Konzept gegen die Mutlosigkeit

Experten sollen Fähigkeiten und Talente von Langzeitarbeitslosen in Einzelgesprächen exakt ermitteln. Dies soll Hand in Hand gehen mit einer detaillierten Aufstellung von Jobs in der Region. So sieht ein Konzept aus, das Ex-VW-Vorstand Peter Hartz und die Stiftung Saarländer helfen Saarländern erarbeitet haben.

Saarbrücken. Das Leben noch einmal selbst in die Hand nehmen: Für über zwei Millionen Langzeitarbeitslose in Deutschland bedeutet dies eine besonders große Herausforderung. An der Saar sind rund 25000 Menschen von diesem Schicksal betroffen.

Langzeitarbeitslos zu sein heißt, sich schon mindestens ein Jahr vergeblich um eine neue Beschäftigung zu bemühen. Das heißt auch: Bewerbungen, immer wieder Absagen, steigende Mutlosigkeit und eine immer weiter zunehmende Isolation. Viele ziehen sich zurück aus dem Verein, melden sich immer seltener bei Freunden, schlagen Einladungen aus. Nicht nur, weil sie sich schämen. Sie werden auch jeden Tag ein Stück mehr von Existenzsorgen geplagt: Wie lange reicht das Geld noch, wie lange kann man sich noch die Wohnung leisten? Die Wahrheit ist ernüchternd: Langzeitarbeitslose sind am Arbeitsmarkt ähnlich schwer zu vermitteln wie Menschen mit Behinderungen. Und an jedem weiteren Tag ohne Arbeit geht ein Stück mehr von ihren Fähigkeiten verloren.

Genau an diesem Punkt will ein neues Konzept ansetzen, das die Stiftung Saarländer helfen Saarländern (SHS) unter Federführung des Managers und ehemaligen VW-Vorstands Peter Hartz (Foto: ddp) innerhalb der vergangenen drei Jahre erarbeitet hat. Es bietet "Chancen für arbeitslose Frauen und Männer, die ihr Leben neu gestalten wollen." Das Konzept könnte an der Saar erprobt werden, im Erfolgsfall wäre es auch auf die gesamte Republik übertragbar, sagt Hartz. Gemeinsam mit renommierten Wissenschaftlern aus der gesamten Republik sind neue Ideen entstanden: etwa eine Kreativwoche mit Langzeitarbeitslosen. Die Teilnahme ist freiwillig. Dabei kommen erstmals Experten aus mehreren Bereichen zusammen: vom Mediziner über den Psychologen bis hin zu Unternehmern, Managern, Künstlern, Arbeitsberatern. Sie kümmern sich gemeinsam intensiv um den Arbeitslosen, führen mit ihm Gespräche, ermitteln seine besonderen Fähigkeiten und Talente. Die Experten wollen dem Arbeitslosen vor allem Selbstbewusstsein zurückgeben. Gleichzeitig erhält er einen Gesundheitscheck sowie ein speziell auf ihn zugeschnittenen Motivations- und Stress-Bewältigungstraining.

Das Konzept sieht zudem vor, auch ehemalige Langzeitarbeitslose als "Coach" in die Projektwoche einzubeziehen. Sie sollen ihre Erfahrungen an die Teilnehmer weitergeben.

Als weiteren Punkt des Konzeptes untersuchen Arbeitsmarkt-Experten die regionale Wirtschaftsstruktur des Saarlandes. Sie gehen in jeden Stadtteil und in jedes Dorf. Sie wollen herausfinden, wo genau welche Arbeit angeboten wird, welche Tätigkeiten und Dienstleistungen hinzukommen könnten, beispielsweise im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen. Aus den gesammelten Ergebnissen entsteht ein "Beschäftigungsradar" für das gesamte Land, der ständig aktualisiert wird. Nahezu jede Beschäftigung und die dafür notwendigen Anforderungen an Bewerber sind schriftlich dokumentiert.  So kann man künftig jedem Langzeitarbeitslosen in kurzer Zeit sagen, an welchem Ort er mit seinen Talenten besonders gute Chancen hat.

Peter Hartz selbst hält das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit für lösbar. Die große Koalition in Berlin habe dazu den Willen und die Macht. Der Bund, die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg, die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sowie die Bundesländer verfügten über die Finanzen für die jetzt notwendigen Maßnahmen. Und das Konzept für Langzeitarbeitslose bringe neueste Erkenntnisse ein.

Im Idealfall soll der Langzeitarbeitslose mit Hilfe der Arbeitsmarkt-Experten sogar in die Lage versetzt werden, sich als Unternehmer selbstständig zu machen. Und dafür 24 Monate Einstiegsgeld in der gesetzlich garantierten vollen Höhe bekommen.

Hintergrund

Das Hartz-Konzept für Langzeitarbeitslose wartet nach wie vor auf seine Bewährungsprobe an der Saar. Der Chef der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit, Otto-Werner-Schade, meldete Bedenken an, nachdem bereits die Ankündigung einer Pressekonferenz mit Peter Hartz Ende November zu heftigen Protesten von Bürgern sowie einigen überregionalen Medien geführt hatte.

Inzwischen mehren sich jedoch auch positive Stimmen. Joachim Malter, Chef der Vereinigung Saarländischer Unternehmensverbände etwa sagte: Die Hartz-Idee, im Saarland in allen Städten und Dörfern zu ermitteln, wo genau welche Beschäftigung gebraucht wird, macht Sinn. IHK-Chef Hermann Götzinger, unterstützt die Hartz-Idee, dass ehemalige Langzeitarbeitslose mit ihren Erfahrungen und Erfolgserlebnissen als Coach Langzeitarbeitslosen helfen sollen. ts

"Man muss Arbeitslosen Selbstwert zurückgeben"


Arbeitsmarkt-Experte Schneider: Ansatz von Hartz gut - Umsetzung aber schwierig"

Der Staat prämiert Menschen mit Milliardenbeträgen dafür, dass sie zu Hause bleiben, statt ihre Fähigkeiten einzubringen, meint Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA, Foto: SZ). Mit ihm sprach SZ-Redakteur Thomas Sponticcia.

Was ist aus Ihrer Sicht am wichtigsten, um Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen?

Schneider: Man muss Langzeitarbeitslosen ihren Selbstwert zurückgeben, ihnen eindeutig vermitteln: Du wirst noch gebraucht.

Was läuft falsch?

Schneider: Der Staat zahlt Arbeitslosengeld und signalisiert den Betroffenen, dass er ansonsten in Ruhe gelassen werden will. Mit jährlich zweistelligen Milliardenbeträgen werden Menschen dafür prämiert, zu Hause zu bleiben, statt ihre Fähigkeiten einzubringen.

Wie soll sich der Staat verhalten?

Schneider: Er muss für sein Geld eine Gegenleistung einfordern. Erster Schritt: Langzeitarbeitslose müssen auch einfach bezahlte Tätigkeiten annehmen. Das erhöht gleichzeitig die Motivation, sich für besser bezahlte Arbeitsplätze zu qualifizieren. Bedenken Sie, was der Staat anrichtet: Die Milliarden, die als Arbeitslosengeld in den Markt gepumpt werden, fehlen für Bildung und Schulen. Das System ist völlig aus der Balance geraten.

Das von Peter Hartz mit der Stiftung Saarländer helfen Saarländern (SHS) entwickelte Konzept für Langzeitarbeitslose sieht ein individuelles Training vor. Experten aus mehreren Fachrichtungen ermitteln die Talente des Arbeitslosen und fördern ihn gezielt. Was halten Sie davon?

Schneider: Einzelcoaching mit Psychologen und anderen halte ich für einen sinnvollen Ansatz. Es kostet zwar enorm viel Geld, bringt einen Riesen-Aufwand, ist aber notwendig.

Hartz schlägt einen "Beschäftigungsradar" vor, in dem bis in jeden Stadt- und Ortsteil ermittelt wird, wo welche Beschäftigung gebraucht wird.

Schneider: Hier ist jeder Einzelne angesprochen und wird damit in die Verantwortung genommen. Deshalb halte ich den Ansatz grundsätzlich für gut, weil man soziale Verantwortung nicht einer anonymen Sozialbürokratie übertragen kann. In der praktischen Umsetzung bin ich allerdings noch skeptisch. Appelle allein werden jedenfalls nicht reichen. Von den Beteiligten am "Beschäftigungsradar" wird starkes Engagement verlangt, das letztlich nur funktionieren kann, wenn zugleich entsprechende Belohnungsinstrumente geschaffen werden.

Das Hartz-Konzept wäre im Saarland als Testregion schon am Start, wurde aber nach öffentlicher Kritik an der Person Hartz vorerst gestoppt. Soll es Ihrer Meinung nach erprobt werden?

Schneider: Es spricht nichts dagegen. Das Konzept muss aber begleitet werden von einer systematischen Begleitforschung, die Auskunft darüber gibt, welche der Ideen besonders erfolgreich sind und was noch verbessert werden muss. Was die Öffentlichkeitswirkung anbelangt, trägt der Name Peter Hartz leider nicht unbedingt zur Vertrauensbildung bei.

Warum?

Schneider: Auch wenn seine Reformvorschläge zu großen Teilen richtig waren: Sein Name ist für viele Menschen untrennbar mit der Angst vor dem sozialen Abstieg verbunden und hat durch die Ereignisse bei VW zusätzlichen Schaden genommen. Nun nimmt er sich mit seinem neuen Konzept ausgerechnet der so genannten Hartz-IV-Empfänger an. Am Ende könnte eine gute Idee an selbst hervorgerufener Polemik scheitern.