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Debakel für die SPD : Katastrophen-Tag für Schulz

Debakel für die SPD : Katastrophen-Tag für Schulz

Er hat nicht viel falsch gemacht, dennoch strafen die Wähler den SPD-Mann ab.

Manchmal fühlt Martin Schulz sich wie Hiob. Jener Mann, den Gott im Alten Testament schwer auf die Probe stellt. Hiobs Herden werden geplündert. Seine Kinder sterben. Er selbst wird von Geschwüren geplagt. Aber Hiob bleibt standhaft. Am Ende wird er belohnt, weil er seinen Glauben nicht verleugnet. Das spricht Schulz aus der Seele.

Erst sechs Monate ist es her, da ist er noch nicht Hiob, sondern der Messias der SPD. „Gottkanzler“, so nennen ihn seine jungen Fans im Internet. Mit 100 Prozent wird er zum Vorsitzenden der ältesten deutschen Partei gewählt. Danach erlebt Schulz mit der SPD eine Niederlage, eine Heimsuchung nach der anderen. Der Tiefpukt dann gestern Abend. Nur knapp 21 Prozent. Wird es ihm seine Partei danken, wie der 61 Jahre alte Buchhändler aus Würselen selbst hofft, dass er so viele Rückschläge ertragen hat?

Längst sagt Schulz: „Mir war das richtig peinlich, Gottkanzler. Immer wieder habe ich meinen Leuten gesagt, wir müssen das irgendwie runterdimmen, das ist gefährlich.“ Im Rückblick wäre es besser gewesen, die 100 Prozent hätte es nie gegeben, ein paar hätten gegen ihn gestimmt. Sagt er. Echt? Damals wirkt er anders. Ein Schulz denkt groß. Das hat er als populärer Präsident des Europaparlaments im Kreis der Mächtigen gelernt. Und liegt da Mitte März die mögliche Kanzlerschaft nicht vor ihm auf dem Silbertablett, und er muss nur noch zugreifen?

Im Saarland wird der Messias aus Würselen nur acht Tage nach der Wahl an die SPD-Spitze aus dem Himmel gerissen. Dort regiert die CDU. Aber es ist Oskars Land. Lafontaine würde Rot-Rot machen. Schulz sagt, er habe das nie öffentlich unterstützt. Er lässt es aber laufen. Seine Leute träumen vom 3:0 gegen Merkel. Im Mai wird auch in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen gewählt. Drei Sargnägel für die Kanzlerin? Schulz und die SPD irren gewaltig. Die Saarländer wollen kein Rot-Rot. AKK gewinnt. Die beliebte Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine Merkel-Vertraute und loyale Unterstützerin in der Flüchtlingskrise.

Schulz’ Parteifreund Torsten Albig, der Ministerpräsident in Kiel, vergeigt Anfang Mai mit einem Chauvi-Interview über die Trennung von seiner Frau die sicher geglaubte Wiederwahl. Dafür kann Schulz nichts. Doch Der Hype ist vorbei. Der Schulzzug rollt nicht mehr. Und es kommt noch dicker. Die Präsentation des mit vielen Ideen zu Steuern, Rente, Bildung vollgestopften Wahlprogramms wird zu einer Slapstick-Nummer. Der Kanzlerkandidat fehlt bei der Pressekonferenz, ein Referent verhunzt beim Deckblatt den zentralen Slogan („Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ statt „Zeit für mehr Gerechtigkeit“). In Schwerin zieht sich der krebskranke SPD-Regierungschef Erwin Sellering von einem Tag auf den anderen zurück. Ein Altkanzler stirbt. Der Wahlkampf ruht, Genossen klagen intern über „Kohl-Festspiele“ in den Medien. In Hamburg arten die Krawalle beim G20-Gipfel aus, SPD-Mastermind und Bürgermeister Olaf Scholz gerät unter Druck: Schulz muss sich anhören, Sozis seien auf dem linken Auge blind. Gerhard Schröder kündigt breitbeinig an, beim weltgrößten Ölkonzern Rosneft im Dunstkreis seines Freundes Wladimir Putin anheuern zu wollen.

Aus Schulzens Sicht nimmt das Elend da biblische Ausmaße an. „Immer, wenn wir uns gerade berappelt haben, passiert irgendwas“, klagt er. „Die Leute fragen sich, ist das die Pechmarie?“ Der „Pechmartin“ versucht, sich gegen die Rückschläge immun zu machen. Schwierig, denn die Probleme sind oft auch hausgemacht. Dennoch, auch nach dem gestrigen Debakel: Schulz will an der Spitze bleiben. Er will wie Hiob für seine Standfestigkeit belohnt werden. Wenn schon nicht mit dem Kanzleramt, dann mit der Solidarität seiner Genossen.