Kampf den "stillen Killern"

Brüssel. "Stille Killer" nennen die Fachleute sie: gefälschte Medikamente, die entweder gar keinen Wirkstoff oder einen so schlechten enthalten, dass sie im schlimmsten Fall anstatt Heilung den Tod bringen

Brüssel. "Stille Killer" nennen die Fachleute sie: gefälschte Medikamente, die entweder gar keinen Wirkstoff oder einen so schlechten enthalten, dass sie im schlimmsten Fall anstatt Heilung den Tod bringen. Jetzt sagt die EU diesen bitteren Pillen den Kampf an - mit neuen Echtheitszertifikaten, Überprüfungen noch in der Apotheke und Qualitätssiegeln für den pharmazeutischen Internet-Handel. Das Europäische Parlament in Straßburg segnete einen entsprechenden Vorschlag gestern bereits in erster Lesung endgültig ab. Den Mitgliedstaaten bleiben acht Monate, um ihre nationalen Gesetze anzupassen. Die neuen Siegel müssen allerdings erst in fünf Jahren eingeführt worden sein.7,5 Millionen gefälschte Präparate beschlagnahmten die europäischen Zollbehörden zwischen 2006 und 2009 an den Grenzen. Dabei mussten sie Alarmierendes feststellen. "Früher wurden nur so genannte Lifestyle-Medikamente wie Viagra gefälscht. Inzwischen fälschen Kriminelle auch lebenswichtige Arzneimittel zur Behandlung von Krebs", sagen die CDU-Europa-Abgeordneten und Ärzte, Peter Liese und Thomas Ulmer. Immer häufiger gelangen illegale Präparate auch in den legalen Handel. Da die meisten Wirkstoffe außerhalb Europas hergestellt würden, seien drastische Überwachungsmaßnahmen nötig. Dagmar Roth-Berendt, SPD-Abgeordnete: "Nur wenn der Weg, den die Medikamente vom Hersteller bis zur Apotheke gehen, lückenlos überwacht wird, können Fälschungen wirksam bekämpft werden."

Auch wenn die Details erst in den kommenden Monaten ausgearbeitet werden sollen, steht jetzt schon fest: Alle verschreibungspflichtigen Arzneimittel werden ein Echtheitskennzeichen bekommen. Ausnahmen gibt es nur für Pillen, Tropfen oder Salben, die frei verkäuflich sind, sowie Produkte, deren Fälschung keine gravierenden Folgen hätte. Nach Angaben der Bundesärztekammer bräuchte deshalb eine Aspirinschachtel auch künftig keine Kennzeichnung. Das neue Siegel muss auf der äußeren Verpackung aufgedruckt sein.

Darüber hinaus sollen die Medikamente einen neuen Barcode bekommen, der eine fortlaufende Seriennummer enthält. Beim Verkauf kann der Apotheker diesen Code auslesen und feststellen, ob die Packung ordnungsgemäß registriert und die Lieferkette zwischen Hersteller und Patient nicht unterbrochen wurde. Dieses System soll auch eventuelle Rückrufe leichter machen.

Registrierte Internet-Apotheken bekommen ein neues Qualitätssiegel. Klickt der Kunde auf dieses neue Signet, wird er mit einem amtlichen Register des Mitgliedstaates verbunden, in dem alle legal tätigen Versand-Apotheken verzeichnet sind.

Da die Risiken für Patienten, die ein möglicherweise gefälschtes Präparat bekommen haben, besonders hoch sind, regelt die neue Richtlinie auch den Rückruf neu. So sind künftig alle am Handel Beteiligten zur Meldung verpflichtet, wenn sie den Verdacht hegen, dass ein gefälschtes Präparat über die Ladentheke gegangen ist. Anschließend sollen alle Mitgliedstaaten binnen maximal 24 Stunden informiert werden.

Meinung

Mehr Tempo, bitte!

Von SZ-KorrespondentDetlef Drewes

Das Ringen um besseren Schutz der Patienten vor gefälschten Medikamenten hat schon viel zu lange gedauert, weil im Hintergrund auch alte Reviere verteidigt wurden. Denn als Einfallstor für die bitteren Pillen galt lange der Internet-Versandhandel, den die ansässigen Apotheker liebend gerne gestoppt hätten. Inzwischen ist aber klar: Wenn Todespillen in Umlauf kommen, ist nicht das Internet Schuld.

Nun hat die EU Konsequenzen gezogen. Dennoch fragt man sich als Verbraucher, warum jetzt wieder erst Jahre ins Land gehen sollen, bis neue Signets, Barcodes und anderes installiert werden. Hatte man nicht schon genug Zeit, sich auf neue Sicherheitsmaßnahmen einzustimmen? Hersteller und Handel, in deren ureigenem Interesse die neue EU-Richtlinie ja ist, sollten sich etwas mehr beeilen.

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