Krieg und kein bisschen Frieden in Moskau

Krieg und kein bisschen Frieden in Moskau

Moskau. Sie tanzten wild in einer Kirche, schrien "Heilige Muttergottes, verjage Putin". Sieben Jahre Strafkolonie könnten sie für die Aktion bekommen. Gestern startete das Verfahren gegen drei Frauen der russischen Punk-Protestgruppe "Pussy Riot". Ein absurder Prozess, der an sowjetische Zeiten erinnert

Moskau. Sie tanzten wild in einer Kirche, schrien "Heilige Muttergottes, verjage Putin". Sieben Jahre Strafkolonie könnten sie für die Aktion bekommen. Gestern startete das Verfahren gegen drei Frauen der russischen Punk-Protestgruppe "Pussy Riot". Ein absurder Prozess, der an sowjetische Zeiten erinnert. Gestern entschied das Gericht, dass die Aktivistinnen mindestens bis Januar 2013 in U-Haft bleiben müsssen."Die Mädchen", sagt ein 40-jähriger Mann vor dem Chamowniki-Gericht in Moskau, "haben eine Riesendummheit gemacht. Jetzt macht die Regierung eine Riesendummheit und bekämpft ihr ganzes Volk." Der russische Staat wappnet sich wieder gegen "innere Feinde", er lässt Busse von Spezialeinheiten auffahren, sperrt Straßen ab.

Am 21. Februar schleichen sich fünf junge Frauen in die Christi-Erlöser-Kathedrale mitten in Moskau, es ist das Heiligtum der russisch-orthodoxen Kirche. Sie haben kurze Kleider und grelle Neonstrümpfe an und hüpfen wild vor den Ikonen im Altarraum. Sie bekreuzigen sich, sinken auf die Knie, springen wieder auf, schreien "Heilige Muttergottes, verjage Putin". 41 Sekunden dauert die Aktion, schon tragen Wachmänner sie weg.

Kurze Zeit später taucht bei YouTube ein Video auf, nur eine Minute 53 Sekunden lang, mit harten Gitarren-Riffs unterlegt und schrillen Frauenstimmen: "Der KGB-Chef lässt Protestierende einsperren. Der Geist der Freiheit ist im Himmel. Die Kirche huldigt dem verfaulten Führer. Der Patriarch glaubt an Putin. Heilige Muttergottes, verjage Putin." Gesungen im Stil eines orthodoxen Kirchenchores. Nun steht auch der Staat Kopf. Die Jagd auf "Pussy Riot", den "Mösenaufstand", beginnt. 2800 Seiten in sieben Aktenordnern, mehrere Stunden Videoaufnahmen und neun Opfer, Kirchendienerinnen, Wachmänner, Umstehende, ein Priester. Sie seien hochbeleidigt und traumatisiert, heißt es in den Aussagen.

Nadeschda Tolokonnikowa, 22, rehbraune Augen, Mutter einer Vierjährigen, Maria Aljochina, 24, ebenfalls Mutter, und Jekaterina Samuzewitsch, 29, mit den blonden langen Locken haben in den Augen der Staatsanwaltschaft eine "große Verletzung der öffentlichen Ordnung unter Einsatz von Waffen oder aus Hass politischen, ideologischen, rassistischen oder religiösen Ursprungs" begangen. So steht es im Strafgesetzbuch. Doch "Pussy Riot" trugen weder Waffen bei sich, noch seien sie von Hass motiviert. Sie hätten gegen die Verschmelzung zwischen Staat und Kirche protestiert, sagen sie. Nicht ohne Grund. Im Präsidentschaftswahlkampf hatte Patriarch Kirill sich offen für Wladimir Putin ausgesprochen.

Es war nicht die erste Skandalaktion der Punk-Feministinnen. Seit vergangenem November gehen sie mit provokanten Auftritten gegen den Staat vor. "Pussy Riot" ist ein feministischer Ableger der Künstlergruppe "Wojna" (Krieg), die mit ihren provokativen Straßenaktionen seit 2007 ein Katz- und Maus-Spiel mit russischen Behörden treibt. Mal simulierten die Mitglieder im Biologischen Museum in Moskau Gruppensex vor ausgestopften Tieren - auch die nun angeklagte Nadeschda Tolokonnikowa war damals dabei -, mal malten sie einen riesigen Penis auf einer St. Petersburger Brücke und nannten die Aktion "Schz gefangen beim FSB". Als die Brücke aufging, zeigte die Zeichnung auf den Inlandsgeheimdienst FSB. Dafür bekam "Wojna" im vergangenen Jahr einen Innovationspreis für Kunst vom Kulturministerium verliehen. Nur angenommen haben die Aktionskünstler ihn nicht. Sie paktieren nicht mit dem Staat, sie bekämpfen ihn. Im Gerichtssaal und im Untergrund. Am 24. Juli geht der Prozess weiter. Viele Russen bezeichnen ihn als reinen "Schauprozess".

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