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Kurden kämpfen in der Türkei um Kobane

Kurden kämpfen in der Türkei um Kobane

Die tödlichen Zusammenstöße in der Türkei könnten erst der Anfang sein. Sollte Kobane fallen, dürften die Proteste erst richtig entflammen – und ein alter Bürgerkrieg wieder losbrechen.

Mindestens 19 Tote, brennende Fahrzeuge, geplünderte Geschäfte, Panzer auf den Straßen. Die Türkei blickte gestern Morgen geschockt auf die Bilanz der Kurden-Proteste gegen die Syrien-Politik der Regierung von Ministerpräsident Ahmet Davutoglu tagszuvor. Mit den Unruhen wächst der Druck auf die Regierung, den kurdischen Verteidigern der nordsyrischen Kurdenstadt Kobane gegen den Angriff des Islamischen Staates (IS) zu helfen. Der türkisch-kurdische Friedensprozess, das wichtigste politische Projekt des Landes seit Jahrzehnten, ist in Gefahr.

Am heftigsten tobten die Straßenschlachten in Diyarbakir. Allein zehn Tote gab es in der inoffiziellen Kurdenhauptstadt der Türkei. Die meisten starben an Schussverletzungen. In der Stadt hatten sich nicht nur Demonstranten und die Polizei bekämpft, sondern auch Kurden und Anhänger der türkischen radikal-islamischen Hisbollah . Der türkisch-kurdische Parlamentsabgeordnete Ertugrul Kürkcü warf der Regierungspartei AKP vor, die Hisbollah und die ebenfalls islamistische Hüda-Partei als "ihren eigenen IS" zu benutzen, um gegen Andersdenkende vorzugehen.

Nach den Unruhen tagszuvor wurden in sechs Provinzen Ausgangssperren erlassen. In einigen Städten patroullierten Soldaten und Panzer durch die Straßen - Szenen, die an das Kriegsrecht in den schlimmsten Tagen des Kurdenkonflikts erinnerten. Der inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan hat Ankara bereits ein Ultimatum gestellt. Bis zum 15. Oktober müsse es "konkrete Schritte" der türkischen Regierungspartei geben, die Friedensverhandlungen zwischen dem Staat und der Rebellengruppe PKK zu retten.

Für die zwölf Millionen Kurden in der Türkei ist die Belagerung von Kobane zu einem wichtigen Symbol für Freiheitswillen und Widerstandsgeist geworden. Kurdenpolitiker beklagen die Weigerung der türkischen Regierung, den Kurden von Kobane zu helfen. Davutoglu hatte eine solche Hilfe vergangene Woche versprochen.

Die syrischen Kurden in Kobane und in zwei anderen Gebieten Nordsyriens hatten sich Anfang des Jahres für autonom erklärt, was in Ankara Sorgen wegen möglicher Folgen für das türkische Kurdengebiet auslöste. Die nordsyrische Kurdenpartei PYD ist ein Ableger der PKK , die trotz der seit 2012 laufenden Friedensverhandlungen immer noch als Terrorgruppe gilt.

In Kobane selbst gingen auch gestern die Kämpfe zwischen den Kurden und den Angreiferns des IS weiter. Erneut erhielten die kurdischen Verteidiger Hilfe durch Luftangriffe der internationalen Anti-IS-Allianz. Von kurdischer Seite hieß es, der Vormarsch des IS in der Stadt sei vorerst gestoppt. Die seit Dienstag erheblich gesteigerten Luftangriffe zwingen die Kämpfer des IS immer wieder, Angriffe abzubrechen und Deckung zu suchen. Zudem wurden bei den Luftschlägen offenbar Panzer und andere schwere Waffen der Belagerer zerstört.

Kürkcü sagte, die Kurden in Kobane hätten mittlerweile direkten Kontakt zu den Verbündeten und könnten deshalb die Luftschläge auf die IS-Stellungen in der Stadt präzise lenken. Die Tatsache, dass die US-geführten Alliierten direkt mit den Kurden redeten und diesen zur Hilfe kämen, die türkische Regierung aber passiv bleibe, sei eine Blamage für die Politiker in Ankara , sagte Kürkcü. "Die sollten sich was schämen."