Jubiläum: Wie wurde die Völklinger Hütte zum Unesco-Weltkulturerbe?

Jubiläum: Wie wurde die Völklinger Hütte zum Unesco-Weltkulturerbe?

In diesem Fall hatte das Saarland die Nase vorn: Vor genau 20 Jahren schaffte es das Völklinger Eisenwerk als erstes Denkmal der Hochindustrialisierungs-Phase auf die Welterbe-Liste. Danach begann eine Erfolgsgeschichte.

Wenn der frühere Landeskonservator Johann Peter Lüth Anfang der 90er Jahre durch Völklingen ging, konnte es passieren, dass man ihm, wenn er den Rücken wandte, einen Vogel zeigte. Übergeschnappt, der Mann. Zuerst weist er die Roheisenerzeugung der Saarstahl GmbH, über der die Arbeiter die schwarzen Protestfahnen gehisst haben, noch vor der Stilllegung 1986 als Denkmal aus. Dann zieht er mit der "Initiative Völklinger Hütte" gegen alle lokalpolitischen Abriss-Ritter in den Debatten-Krieg, holt mit "Nachtschicht" und "Steelopolis" Künstler und Kreative in nach Öl stinkende, staubige Hallen. Dann gewinnt er 1992 die SPD-Landesregierung für den "weitestgehenden Erhalt" des rostigen Riesen an der A620. Und schließlich reicht er auch noch einen Antrag bei der Unesco ein, um die Alte Hütte als Weltkulturerbe anerkennen zu lassen.

Eine "hässliche" Ruine neben der Akropolis oder dem Tadj Mahal? Genau das entschied 1994 das Welterbekomitee auf seiner Sitzung zwischen dem 12. und 17. Dezember auf Phuket (Thailand). Die Alte Hütte war das erste Denkmal aus der Hochindustrialisierungs-Phase auf der Liste überhaupt, noch vor der Zeche Zollverein in Essen. "Es war ein kultureller Dammbruch", sagt Meinrad Maria Grewenig , seit 1999 an der Spitze des Völklinger Weltkulturerbes. "Wir verdanken ihn Herrn Lüth. Ein Schrotthaufen wurde zum Sehnsuchtsort. Wir haben für die Weiterentwicklung des Denkmalbegriffes Geschichte geschrieben."

Fluch oder Segen? Darüber wurde im Saarland gestritten. Denn der Ehrentitel der Kultur- und Bildungs-Organisation der Vereinten Nationen bringt per se kein Geld, stattdessen strenge Denkmalschutz-Auflagen, Nutzungs-Einschränkungen und die Verpflichtung zum Ensemble-Gesamterhalt. Begraben waren damit alle Ideen von Teilabrissen oder Sperrgebieten auf dem sechs Hektar großen Areal, die dem "kontrollierten Verfall" anheim gegeben werden sollten.

Denn die Begründung für die Aufnahme auf die Unesco-Liste war, die Völklinger Hütte sei weltweit die einzige, die noch als Ganzes intakt sei. Heute warten nur noch wenige Gebäude, etwa der Wasserturm oder die Benzolhäuser, auf eine Umnutzung. Der Rest ist derart mustergültig saniert, dass Experten aus der ganzen Welt ins Völklinger Kompetenzzentrum für Industriedenkmalpflege reisen. Die Möllerhalle wurde zum Science-Center "Ferrodrom" und zu einem international bekannten "Urban Art"-Graffiti-Forum, die Erzhalle dient zusätzlich zur Gebläsehalle als Ausstellungsort, die Sinterhalle als Besucherempfangs-Zentrum.

Unbezahlbar das Ganze, hieß es 1994. Irrsinn, schallte es durchs Land. Heute weiß man es besser. Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist in großen Teilen saniert, zu 75 Prozent jedoch nicht durch Landesmittel. Denn der Bund, der sich durch die Unterzeichnung der Unesco-Charta verpflichtet hat, Weltkulturerbe-Stätten zu erhalten, fördert die Hütte bis zum heutigen Tag. Zwischen 1999 und 2014 flossen rund 95 Millionen Euro in die Instandhaltung, 50 Prozent kamen vom Bund, 25 Prozent von der EU, 25 Prozent vom Saarland . Freilich kommen die Verwaltungs- und Bespielungskosten hinzu.

Wobei das Weltkulturerbe eine der wenigen Insitutionen ist, die sich ihren 1,8-Millionen-Euro-Veranstaltungsetat durch Ticketverkäufe oder Sponsorenmittel weitgehend selbst verdienen muss. Nur etwa 400 000 Euro davon sind durch Totomittel gedeckt. Trotzdem haben die kulturhistorischen Ausstellungen in der Gebläsehalle, was die Besucherzahlen angeht, Saar-Kulturgeschichte geschrieben. "Prometheus", "Die Kelten ", "Inka Gold", "Genius I" oder "Leonardo da Vinci" - alle schnellten weit über die 100 000er-Marke. Insgesamt hat das Areal jährlich bis zu 300 000 Gäste, im Schnitt sind 30 Prozent Saarländer, 60 Prozent kommen aus dem Bundesgebiet.

Auch wenn die Statistiken und Zähltechniken von Generaldirektor Grewenig jüngst in die Kritik gerieten - am ersten Platz der Alten Hütte auf der Kulturtouristen-Liste lässt sich nicht rütteln. Sie versteht sich als Tourismus-Faktor; nicht von ungefähr "regiert" den Weltkulturerbe-Aufsichtsrat der jeweilige Wirtschaftsminister. Kritik am allzu populären, unseriösen, standortfremden Ausstellungskonzept begleitet die vergangenen Jahrzehnte. Mitunter auch Streit mit der Unesco um den richtigen Erhalt. Doch das Bild der erleuchteten Hochofen-Silhouette hat sich als Symbolbild und Ikone längst neben das der Saarschleife geschoben. Sprich: Das Weltkulturerbe hat eine beispiellose Karriere hingelegt.

Dass es heute so etwas wie die von der EU geförderte Europäische Route der Industriekultur mit über 850 Standorten gibt, habe man dem Völklinger Meilenstein zu verdanken, meint Grewenig. Industriekultur sei ein Wachstumssegment. Jährlich würden weltweit rund 300 auf Industriekultur spezialisierte Manager gesucht. Wenn er 20 Jahre voraus denkt, sieht er das Völklinger Industriedenkmal als Ausbildungs- und Kulturort für die Smartphone-Generation, die Wissenschaft, Party, Hochkultur und Museales nicht mehr trennt. Völklingen hat also immer noch einen Traum.

Industriebrache: Die Völklinger Hütte 1991, fünf Jahre nach ihrer Stilllegung. Fotos: Becker & Bredel.

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Auf einen BlickDie Top-Ten-Ausstellungen im Weltkulturerbe:Prometheus (1998/99): 195 651 Besucher; Kelten (2010/11): 196 043; Inka-Gold (2005/06): 193 073; Staatsgeschenke (2009/10): 132 676; Leonardo da Vinci (2002/03): 123 732; Genius I (2007/08): 104 785; Urban Art (2013/14): 104 732; Nicolas Dhervillers (2012/13): 101 595; Macht & Pracht. Europas Glanz im 19. Jh. (2006/07): 98 384; Otmar Alt (2009/10): 97 173. ce