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Jetzt röhrt er auch nicht mehr so wie Schröder

Jetzt röhrt er auch nicht mehr so wie Schröder

Kaum sitzen sie in den Ledersesseln, fallen die sechs Passagiere schon über die Süßigkeitenschale her. "Dann wollen wir mal wieder", sagt der Pilot und startet. Frank-Walter Steinmeier verdrückt ein Stück Schokolade. Es ist drei Uhr nachmittags und für den SPD-Kanzlerkandidaten beginnt die zweite Hälfte des Arbeitstages. Flug mit einer zweistrahligen Citation XLS von Berlin nach Bochum

Kaum sitzen sie in den Ledersesseln, fallen die sechs Passagiere schon über die Süßigkeitenschale her. "Dann wollen wir mal wieder", sagt der Pilot und startet. Frank-Walter Steinmeier verdrückt ein Stück Schokolade. Es ist drei Uhr nachmittags und für den SPD-Kanzlerkandidaten beginnt die zweite Hälfte des Arbeitstages. Flug mit einer zweistrahligen Citation XLS von Berlin nach Bochum. Rede vor 2500 Leuten. Händeschütteln, Winken, Autogramme. Dann Flug nach Nürnberg. Rede vor 6000 Leuten. Händeschütteln, Winken, Autogramme. Kurz vor Mitternacht Flug zurück nach Berlin. Seit vier Wochen geht das schon so. Jeden Tag. Jetzt holt einer der drei Sicherheitsbeamten ein Tablett mit Brötchen aus dem Kombüsenschrank. "Wenigstens Vollkorn", sagt Steinmeiers Medienberater Thomas Steg nach kurzer Prüfung. Einmal, erzählt Steinmeier, gab es Kartoffelsuppe. Aus der Thermoskanne. Wahlkampf ist nicht unbedingt gesundheitsfördernd.Über Hannover greift sich Steinmeier das Redemanuskript. Eigentlich hält er überall eine Standardrede, aber dazu kommen Aktualisierungen und regionale Besonderheiten. Steinmeier stößt auf den Namen eines Mannes, den er gleich in Bochum begrüßen soll. "Kenn ich den?", fragt er seinen Büroleiter, der ihm gegenüber sitzt. "Ich meine schon", antwortet der. "Wie sieht der aus?", fragt Steinmeier. Der Büroleiter zieht ein Foto aus seiner unerschöpflichen Akte. "Den kenn ich." "Sach ich doch", sagt der Büroleiter. Das Team ist eingespielt.Hat da jemand behauptet, der Kandidat habe resigniert? Er wirkt nicht so. Schon morgens, bei der Pressekonferenz nach der Sitzung des SPD-Präsidiums, ist ihm ein Witz zur FDP eingefallen, die gerade einer Ampelkoalition eine Absage erteilt hat. Und damit auch einem Kanzler Steinmeier. Genscher sei der dienstälteste Außenminister der Republik geworden, sagt er. FDP-Chef Guido Westerwelle müsse aufpassen, dass er nicht der dienstälteste Oppositionsführer der Republik werde. Steinmeier will weglenken von den Koalitionsspekulationen. Alle sollten doch mal bitteschön bis Sonntag, 18.01 Uhr, warten, sagt er immer wieder. Und die Leute interessiere diese Taktiererei sowieso nicht.Das Manuskript, das Steinmeier im Flugzeug noch sorgfältig gelesen hat, liegt bei den Kundgebungen unbeachtet auf dem Rednerpult. Er redet frei. In Bochum ist natürlich Opel sein Einstieg, denn hier gibt es ein Werk mit 5000 Mitarbeitern, das er irgendwie mitgerettet hat. 2000 Jobs werden wahrscheinlich trotzdem abgebaut. Steinmeier nimmt dieses Thema gleich zu Beginn auf, denn es führt ihn direkt zu seiner wichtigsten Aussage: Der Warnung vor einer Koalition aus Union und Liberalen. "Hätte Schwarz-Gelb regiert", ruft er dröhnend über den Doktor-Ruer-Platz im Zentrum, "Opel wäre tot, mausetot". Die 2500 johlen und klatschen bei diesem Satz. Hat da jemand behauptet, der Mann sei keine "Rampensau", könne keinen Wahlkampf? Mittlerweile röhrt er nicht mehr wie Gerhard Schröder. Mittlerweile baut er Themen leise auf, um sie dann plötzlich zuzuspitzen. Dann hämmert die rechte Faust auf das Pult, und die Leute klatschen. "Wer so redet, der arbeitet dem rechten Mob in die Hand", sagt er über Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers und dessen provozierende Rumänien-Sprüche. "Das ist sozialer Kahlschlag für viele und Steuersenkungen für wenige", sagt Steinmeier über das Programm von Schwarz-Gelb. Wenn dann der ganze Platz in Bewegung kommt, blickt er zufrieden über die Menge. Das TV-Duell vor zehn Tagen hat seinem Wahlkampf eine zweite Luft gegeben. Beim Auftritt in Bochum sagt er: "Es ist noch ganz viel in Bewegung. Ich sehe eine starke SPD". Im Nachhinein ist aus dem Punktgewinn gegen Merkel ein gefühlter Kantersieg geworden. Denn jetzt, sagt Steinmeier im Gespräch, würden die eigenen Leute an den Informationsständen nicht mehr nur mitleidig belächelt. Jetzt ist die SPD wieder für eine Überraschung gut, für das Tor in der letzten Minute.