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Kleiner König mit bürgerlichen Schwächen

Kleiner König mit bürgerlichen Schwächen

Dresden. Eigentlich hatte er das Zeug für eine große Karriere. Eigentlich war er klüger, fixer, besser als die meisten seiner Konkurrenten. Doch Kurt Biedenkopf, der späte "König Kurt" von Sachsen, schaffte nie den Sprung nach ganz oben. Doch hadern muss der kleine Professor aus Ludwigshafen nicht: Sein Lebensweg mit mehr Höhen als Tiefen ist durchaus imposant

Dresden. Eigentlich hatte er das Zeug für eine große Karriere. Eigentlich war er klüger, fixer, besser als die meisten seiner Konkurrenten. Doch Kurt Biedenkopf, der späte "König Kurt" von Sachsen, schaffte nie den Sprung nach ganz oben. Doch hadern muss der kleine Professor aus Ludwigshafen nicht: Sein Lebensweg mit mehr Höhen als Tiefen ist durchaus imposant. Heute wird der Vor- und Querdenker der CDU 80 Jahre alt.

Biedenkopf ist schon deshalb eine spannende Figur, weil er mit dem pfälzischen Milieu des Einheitskanzlers Helmut Kohl eng verwoben ist. Und auch hier wieder: eigentlich. Eigentlich passten die beiden ungleichen Charaktere gar nicht zusammen. Hier der barocke Machtmensch Kohl, bauernschlau und volkstümlich; dort der intellektuelle Überflieger Biedenkopf, der sich Kohl überlegen fühlte. Ironie des Schicksals, dass Biedenkopf später just die Tochter des umstrittenen Kohl-Förderers Fritz Ries heiraten sollte. Der Saarländer Ries (1907 - 1977) hatte sich in der Nazizeit ein Firmen-Imperium angeeignet, er wurde nach dem Krieg trotz NS-Vergangenheit als "Heimatvertriebener" anerkannt. Ries und sein Freund Hanns-Martin Schleyer sollen nach den Recherchen des Schriftstellers Bernt Engelmann Biedenkopf an der Seite Kohls platziert haben, weil ihnen der aufstrebende Pfälzer "zu grobschlächtig" erschien.

Nach seiner akademischen Karriere (unter anderem Rektor der Ruhruniversität Bochum) ging Biedenkopf also in die Politik. Von 1973 bis 1977 war er Generalsekretär der CDU, doch immer wieder knirschte es zwischen dem Vorsitzenden und seinem Sekretär, der sich mehr als General verstand. Der Versuch einer Solo-Karriere misslang indes: Als Spitzenkandidat der CDU in Nordrhein-Westfalen 1980 hatte Biedenkopf gegen Menschenfreund Johannes Rau keine Chance.

Schon damals profilierte sich der gern dozierende Professor als Querdenker und Wirtschaftstheoretiker. Gemeinsam mit Meinhard Miegel hatte er 1977 das Bonner "Institut für Wirtschaft und Gesellschaft" (IWG) gegründet, das sich als "Denkwerkstatt" verstand. Biedenkopf brillierte mit anspruchsvollen Ideen und rhetorischem Können, aber stets wurde ihm auch ein Hang zur Besserwisserei und Überheblichkeit attestiert. Als erklärter Kohl-Gegner hatte er seine politische Zeit "eigentlich" schon hinter sich, als der Fall der Mauer 1989 auch sein Leben radikal veränderte: Biedenkopf nutzte die Chance als Ministerpräsidenten-Kandidat von Sachsen, erzielte absolute Mehrheiten und stieg zum Star des Freistaats auf.

Biedenkopfs Ehrgeiz und intellektuelle Kraft machten Sachsen zum erfolgreichsten der neuen Bundesländer. Zwar regierten "die Biedenkopfs" mit feudalem Gehabe, aber sie präsentierten sich auch bürgerlich-bieder: Der Professor spielte gern mit der Modell-Eisenbahn und turtelte öffentlich mit seinem "Engelchen". Es gehört zur persönlichen Tragik des Juristen und Wirtschaftswissenschaftlers, dass er am Ende an menschlichen Unzulänglichkeiten scheiterte: Wegen Verquickung von Familien- und Staatsangelegenheiten, unzulässiger Nutzung von Dienstwagen und Helikoptern sowie eines unwürdigen Auftritts in einem Ikea-Markt (das Ehepaar Biedenkopf forderte lauthals "mehr Rabatt"), musste er 2002 schließlich zurücktreten.

Fortan schrieb Biedenkopf Bücher, hielt Reden, war Dauergast in Talkshows. Vor allem als Gesellschaftskritiker machte er auf sich aufmerksam, erst kürzlich mit der apodiktischen These, das Hoffen auf ständiges Wachstum sei nichts als "Irrglaube". Wachstum dürfe nicht durch immer höhere Staatsverschuldung und Vernichtung der Ressourcen erkauft werden. Doch wie stets in seinem Leben, meint Optimist Biedenkopf auch in dieser existentiellen Frage, die Menschen seien zur Selbstkorrektur fähig - "wenn sie merken, dass sie in einer Sackgasse gelandet sind".