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Vernissage in Saarbrücker Gefängnis: Kunst – wo die Freiheit nicht grenzenlos ist

Vernissage in Saarbrücker Gefängnis : Kunst – wo die Freiheit nicht grenzenlos ist

Eine Vernissage in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt mit Gästen von außen: Wie Leslie Hupperts Kunstprojekt Wirkung zeigt.

So wurden Vernissage-Besucher wohl noch nie empfangen: „Kein Alkohol, keine Drogen, keine Waffen“. Die Mobiltelefone müssen in ein Schließfach am Eingang, und ohne Ausweis gibt es keinen Einlass. Nachdem sie die Aufnahme-Prozedur hinter sich haben, werden die rund 30 Besucherinnen und Besucher in den älteren Teil der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken geführt. Von den Künstlern, deren Wandmalereien besichtigt werden sollen, ist niemand in dem kahlen Raum. Die Vernissage beginnt ohne sie. Begrüßung, Lobrede auf die Kunst und die Künstler, kaltes Buffet, kalte Getränke.

Der Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Saarbrücken, Pascal Jenal, beginnt seine Begrüßungsrede mit dem Zitat von Max Frisch „Du bist nicht, wofür ich dich gehalten habe“, das er auch als Motto für die schriftlichen Einladungen an einen kleinen Kreis gewählt hatte. Dann spricht er von den unterschiedlichen Lebensgeschichten der rund 600 Inhaftierten der JVA.

Für zehn von ihnen sei das Kunstprojekt, dessen Ergebnisse an diesem Abend vorgestellt werden, eine „unvergessliche Zeit“. Solange sie noch hier untergebracht sind, können sie sie jeden Tag sehen, denn der Flur des so genannten Abstinenzflügels in Haus 1 ist voll von Kunst. Wandmalerei und Schriftzüge heitern nicht nur die kahlen Wände auf; sie geben viel von den Zellenbewohnern – zumeist jüngere Männer – preis.

Als die Vernissage-Besucher sich einfinden, stehen sie an die Wand gelehnt. Erwartungsvoll. Einer erzählt später, er komme jetzt lieber aus seiner Zelle, weil der Raum davor nicht mehr so kahl sei. Ein Mitgefangener hat ihm geholfen, sein Sternzeichen an die Wand zu malen – jetzt lädt er zur Besichtigung ein. In der Zelle fällt es schwer, sich auf den Widder zu konzentrieren. Man schaut sich um und fragt sich, wie man es auf so engem Raum lange aushalten kann.

Als K. ins Erzählen kommt, ist das Eis längst gebrochen. Wie geht man mit Künstlern um, die Strafgefangene sind? Mit Männern, die in einem gesonderten Trakt unterbracht sind und dort im Abstinenzflügel einen Entzug schaffen sollen? Erfahrung hat damit keiner der Besucher. Also erst einmal Händeschütteln, sich vorstellen. Später dann Gespräche, Fotos. Ein erster Blick in die Kataloge, die gerade fertig geworden sind.

Andreas Bayer nickt anerkennend beim Betrachten der Wände. Der promovierte Kunsthistoriker hat zuvor die Lobrede gehalten „am ungewöhnlichen Ort und unter ungewöhnlichen Umständen“. Bayer arbeitet an der Kunsthochschule, organisiert Ausstellungen und ist ein erfahrener Ausstellungs-Eröffnungs-Redner. Die Arbeiten von Leslie Huppert, die ein Atelier im Kulturzentrum am Bahnhof hat, kennt er gut. Bayer kuratiert auch die dortige Galerie.

2014 hat Huppert für ein Kunstprojekt in der JVA den Kulturpreis des Regionalverbandes Saarbrücken bekommen. Eigens ausgeschrieben für „engagierte Kunst“. Schon damals wurden Wände in der JVA bemalt. Ganz unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Danach bezog Leslie Huppert mit einem weiteren Kurs für Gefangene einen Raum direkt neben der Malerwerkstatt. Siebdruck brachte sie ihnen bei und entdeckte neben soliden Handwerkern auch Männer mit künstlerischem Potenzial. Damals bedruckten sie T-Shirts und Jacken, und damals schon zeigten die Kurs-Teilnehmer zwei Seiten: die harten Jungs, die für schwarze Jacketts harte, gefährlich aussehende Jungs als Motiv wählten. Und die Familienmenschen, die mit Tränen in den Augen über Mütter, Frauen, Kinder sprachen – und für die Töchter rosa Herzen auf kleine weiße T-Shirts aufbrachten.

Jetzt schaut Leslie Huppert wieder auf die „Knastvögel“, überschreibt das Projekt mit „Jail birds, der 2. Blick“. Damals wie auch dieses Mal war das Miteinanderreden wichtig. Leslie Hupperts Kunst beruht hier darauf, Gedanken nach außen zu bringen. Auch in der JVA, in der es für die Insassen zumindest vorübergehend kein Außen gibt. Freiheit ist nur in Gedanken möglich.

Größtmögliche Freiheit im Abstinenzflügel der JVA: Über Monate hinweg sind hier Wandgemälde entstanden. Zelle 371 ist unbewohnt und wurde mit Material vollgepackt: Pinsel, Farben hinter Gittern.

Im Raum vor den Zellen nahmen über die Zeit die Gedanken der inhaftierten Männer Gestalt an. Zwei brachten ihre Sternzeichen als Köpfe massiver Gestalten auf die Wand.. Die stehen jetzt wie mächtige Wächter zwischen den Zellentüren. Machtdemonstration mag man erwarten, wenn man sich in eine JVA begibt. Aber (weich) gezeichnete Frauenfiguren? Lotusblüten?

Der Blick auf das vermeintlich Überraschende ist wohl auch Blick auf das eigene Vorurteil. Harte Jungs können nämlich auch anders. Leslie Huppert interpretiert ohnehin die Lotuspflanzen als Zeichen der Transformation.

Die Verwandlung, die die Gefangenen im Abstinenzflügel vollziehen sollen, ist hart. Weg von der Sucht. An den Rand des Raumes geschoben, steht auf einem Flipchart die Frage: Wie fühlt sich der Körper an bei Schuldgefühlen? Darüber wird wohl in der Therapie gesprochen.

Wie sich Körper und Geist anfühlen, wenn sie sich mit Farben und Formen beschäftigen, haben die Männer im Kunstkurs erfahren: Gut, sagt einer und erzählt, wie überrascht er von sich selbst war. „Ich dachte, ich kann nur an allem herumschrauben, habe mich nur für Technik interessiert.“ In den Wochen mit Leslie Huppert hat er dann eine andere Seite an sich entdeckt. Er kann zeichnen, und er mag es.

Anstaltsleiter Pascal Jenal hat großen Anteil an diesen Entwicklungen. Er hat die Kurse ermöglicht, jetzt auch die Vernissage. Größtmögliche (Kunst-)Freiheit in der JVA.

Und am Ende eine Vernissage in größtmöglicher Offenheit. Wandmalerei, die sich sehen lassen kann, auch wenn sie künftig kaum noch einer von außerhalb sehen darf.

Leslie Huppert, die Unermüdliche, macht weiter. Demnächst möglicherweise in der JVA in Ottweiler. Um solche Projekte und auch sich zu finanzieren, schreibt sie Anträge, sucht Sponsoren, glaubt an ihre Kursteilnehmer. Sie macht die Weggesperrten auf diese Weise ein wenig sichtbar – und macht sie auch hörbar.

Interviews gehören zumeist dazu, wenn sie ein Projekt betreibt. So können sich Außenseiter zu Wort melden, bekommen durch die Kunst eine Stimme. Und sie lernen einiges über sich selbst: Einer sagt im Gespräch mit Leslie Huppert nach seinen Träumen befragt: „Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich nicht, was meine Träume sind.“

Für einen anderen war bisher das Durchhalten ein Problem. Vor Kursbeginn war er in Sorge – ist dann bis zum Ende dabeigeblieben. Ein Erfolg. Auch so kann Kunst wirken.

Der Abstinenzflügel in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt ist jetzt eine Ausstellungsfläche mit beeindruckender Wandmalerei. Leslie Huppert beschreibt auch die Vernissage als Kunst. Sie nennt sie „soziale Plastik“.

 Projektleiterin Leslie Huppert
Projektleiterin Leslie Huppert Foto: Iris Maria Maurer

Ohne Vorurteile, Unsicherheiten und Ängste ist man sich im Gefängnis bei einer Vernissage begegnet. Auf einer kleinen Party vor den Zellentüren. Zeitlich begrenzt. Ohne Alkohol. Trotzdem gut.