Keine Angst vor dem Öl-Boykott

Die Gewichte haben sich verlagert: Politischer Druck kommt heute nicht mehr von den Erdöl produzierenden Staaten, sondern von deren Kunden. Die EU wird das zeigen. Wenn am 30. Januar die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten in Brüssel über die nächsten Sanktionen gegen den Iran beraten, sind sie es, die den Öl-Hahn zudrehen und den Mullahs die dringend benötigten Einnahmen wegnehmen

Die Gewichte haben sich verlagert: Politischer Druck kommt heute nicht mehr von den Erdöl produzierenden Staaten, sondern von deren Kunden. Die EU wird das zeigen. Wenn am 30. Januar die Außenminister der 27 Mitgliedstaaten in Brüssel über die nächsten Sanktionen gegen den Iran beraten, sind sie es, die den Öl-Hahn zudrehen und den Mullahs die dringend benötigten Einnahmen wegnehmen. "Wir sind fest entschlossen", meinte Frankreichs Außenminister Alain Juppé am Mittwoch.Etwa 450 000 Fässer Rohöl kaufen die EU-Staaten Teheran derzeit pro Tag ab. Das klingt viel, ist es aber nicht. Die deutschen Lieferströme sind typisch für große Teile der EU. Nach Angaben des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) bezieht die Bundesrepublik den Hauptteil seiner Öl-Lieferungen aus Russland (33,9 Millionen Tonnen), Großbritannien (13,1 Millionen Tonnen), Kasachstan (8,1 Millionen Tonnen), Norwegen (8,8 Millionen Tonnen) und Nigeria (3,9 Millionen Tonnen).

Der Iran liefert ganze 115 000 Tonnen - alle Zahlen gelten für 2011. Ein Ausfall könnte also leicht kompensiert werden, zumal Deutschland von den noch laufenden Verhandlungen der EU mit Saudi-Arabien profitieren dürfte. Der größte Erdöl-Produzent des Nahen Ostens hat sich bereit erklärt, den Ausfall der iranischen Lieferungen zu kompensieren. Die deutschen Zahlen zeigen auch: Selbst die in den letzten Tagen angedrohte Schließung der Seestraße von Hormus würde die Bundesrepublik kaum treffen, da der Großteil der Öl-Ströme aus Afrika über Pipelines via Türkei nach Europa kommt. "Ein Embargo wird den Iran schmerzen", erklärte denn auch Alain Juppé, "denn er wird Schwierigkeiten haben, sein Öl anderweitig zu verkaufen."

Das bestritt bereits am Mittwoch pflichtgemäß der internationale Direktor der Nationalen Ölfirma des Iran, S. M. Kamsari: "Wir können einfach Ersatz für diese Kunden finden", meinte er. Er dürfte sich irren. Zwar ist China derzeit der größte Abnehmer iranischen Öls, doch auch in Peking denkt man um. Im Januar 2011 hatte die Volksrepublik ihre Bestellungen bereits um die Hälfte reduziert und erklärte sich sogar bereit, stattdessen mehr für russisches und vietnamesisches Öl zu bezahlen. Bei den verbleibenden Lieferungen könnte Peking die Abhängigkeit Teherans sogar nutzen, um die Preise zu drücken, so dass der Iran sehr wohl unter dem Wegfall der europäischen Kunden leiden dürfte.

Zwar teilt man in Rom, Madrid und Athen die Euphorie der europäischen Partner über das machtvolle Instrument eines Embargos nicht, weil diese drei Länder überdurchschnittlich viel "schwarzes Gold" aus dem Iran beziehen. In Brüssel war dazu gestern zu hören, man habe "Alternativen bereits so gut wie sicher". Das Embargo gegen Teheran komme nämlich keineswegs überraschend. Man habe seit Monaten Verhandlungen mit anderen Lieferanten geführt, um eventuelle Lücken auszugleichen. Außerdem gebe es die strategischen Reserven in den Mitgliedstaaten, die zum Teil sogar die gesetzlich vorgeschriebene Menge - die Lager sollen sicherstellen, dass die Bevölkerung 90 Tage mit Öl versorgt ist - übersteigen. An den Börsen hieß es dazu, es gebe keinen Anlass für das Schreckgespenst einer neuen Öl-Knappheit. Deshalb sei der Preis pro Barrel der Sorte Brent nach den Ankündigungen des EU-Boykotts für iranisches Öl auch "nur" von knapp unter 100 auf 114 Dollar gestiegen. "Der Iran wird Schwierigkeiten haben, sein Öl zu verkaufen."

Frankreichs Außenminister

Alain Juppé