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Langsames Erwachen für Schumacher

Langsames Erwachen für Schumacher

Es ist die hoffnungsvollste Nachricht, die seit einem Monat aus dem Betonkomplex des Universitätsklinikums Grenoble dringt: Nach langer Funkstille wurde gestern offiziell bekannt, dass Michael Schumacher derzeit schrittweise aus dem künstlichen Koma geholt wird. In einer schriftlichen Stellungnahme erklärte seine Managerin Sabine Kehm: „Michaels Narkosemittel werden seit kurzem reduziert, um ihn in einen Aufwachprozess zu überführen.

" Dieser könne allerdings "sehr lange dauern".

Gut vier Wochen nach Schumachers schweren Skiunfall in den französischen Alpen scheint damit eine neue Etappe angebrochen zu sein: ein langer, wenngleich unsicherer Prozess, den Formel-1-Rekordweltmeister wieder ins Bewusstsein zurückzuführen. Der inzwischen 45-Jährige hatte bei seinem Sturz im beliebten Skiort Méribel am 29. Dezember ein schweres Schädel-Hirntrauma erlitten. Röntgen-Aufnahmen zeigten nach Angaben der Ärzte mehrere "ernsthafte Hirnverletzungen" sowie Blutungen und Hämatome. Um die Schwellungen und den Druck zwischen Gehirn und Schädel so gering wie möglich zu halten, war Schumacher in ein künstliches Koma versetzt worden und wurde seitdem mehrmals operiert.

Sein Zustand sei "stabil", aber weiterhin kritisch, erklärte Managerin Kehm am 17. Januar und versicherte, dass die Familie Schumacher mit der Arbeit des behandelnden Ärzteteams "sehr zufrieden" sei und diesem absolut vertraue. Neue Auskünfte wollte sie indes nicht erteilen. Das war auch die vorläufig letzte Mitteilung über Schumachers Befinden - bis jetzt. Dem Anschein nach wurde der Druck im Inneren von Schumachers Gehirn inzwischen als ausreichend stabil und die Schwellung als soweit abgeklungen bewertet, um diesen aus dem künstlichen Koma zu holen.

Wochenlang konnte über Schumachers Zustand nur spekuliert werden. Am Mittwoch hatten dann französische Medien unter Bezug auf einen der behandelnden Ärzte berichtet, der Aufwachprozess bei dem 45-Jährigen sei eingeleitet worden. Dass diese Information durchsickert, war nicht geplant. "Es war ursprünglich die klare Absprache zwischen allen Beteiligten, diese Information zum Schutz der Familie erst zu kommunizieren, wenn sich dieser Prozess konsolidiert hat", stellte Managerin Kehm klar.

Nach gut vier Wochen sei es Zeit gewesen, in die neue Phase überzugehen, erklärte der ehemalige Chefarzt für Neurologie, Professor Jean-Luc Truelle, der Zeitung "L'Equipe". Er sprach von einem "maximalen Zeitabschnitt". Während die Narkosemittel langsam herabgesetzt würden, so Truelle, äußere sich das Aufwachen durch das Öffnen der Augen und "dem Wiederkehren einer Kommunikations-Kapazität", die sich durch einfache Befehle überprüfen lasse, wie: "Augen auf!", "Augen zu!" oder "Mund auf!".

Für eine mögliche Entwarnung sei es jedoch viel zu früh, sagte der Professor. In den zwei kommenden Monaten dürfte sich Schumacher vielmehr in einem "Zustand der Lethargie" befinden. Prognosen über die weitere Entwicklung abzugeben, sei derzeit "unmöglich", so der Spezialist. So ist weiter vollkommen unklar, ob Schumacher bleibende Schäden davontragen wird oder nicht. Kehm kündigte bereits an, es werde über weitere Schritte "keine Auskunft geben". Medien und Öffentlichkeit rief die Managerin abermals auf, "die Privatsphäre der Familie zu respektieren" sowie "die behandelnden Ärzte nicht in ihrer eigentlichen Arbeit zu stören".

Die Welle der weltweiten Anteilnahme am Schicksal Schumachers reißt derweil nicht ab. "Man betet, man wünscht, man hofft, dass das Wunder passiert und dass der Gleiche wieder aufwacht, so wie er vorher war", sagte Weltmeister Sebastian Vettel. Ferrari-Vizepräsident Piero Ferrari versicherte Schumi: "Wir warten auf dich." Warten heißt es jetzt in der Tat: auf die nächsten Nachrichten aus Grenoble.

Zum Thema:

HintergrundMedizinische Prognosen können bei einem Schädel-Hirn-Trauma und anschließendem künstlichen Koma sehr unterschiedlich ausfallen. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI), Andreas Ferbert, sagt jedoch: "Ärzte setzen einen Patienten nur dann drei oder vier Wochen in künstliches Koma, wenn die Situation des Gehirns sehr ernst ist." Damit könne ein erhöhter Hirndruck gesenkt werden und ebenso der Stoffwechselbedarf des Gehirns. Das künstliche Koma könne aber andere Organe schädigen, darunter die Lunge, sagt Ferbert. Je mehr Zeit verstreiche, desto eher träten die nützlichen Aspekte in den Hinter- und die Risiken in den Vordergrund. Ein tiefes künstliches Koma über vier Wochen hinweg sei daher eher unüblich.Nach DGNI-Angaben erleiden pro Jahr rund 270 000 Menschen in Deutschland ein Schädel-Hirn-Trauma, davon sind zehn Prozent mittelschwere und schwere Fälle. Mehr als die Hälfte aller Fälle gehen auf Stürze zurück, vor allem von alten Menschen, nur etwa 25 Prozent auf einen Autounfall. dpa