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Jetzt machen die Kontrolleure ernst

Jetzt machen die Kontrolleure ernst

Völklingen. Bernd das Brot steht im Schaufenster - und schaut verdrießlich. Die kultige Aufblaspuppe aus dem Kinderprogramm kann aber wohl nicht einmal erahnen, was sich hinter den Kulissen dieses Ladens tagtäglich abspielt

Völklingen. Bernd das Brot steht im Schaufenster - und schaut verdrießlich. Die kultige Aufblaspuppe aus dem Kinderprogramm kann aber wohl nicht einmal erahnen, was sich hinter den Kulissen dieses Ladens tagtäglich abspielt. Ein paar Meter weiter hinten in der Backstube werden Brot und Brötchen, Torten und Teilchen für rund 30 Filialen und täglich tausende von Saarländern produziert unter - bis gestern - schlimmen hygienischen Zuständen.

Es ist 8.10 Uhr. Jetzt öffnet sich die Tür der Backstube im Hinterhof. Im Autoradio hat Herbert Grönemeyer mit der Liedzeile "ich kann nicht glauben, was ich hier sehe" gerade noch unfreiwillig die folgende Szene treffend kommentiert: Ein dunkelhäutiger Hilfsarbeiter im Firmen-Pulli trägt auf einem offenen Backblech drei Torten rund 50 Meter weit über die Straße zu einem Kleintransporter. Mit einer Hand öffnet er die Tür und stellt die bunten Kalorienbomben ab. Schaut nach links und rechts, ob auch kein Auto kommt, und eilt zurück ins schmuddelig-anmutende Haus. Während er die nächste Tortenladung schultert, machen sich die wartenden Tauben an der weit geöffneten Ladefläche zu schaffen. Picken und gurren zufrieden und lassen erst von ihrer Morgendelikatesse ab, als der fleißige Mann sie mit der nächsten Tortenlieferung aufscheucht. Dieses unappetitliche Schauspiel zur Frühstückszeit wiederholt sich drei Mal an diesem Morgen. Massenweise Taubenkot auf Straße und Lieferwagen verraten, dass dies kein einmaliges Szenario war, sondern hier wohl tagtäglich zu beobachten ist. Plötzlich fährt ein schwarzer, blitzblank gewienerter Straßenkreuzer vor, in dem man gewiss vom Boden essen könnte: Der Firmen-Chef trifft ein. Herbeizitiert von den Lebensmittelkontrolleuren, die nach mehreren Berichten in der Saarbrücker Zeitung und entsprechend kritischen Anfragen von SPD und Grünen im Landtag heute hier aktiv werden wollen. Nein, die Presse darf nicht mit rein, in die gute (Back-)Stube. Der Chef ist Hausherr - und kann dies verbieten. Aber dort drinnen, so bestätigt der Vorgesetzte der Lebenskontrolleure nach halbstündiger Ortsbesichtigung mit seinen Kollegen, sehe es wohl noch ähnlich schlimm aus, wie vier Wochen zuvor, als die Öffentlichkeit nach SZ-Recherchen vom 24. Januar 2009 auf tote Mäuse und Kakerlaken, Schimmel und Moder in dieser Backstube genannten Baracke und dem angeschlossenen Mehllager aufmerksam wurde. Entsprechende SZ-Fotos auch aus den angrenzenden Gebäudeteilen geben Einblick in die Produktionsbedingungen in dieser Großbäckerei.

Das sieht inzwischen auch der saarländische Verbraucherschutzminister Gerhard Vigener (CDU, Foto: Becker & Bredel) so, der die Lebensmittelkontrolle letztlich zu verantworten hat und dessen zuständiges Landesamt in diesem Fall offenbar über Monate hinaus nicht entschlossen genug gehandelt hat. Nur so ist zu erklären, dass der Minister gestern die "Prüfung von internen Disziplinarmaßnahmen angeordnet" hat. Über die genauen Hintergründe dieser ungewöhnlich scharfen Maßnahme wurde gestern noch nichts bekannt. "Ich bin entsetzt über die hygienischen Zustände in dieser saarländischen Großbäckerei", sagte Gerhard Vigener aber und gab bekannt, dass aufgrund des aktuellen Vorfalls im Saarland die 41 Lebensmittelkontrolleure ab sofort nicht mehr einem festen Gebiet zugeordnet bleiben wie bisher, sondern im ganzen Land rotieren sollen. Dem Vernehmen nach soll diese Maßnahme auch dazu dienen, dass die Kontroll-Beamten nicht zu eng mit Inhabern von etwaigen Schmuddel-Betrieben bekannt werden - und damit noch unabhängiger Missstände unter die Lupe nehmen können.

Nach Ansicht der SPD-Verbraucherschutzexpertin im saarländischen Landtag, Isolde Ries, ist dies auch dringend geboten, denn der jetzt bekannt gewordene Fall ist nach ihrer Kenntnis kein Einzelfall von zu laschen Kontrollen: "Mir sind allein fünf Bäckerei-Betriebe im Saarland bekannt, in denen in den vergangenen Jahren nie ein Kontrolleur gesichtet wurde."

Auch fordert sie vehement, Betriebe mit Missständen umgehend zu schließen und Ergebnisse von Kontrollen und die Namen der schwarzen Schafe "der Öffentlichkeit zugänglich zu machen".

Es gehe schließlich nicht an, dass die Saarländer morgens verunsichert zu ihrem Bäcker gehen müssten. Möglicherweise zu einem Bäcker, der in seinem Schaufenster ungeniert damit wirbt, "Wir machen den Trend essbar" - und dabei außen hui, innen pfui ist. "Ich bin entsetzt über die Zustände in dieser Großbäckerei."

Minister für Verbraucherschutz, Gerhard Vigener, CDU

Meinung

 Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer
Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer
 Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer
Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer
 Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer
Innenansichten einer Großbäckerei im Saarland Mitte Januar 2009: Unhygienische Zustände, tote Tiere und eklige Ecken und Werkzeuge so weit das Auge reicht. Fotos: Iris Maurer