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Kein gutes Zeugnis fürs Saarland

Kein gutes Zeugnis fürs Saarland

Saarlands Schüler können beim Ländervergleich nicht recht punkten. Sie sind nicht gut in Mathe und den Naturwissenschaften. Ganz anders Sachsen, Brandenburg und Thüringen. Sie landen im Vergleich ganz vorne.

Was kommt eigentlich zuerst: das Kälte-Gefühl oder die Gänsehaut? Bevorzugen Wasserflöhe helle oder eher dunkle Stellen im Teich? Und ganz wichtig: Wenn 73 Cent Steuern je Euro Benzin abgehen, wie viel Geld zapft sich Vater Staat dann bei einer Tankfüllung von 58 Euro ab?

Dreieinhalb Stunden lang mussten im Mai und Juni vergangenen Jahres 44 500 Neuntklässler in Deutschlands Klassenzimmern schwitzen und solche Textaufgaben aus den Fächern Mathematik, Physik, Biologie und Chemie beantworten. Forscher des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in Berlin hatten damals mehr als 1300 Schulen im gesamten Bundesgebiet aufgesucht. Und zwar im Auftrag der Kultusministerkonferenz, die die Studie auch gestern in Berlin vorgestellt hat. Ihr knappes Fazit lautete: Die Leistungen zwischen den Bundesländern "variieren erheblich".

Dem Saarland stellen die Forscher dabei kein gutes Zeugnis aus. Das Bundesland landete in allen Testbereichen unter dem Deutschlandschnitt - von jeweils 500 Punkten. Am Ende gab es dafür nur Rang elf für die Schüler an der Saar. Schlechter schnitten lediglich Hessen (12.), Hamburg (13.), Nordrhein-Westfalen (14.), Berlin (15.) und Bremen (16.) ab.

Deutschlands Musterschüler kommen hingegen aus dem Osten. Genauer: aus Sachsen. Das Bundesland erzielte in allen Fächern die Bestnoten. Auch auf den Plätzen zwei und drei landeten mit Thüringen und Brandenburg erneut zwei neue Bundesländer. Und der Leistungsunterschied ist riesig: Laut Untersuchung liegt er zwischen Schlusslicht Bremen und dem Klassenprimus Sachsen bei etwa zwei Schuljahren.

So weit abgeschlagen ist das Saarland allerdings nicht. Auch das zeigt die Studie. Das Bundesland verfehlte den Durchschnitt in Physik und Chemie nur knapp um drei Punkte (597). In der Biologie waren es sogar nur zwei Punkte (598). Gerade "in den naturwissenschaftlichen Fächern sind für das Saarland keine größeren Auffälligkeiten zu verzeichnen", heißt es hierzu auch in der Ländervergleichsstudie.

Anders sieht das allerdings im Fach Mathematik aus. Hier zeigen die saarländischen Schüler mit die größten Defizite in der Bundesrepublik auf. Nur Bremen und Berlin waren schlechter. So erfüllt beispielsweise jeder 14. saarländische Hauptschüler nicht einmal die Standards für einen Hauptschulabschluss. Zum Vergleich: In Sachsen, das auch hier ganz oben auf dem Siegertreppchen landet, ist es nur einer von Hundert. Bei den Gymnasien konnte das Saarland aber mit Sachsen nahezu mithalten. In beiden Bundesländern verfehlt nicht mal ein Prozent der Neuntklässler den Mindeststandard für den Mittleren Schulabschluss. Zur Spitzengruppe gehörten neben Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt nur Bayern als einziges westdeutsches Bundesland.

Kopfzerbrechen bereitet den Forschern, dass der Bildungserfolg nach wie vor stark an das Elternhaus gekoppelt ist. Bundesweit haben Schüler aus Akademiker-Familien gegenüber Gleichaltrigen aus bildungsfernen Elternhäusern in der 9. Klasse gerade in Mathematik einen Lernfortschritt von fast drei Schuljahren.

Hierzu gibt es allerdings keine verlässlichen Werte für das Saarland, genau wie für Berlin und Bremen. Auf SZ-Nachfrage erklärte ein Sprecher des Berliner Instituts, dass es in diesen Ländern "strengere Datenschutzrichtlinien" gebe und ein Teil der Fragebögen deshalb nicht ausgefüllt werden konnten. Auch hier liege das Saarland wohl knapp unter dem Schnitt. Minister Commerçon, sind saarländische Schüler schlechter als Schüler in anderen Ländern?

Commerçon: Nein, das sind sie definitiv nicht.

Aber warum landen sie im aktuellen Ländervergleich 2011 unter dem Bundesdurchschnitt?

Commerçon: Das Ergebnis ist trügerisch. Denn bei dem Vergleich geht es um mehr als ein Ranking. Es geht darum, zu sehen, wie weit die Schüler beim Umsetzen der Standards aller Schulformen sind. Das ist viel wichtiger als eine Platzierung. Aber selbst da landet das Saarland nur knapp unter dem Schnitt. Das ist also alles halb so schlimm. Wichtig ist: Die meisten Schüler schaffen einen Abschluss. Dennoch gibt es Nachholbedarf. Gerade beim mittleren Bildungsabschluss. Mit einem Hauptschulabschluss allein hat man doch heute kaum eine Chance mehr.

Weit unter dem Schnitt waren die Saarländer aber in Mathe. Da waren einzig Bremer und Berliner schlechter.

Commerçon: Das stimmt. Wir haben auch beim Institut, das die Studie durchgeführt hat, nachgefragt, woran das liegt. Als Antwort gab es nur ein Achselzucken. Sie vermuten, es müsse etwas mit der Lehrerausbildung zu tun haben.

Was denken Sie?

Commerçon: Ich denke auch, dass wir bei der Ausbildung unserer Mathematik-Lehrer nachbessern müssen. Gerade im Osten hat sie einen viel höheren Stellenwert als bei uns. Deshalb haben Länder wie Sachsen oder Thüringen im Ländervergleich so gut abgeschnitten. Langfristig müssen wir aber dahinkommen, dass die Schüler nicht mehr nur in Klassen unterrichtet werden, sondern im Klassenverband gezielter auf den Leistungsstand eines jeden einzelnen Kindes eingegangen wird.

Bringt dann aber eine Studie wie der Ländervergleich 2012 überhaupt was?

Commerçon: Er wirft zumindest mehr Fragen auf, als dass er Antworten liefert. Das ist ja auch einer meiner Kritikpunkte daran. Aber dennoch: Wertlos ist der Ländervergleich nicht. Nach dieser Erhebung wird es weitere Erhebungen geben. Und über die Jahre werden wir so erkennen, ob wir die bildungspolitischen Weichen im Saarland richtig gestellt haben oder nicht.

Zum Thema:

HintergrundRund 44 500 Schüler aus den neunten Klassen aller Schulformen haben bei dem Schulleistungsvergleich der 16 Bundesländer mitgemacht. Es ging um die Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften - über alle Schulformen hinweg. Bildungsexperten raten jedoch, nicht ganze Bundesländer miteinander zu vergleichen, sondern besser Regionen mit ähnlichen Wirtschaftsstrukturen und Problemlagen. Also etwa Berlin mit dem Ruhrgebiet, wegen der hohen Ausländerquoten unter den Schülern, oder ländliche Gebiete im Osten Deutschlands mit denen im Westen. dpa