Kamikaze-Einsatz im Zentrum des Infernos

Im blauen Overall und mit müden Augen würdigt Naoto Kan die Frontkämpfer gegen das Inferno von Fukushima. "Sie versetzen sich in eine sehr gefährliche Lage", sagt Japans Premier. Dann warnt er den Energie-Riesen Tepco vor einer Aufgabe des Katastrophenmeilers 1: "Sie müssen entschlossen sein, das zu lösen

 Im Kernkraftwerk Fukushima 1 kämpfen 50 Techniker gegen die Katastrophe. Foto: Foto: dpa/DigitalGlobe

Im Kernkraftwerk Fukushima 1 kämpfen 50 Techniker gegen die Katastrophe. Foto: Foto: dpa/DigitalGlobe

Im blauen Overall und mit müden Augen würdigt Naoto Kan die Frontkämpfer gegen das Inferno von Fukushima. "Sie versetzen sich in eine sehr gefährliche Lage", sagt Japans Premier. Dann warnt er den Energie-Riesen Tepco vor einer Aufgabe des Katastrophenmeilers 1: "Sie müssen entschlossen sein, das zu lösen." Wenn Tepco seine verbliebenen Mitarbeiter vorher zurückziehe, drohe der Firma der Zusammenbruch.So kämpfen rund 50 Menschen weiter gegen den drohenden Super-Gau. Sie sind die Helden von Fukushima - und vielleicht die ersten Opfer. Der Kamikaze-Einsatz der AKW-Mitarbeiter ist von höchster Stelle gefordert, und die Welt zittert mit den Menschen, die in der Öffentlichkeit bisher ohne Namen blieben.

Seit Kans Warnung eskaliert die Lage weiter. Fukushima 1 ist mittlerweile eine Ansammlung von Stahlschrott und Gebäudegerippen. Die "Fukushima 50", wie sie genannt werden, kriechen nach Medienberichten durch das Labyrinth der zerstörten Anlage. In unmittelbarer Nähe der Brennstäbe, die zu schmelzen drohen oder bereits schmelzen. Es sind nur Bruchstücke, die man aus dem Kraftwerk von der japanischen Regierung und dem Betreiber erfährt.

Freiwillig an der Front?

Doch teils mit Hilfe der Interpretation durch Experten haben Medien aus aller Welt ein erschütterndes Bild zusammengetragen. Die Leute tragen demnach Atemschutzgeräte, teils haben sie schwere Sauerstofftanks auf dem Rücken. Ihre Schutzanzüge halten verstrahlte Partikel auf, aber nicht die unsichtbare Strahlung selbst. 750 Mitarbeiter sind in Sicherheit gebracht worden, sie wissen, dass die Zurückgebliebenen ihre Gesundheit riskieren. Dutzende sind bereits verletzt, elf davon durch eine Wasserstoffexplosion in Block 3.

Was sie jetzt machen, steht in keiner Betriebsanleitung. So versuchen sie mit Feuerwehrpumpen, Meerwasser in die Reaktoren strömen zu lassen. Händeringend kämpfen sie darum, elektrische Anlagen oder Pumpen am Laufen zu halten. Warum setzen die Leute ihr Leben aufs Spiel? Angeblich sind sie freiwillig im Einsatz. Eine Rolle mag dabei spielen, dass in der Erziehung der Japaner das Opfer des Einzelnen für die Gemeinschaft wichtig ist. Dazu mag Zusammengehörigkeitsgefühl in solchen Kraftwerken kommen. "Es gibt einen Sinn für Loyalität und Kameradschaft, wenn man mit den Männern über Jahre trainiert und Schichtwechsel absolviert hat", sagte ein langjähriger Anlageführer amerikanischer AKW der "New York Times". Und der deutsche Psychologe Michael Kastner ergänzt: "Wer nahe dran ist an der Gefahr, nimmt sie nicht mehr so wahr."

Ein Mann aus der hunderte Kilometer entfernten Präfektur Shimane hat sich sogar freiwillig gemeldet. Der 59-jährige Stromkonzern-Angestellte, der im September pensioniert wird, sagt: "Von jetzt an verändert sich die Geschichte der Kernkraft, und da will ich aus Berufung gehen."

Wie sind die Chancen der "Fukushima 50"? Nach Tschernobyl starben dutzende Aufräumarbeiter. Das japanische Gesundheitsministerium setzte den Grenzwert für Arbeiter inzwischen von 100 auf 250 Millisievert hoch. Am Dienstag registrierten die Behörden mehrere hundert Millisievert in der Anlage - es folgte große Verwirrung über höhere Werte. Laut Bundesamt für Strahlenschutz können bei einem Strahlenunfall mit eins bis sechs Sievert Erbrechen, Fieber und Haarausfall folgen - dazu kommt ein extrem hohes Krebsrisiko. Die Arbeiter wechseln sich an den stark belasteten Anlagenteilen wohl in raschem Tempo ab. Das soll die Belastung mindern.

Auf einen Blick

Ein Kälteeinbruch und Schneefall verschärfen die Notlage der Erdbeben-Opfer im Nordosten Japans. In der vom Tsunami überschwemmten Küstenregion herrschten gestern weiter apokalyptische Zustände. Tausende Menschen mussten in den Trümmern ihrer Siedlungen ausharren. Vielerorts wurden am fünften Tag nach dem Beben die Lebensmittel knapp, wie Augenzeugen berichteten. Es fehlte an Strom und Heizwärme. In der Nacht waren die Temperaturen deutlich unter null Grad gefallen. dpa

Die Rettungskräfte haben die Hoffnung so gut wie aufgegeben, in den Trümmern noch Lebende zu finden. Die offizielle Zahl der Todesopfer stieg gestern auf 4255. Bei den Vermissten gingen die Angaben weit auseinander. Während die Polizei von 8194 Vermissten sprach, ging Regierungschef Naoto Kan von mehr als 10 000 aus. Schätzungsweise 430 000 Japaner leben seit dem schweren Beben und der Flutwelle in mehr als 2400 Notunterkünften. dpa

Kaiser Akihito hat die Japaner zum Durchhalten aufgerufen. Der 77-Jährige wandte sich in einer Videobotschaft, die gestern mehrere Fernsehsender ausstrahlten, erstmals seit der Naturkatastrophe vom Freitag an sein Volk. "Ich hoffe aufrichtig, dass die Menschen diese schreckliche Zeit überstehen, indem sie sich gegenseitig helfen", sagte er. Das Beben habe ein nie dagewesenes Ausmaß gehabt. "Ich bin sehr bewegt von der Tapferkeit der Überlebenden, die weiterkämpfen in dieser riesigen Katastrophe", sagte er. dpa

Wegen der Atomkatastrophe in Japan rät die Bundesregierung den rund 1000 verbliebenen Deutschen im Großraum Tokio jetzt offiziell, sich in andere Landesteile in Sicherheit zu bringen oder ins Ausland zu reisen. Es handele sich um eine "erhebliche Aktualisierung" der Reisehinweise für Japan, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts gestern in Berlin. Inzwischen gelten dem Sprecher zufolge keine Deutschen in den vom Erdbeben und dem Tsunami am schlimmsten betroffenen Regionen mehr als vermisst. dapd

Als Konsequenz aus der Atomkatastrophe in Japan unterzieht China alle seine Nuklearanlagen einer Sicherheitsprüfung. Wie der Staatsrat gestern nach einem Krisentreffen erklärte, wurden zudem die Genehmigungen für den Bau neuer Atomkraftwerke vorübergehend auf Eis gelegt. China betreibt derzeit 13 Atomreaktoren. Für den Bau von 34 weiteren Anlagen gab die Regierung bereits grünes Licht, 26 davon werden schon gebaut. Bereits am Wochenende hatte Peking erklärt, trotz der schweren Unfälle in Japan an der Atomkraft festzuhalten. afp