Leere Flieger an Europas HimmelMutter der Billigflieger feiert Jubiläum

Leere Flieger an Europas HimmelMutter der Billigflieger feiert Jubiläum

Brüssel. Das ist der Alptraum für Europas Verkehrspolitiker: Leere Jets pendeln zwischen den großen Flughäfen, weil die Airlines Angst haben, ihre kostbaren Start- und Landerechte (Slots) durch zu viel Ausfälle zu verlieren

Brüssel. Das ist der Alptraum für Europas Verkehrspolitiker: Leere Jets pendeln zwischen den großen Flughäfen, weil die Airlines Angst haben, ihre kostbaren Start- und Landerechte (Slots) durch zu viel Ausfälle zu verlieren. Nun will Brüssel gegensteuern: Verkehrskommissar Antonio Tajani (Foto: afp) denkt daran, den Fluggesellschaften ihre Slots zu garantieren, auch wenn diese mangels Auslastung der Flieger nicht in Anspruch genommen werden. Bisher gilt auf den großen Airports (in Deutschland gehören Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, München und Stuttgart dazu) die so genannte "use it or lose it"-Regel: Wer seine Slots nicht zu mindestens 80 Prozent nutzt, verliert sie. Sie wiederzubekommen kann dauern: Ein staatlich gelenktes Gremium der Flughafen-Koordinatoren vergibt die Slots zwei Mal im Jahr für eine Saison (30 Wochen im Sommer, 22 Wochen im Winter). Vor allem die so genannten Billig-Airlines spekulieren nun aber darauf, dass die großen Gesellschaften ihre Flieger in der Wirtschaftskrise nicht voll auslasten können und Landrechte aus Kostengründen abgeben müssen. "Wir wollen eine Regelung im allgemeinen Interesse treffen", kündigte Tajani inzwischen an, ohne sich auf Details einzulassen. Die aber liegen längst vor, denn der europäische Airline-Verband AEA drängt Brüssel, die geltenden Slot-Regelungen zu lockern und außerdem die Flughafen- und Flugsicherungsgebühren für die Dauer des Konjunktur-Tiefs einzufrieren. Für den Passagier hieße das: Wichtige Bestandteile der Ticketpreise wären quasi staatlich reguliert. Die Branche trifft die Diskussion zu einem Zeitpunkt, in dem ohnehin alles durcheinander gewirbelt wird. Erst vor wenigen Tagen hatte nämlich das Straßburger Parlament den jahrelangen Streit um den einheitlichen europäischen Luftraum (Single European Sky, SES) beendet und die Neuregelung ab 2012 in Kraft gesetzt. Im Gegensatz zum Pkw-Verkehr, der zwischen Rom und Stockholm praktisch ungehindert Grenzen passieren kann, orientiert sich die Luftfahrt nach wie vor an der Zuständigkeit der Flugsicherung. Der Pilot eines Jets, der von Brüssel nach Rom fliegt, muss sich allein neun Mal an- und abmelden und dabei erhebliche Umwege in Kauf nehmen. Europa ist - so die Lufthansa - nämlich nach wie vor aufgeteilt: 47 Flugsicherungsdienstleister in 58 Flugleitstellen, die mit 22 Betriebssystemen in 30 Programmiersprachen arbeiten, sorgen dafür, dass jeder Lotse bis zu 480 Flüge pro Schicht bearbeitet, was zu Kosten von rund 580 Euro je Flug führt. Nach Berechnungen, die für das Projekt "Single European Sky" vorgenommen wurden, fliegen Europas Jets etwa 300 Millionen Kilometer pro Jahr an Umwegen, nur weil die Flugsicherung nicht nach einheitlichen Maßstäben arbeitet. Allein die Kranich-Airline spricht von unnötigem Treibstoff-Verbrauch, mit dem man pro Woche einen vollbeladenen Flieger von Frankfurt nach New York pendeln lassen könnte. Nun wird ab 2012 alles anders. Dann gehört Deutschland zusammen mit Frankreich, der Schweiz und den Benelux-Staaten zu einem Block. Insgesamt gibt es neun. Der Fluggast, so betont man bei allen Airlines, werde von der Neuregelung massiv profitieren: Nicht nur durch eine nochmals erhöhte Sicherheit, sondern auch durch den Wegfall von Warteschleifen an überlasteten Airports und vor allem durch kürzere, weil direktere Flüge zum Ziel. Die Reise von München nach Hamburg könnte dadurch, so heißt es bei Experten, um bis zu zwölf Minuten kürzer werden. Hahn. Es war der 7. April 1999, als eine nagelneue Boeing 737-800 der irischen Billigfluglinie Ryanair zum ersten Mal auf dem ehemaligen US-Militärflughafen Hahn landete. Damit ging der erste Low-Cost-Flughafen in Deutschland offiziell an den Start. Ryanair-Chef Michael O'Leary verkündete, dass die neuen Linienflüge nach London-Stansted und zurück in den ersten Wochen für 99 Mark (ohne Steuern) zu haben seien. Hahn und Ryanair entwickelten sich zum Inbegriff für die Schnäppchenjagd am Himmel. Im Februar 2002 machte Ryanair Hahn zu seinem zweiten kontinentalen Drehkreuz. Damit schnellte die Zahl der Flugziele in die Höhe. Derzeit bieten die Iren vom Hunsrück aus rund 50 Destinationen an. Die Iren sagten vor allem der Lufthansa den Kampf an. Die Airlines lieferten sich einen heftigen Rechtsstreit um vergleichende Werbung. Ryanair behauptete unter anderem, ihre Hinflüge seien um "bis zu 90 Prozent günstiger als der gegenwärtig angebotene niedrigste Tarif der Lufthansa". Die Lufthansa stieß sich auch daran, dass die Billigkonkurrenz von "Frankfurt-Hahn" spricht - obwohl die Metropole rund 125 Kilometer entfernt ist. Vor Gericht zog Lufthansa hier jedoch den Kürzeren.Kein Schnickschnack"No-frills" ("Kein Schnickschnack") lautet das Motto der Billigflieger. Bei Ryanair sind zwar Ticketpreise von wenigen Euro nicht selten. Aber es können Zusatzgebühren etwa für Abfertigung und Übergepäck hinzukommen. Spätestens ab 1. Oktober will Ryanair Fluggäste nur noch über das Internet einchecken lassen. Vor allem setzen die Iren auf günstige Zielflughäfen, einen effizienten Flugbetrieb und beschränken sich auf Flugzeuge des Typs Boeing 737-800. Das verbilligt die Wartung der Maschinen und die Ausbildungsprogramme für die Besatzungen. Gesellschafter des Flughafens Hahn sind inzwischen die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen. Die Wirtschaftskrise könnte das Ziel, schwarze Zahlen zu schreiben, in weite Ferne rücken lassen: Zuletzt ging die Hahn-Geschäftsführung für 2009 von deutlich sinkenden Passagierzahlen aus. dpaMeinung

Markteingriffe sollten tabu sein

Von SZ-Korrespondent Detlef Drewes Es ist schon erstaunlich, mit welcher Unbekümmertheit nicht nur Regierungen, sondern auch private Unternehmen den Markt, den sie gestern noch forderten, heute aufzugeben bereit sind. Was die Airlines da von der EU-Kommission erwarten, bedeutet nicht mehr und nicht weniger als die Wiedereinführung des Protektionismus, dieses Mal auf den Start- und Landepisten der Flughäfen. Dass die Gesellschaften unter der Wirtschaftsflaute zu leiden haben, steht außer Frage. Aber das Reservieren der ohnehin kostbaren Slots darf kein Weg sein. Flughäfen sind Privatunternehmen, Fluggesellschaften auch. Beide haben sich an Angebot und Nachfrage zu orientieren. Wenn Brüssel sich da zu Regulierungen hinreißen lässt, fällt ein weiteres Tabu. Und das darf nicht sein.

Mehr von Saarbrücker Zeitung