grimaldis lebt die milliardenschwere Familie eher zurückgezogen und taucht nur selten in der Klatschpresse auf. Ein in Tschechien ausgefochtener Rechtsstreit der hauseigenen Stiftung um Herausgabe früherer Besitzungen dürfte daran nichts ändern.

Diskretion zu schätzen weiß auch die in dem Kleinstaat als „Landeskirche“ besonders privilegierte katholische Kirche. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es geheime Überlegungen, den Papst zum Fürsten von Liechtenstein zu machen, um ihm den Rücken im Streit mit Italien um den Status des Vatikan zu stärken. Das war dem späteren Regenten Franz I. dann doch zu viel des Guten.

In der jüngeren Zeit fand dafür ein anderer Zuflucht: Wolfgang Haas. Bis 1997 war der gebürtige Liechtensteiner Bischof von Chur in der Schweiz, wo es starke Spannungen gab. Nach vielen Konflikten versetzte Papst Johannes Paul II. 1997 den konservativen Kirchenmann in das eigens geschaffene Erzbistum Vaduz, das der inzwischen 70-Jährige noch heute leitet.