Lebensretter hinter Gittern auf der Lerchesflur

Wiederbelebung im Hochsicherheitsgefängnis : Ein Lebensretter hinter Gittern

Zwischenfall im Saarbrücker Hochsicherheitsgefängnis: Wie ein Vollzugsbeamter seinen Kollegen wieder ins Leben zurückholte.

Saarbrücken Diese Männer haben jahrelange Knasterfahrung.  Dirk Werber (47) und Patrick Hoffmann (29) arbeiten hinter den dicken Betonmauern mit breiten Stacheldrahtkronen in der Justizvollzugsanstalt (JVA)  auf der Saarbrücker Lerchesflur. Ein Hochsicherheitsgefängnis. Im Gegensatz zu den dort einsitzenden 630 Gefangenen aus 45 Nationalitäten (davon 110 Untersuchungshäftlinge) haben Werber und Hoffmann aber Schlüsselgewalt. Jeder von ihnen hat seinen Bund mit etwa zehn großen Schlossöffnern für  Zellentüren, Tore und Schleusen sowie ein persönliches Notrufgerät stets griffbereit. Die Begriffe „Schließer“ oder „Wärter“ für ihren Beruf hören die Vollzugsleute in den blauen Uniformen überhaupt nicht gerne. „Das ist abwertend. Wir sind keine Schließer. Wärter gibt es im Zoo“, sagt der im Merchweiler Ortsteil Wemmetsweiler lebende  Werber. Er wartet übrigens auf die Beförderung vom Hauptsekretär zum Amtsinspektor. An mangelnden Engagement dürfte es nicht liegen, dass daraus bislang nichts  wurde, eher am kargen Budget der Justiz.

Der Familienvater arbeitet  seit Oktober 1996 hinter Gittern. Er beschreibt den sicherheitsrelevanten Job, den er und rund 230 Kolleginnen und Kollegen im Vollzugsdienst „auf der Lerchesflur“ im Schichtdienst erledigen als vielfältig und herausfordernd:  Sie sind erste Ansprechpartner der Inhaftierten, die ihre Sorgen und Nöte mit ihnen teilen wollen. Berater und Betreuer. Viele Häftlinge suchen und finden eine Vertrauensbasis zu den Beamten. Mitunter sind auch Psychologie  und Fähigkeiten eines Sozialarbeiters oder Seelsorgers gefragt. Werber: „Die Distanz zu dem Gefangenen muss bei alledem gewahrt werden.“ Regelmäßige Zellenkontrollen stehen ohnehin an. Die Sicherheit hat absoluten Vorrang. Fazit: Ein Job für Allroundtalente, „Mädchen für alles“. Pascal Jenal,  Leiter der Vollzugsanstalt, berichtet aus der Praxis, wenn er sagt, dass oft entscheidende Hinweise auf Auffälligkeiten bei Inhaftierten von Mitarbeitern in den jeweiligen Abteilungen kommen. Dann werden Fachdienste im Haus informiert. Suizide im Saarbrücker Gefängnis gab es seit fast zweieinhalb Jahren nicht mehr. Vielleicht genau deswegen. Prävention wird groß geschrieben.

Ein Arbeitsplatz des Hauptsekretärs Werber ist seit einigen Monaten in der JVA-internen Sicherheitszentrale im Hafthaus vier. In diesem Raum laufen die Drähte zusammen: Alarmmelder, Videoüberwachungen und die Bilder, die Kameras aus bis zu  24 Monitor-Zellen liefern. Dort werden die  Gefangenen überwacht, die als akut suizidgefährdet eingestuft werden.

Wenn der erfahrene Mann nicht vor den Bildschirmen wacht, schiebt er Abteilungsdienst. 40 Gefangene, die lange Strafen zu verbüßen haben, beaufsichtigt er mit Kollegen  in der Abteilung VA 6 im Haus vier. Von vielen der Insassen kennt er die Lebensgeschichten  und Straftaten aus deren persönlichen Sicht. Der Vollzugsprofi bleibt Realist: „Du merkst natürlich schon, was gespielt ist und was nicht.“

In seinen Berichten aus dem Berufsalltag unterscheidet Werber in „vor dem Ereignis“ und „nach dem Ereignis“. Damit meint er eine persönliche Erfahrung, einen gesundheitlichen Tiefschlag. Sein Leben stand auf der Kippe. „Wenn mir das daheim passiert wäre, oder im Auto – ich wäre heute nicht mehr da. Ich hatte Glück, dass ich auf der Arbeit war.“ Das „Ereignis“ war am 21. Februar 2017, vormittags um elf Uhr.  Es verbindet den 47-Jährigen Vater von vier Kindern (neun bis 26 Jahre) ganz besonders mit seinem Kollegen Hoffmann. „Das ist mein Lebensretter“, sagt Werber und zeigt dankbar auf den jungen Obersekretär mit fast zehnjähriger Joberfahrung aus dem Eppelborner Ortsteil Humes. Der wird nächste Woche 30 Jahre und wird bald Chef der JVA-Hausfeuerwehr.

Beide hatten an jenem Tag Dienst in einer Werkhalle. Sie beaufsichtigten dort rund 25 Häftlinge, die für eine Firma Styropor bearbeiteten. Werber fühlte sich seit Dienstantritt schlecht. Übelkeit und Rückenschmerzen. Sein Kollege drängte, dass er sich doch bei der Anstalts­ärztin Rat holen sollte. Genau in dem Moment, da Werber sich auf den Weg machen wollte, brach er zusammen. Der fast zwei Meter große Raucher  lag bewusstlos am Boden. Er hatte Riesenglück. Sein Schichtpartner Hoffmann ist aktiver Feuerwehrmann in Humes und ausgebildeter Sanitäter. Der wurde sofort aktiv. Über Funk löste er Alarm in der JVA aus: „Notfall mit Beamtem“. Alle Gefangenen kamen sofort unter Verschluss. Hoffmann rief nach Verstärkung, alarmierte das Krankenrevier. Sein dramatischer Bericht: „Der Kollege war bewusstlos, nicht ansprechbar. Er lief blau an.“ Puls war demnach nicht mehr tastbar. Das Herz stand still. Der  Junggeselle aus Humes packte zu, begann mit kräftiger Herzdruckmassage. Die geschockten Häftlinge in der Halle wurden Augenzeugen der Lebensrettung hinter Gittern. Anstaltschef Jenal: „Die Gefangenen haben sich vorbildlich verhalten.“

Gut fünf Minuten reanimierte Hoffmann seinen Kollegen intensiv. Dann löste ihn ein Mitarbeiter vom Krankenrevier ab. Die Anstaltsärztin setzte den Defibrillator ein, löste einen Elektroschock aus.  Werber kam kurz zu sich und erinnert sich: „Ich sah nach oben, wunderte mich. Die ganze Prominenz, Anstaltsleiter, und Vollzugsdienstchef standen um mich rum.“ Im Rettungswagen samt Notärztin ging es mit Blaulicht auf die Intensivstation der Saarbrücker Winterbergkliniken.  Diagnose der Kardiologen: „Schwerer Herzinfarkt und wiederholtes Kammerflimmern.“ Per Katheder wurden ihm sieben Stents in die Herzkranzarterien gesetzt.

630 Gefangene sitzen in der Justizvollzugsanstalt  ein. Foto: Ruppenthal

Patient Werber, inzwischen nikotinfrei, kehrte sechs Monate nach dem „Ereignis“ an seinen Arbeitsplatz im Knast zurück. Nicht nur hier lobt er seinen Lebensretter Hoffmann, dem auch die Notärztin und JVA-Leitung für seine Leistung großen Respekt zollten, in den höchsten Tönen: „Der hat  wirklich alles richtig gemacht. Vielen Dank dafür.“ In der Klinik stellte sich heraus, dass Werber durch den Druck auf die Brust acht Rippen gebrochen wurden. Dazu sagt er: „Hauptsache die Herzmassage hat geholfen. Die Brüche waren da zu verschmerzen.“  Noch in der Klinik kümmerte sich Organisationstalent Werber vom Handy aus um die Abläufe in der JVA-Werkstatt. Er war ja mitten aus seiner Arbeit gerissen worden. Und im Krankenhaus hatte er nicht nur oft Besuch, er selbst besuchte auch Kollegen. Diejenigen, die dort ihren Dienst verrichten. In einem gesondert gesicherten Krankenzimmer werden Häftlinge statio­när untergebracht, samt  eigener Bewachung. Bei diesen  Vollzugsbeamten schaute der Patient aus der Herzklinik vorbei. Sein Lebensretter war übrigens diese Woche auch in der Winterberg-Klinik – als Bewacher eines schweren Jungen. Anfang des Jahres wurde Hoffmann auf Vorschlag seines Chefs Jenal besonders geehrt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lud ihn zu seinem Neujahrsempfang.

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