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Jennifer Donato aus Fischbach wanderte den 4279 Kilometer langen Pacific Crest Trail an der US-Westküste.

Zu Fuß an der US-Westküste : Die pure Lust am Abenteuer

Jennifer Donato aus Fischbach ist begeisterte Fernwanderin. 2017 wagt sie sich auf den 4279 Kilometer langen Pacific Crest Trail an der US-Westküste.

Jennifer Donato hängt an einem langen Seil, unter sich eine Landschaft von Nadelwäldern wie in Miniaturformat. Grauweiße  Dunstschwaden schränken die Sicht ein, nur kleine Schneefelder sind noch erkennbar. Die junge Frau im ärmellosen T-Shirt lächelt unbekümmert – wo Anfang und Ende des Seils sind, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Es ist eines von vielen Fotos, die von der heute 33-Jährigen aus Fischbach auf dem Pacific Crest Trail an der US-Westküste aufgenommen wurden. Dieses entstand im kalifornischen Yosemite Park. Ein anderes Foto zeigt sie auf einem hellen Felsvorsprung sitzend. Hunderte Meter unter sich eine Fläche mit dichtem Buschwerk blickt sie hinüber in ein karges Tal, das von einer gewaltigen Bergkette begrenzt wird. Der Anblick der jungen Frau auf der Kante des Felsens ist schwindelerregend – der Ausblick hingegen lässt die Faszination dieses Naturerlebnisses erahnen.

Es war im Frühjahr 2017, als sich die zierliche Saarländerin auf den wohl härtesten Wanderweg der USA machte, den knapp 4300 Kilometer langen Trail, der von der mexikanischen Grenze über die US-Staaten Kalifornien, Oregon und Washington bis zur kanadischen Grenze führt. Was treibt eine junge Frau dazu, sich diesen monatelangen Gewaltmarsch zuzumuten? Eine zumal, die von sich sagt, dass Sport eigentlich gar nicht ihr Ding sei. Und die darüber hinaus auch nicht den Eindruck vermittelt, sich etwas beweisen zu müssen. Nein, es ist etwas anderes, das sie lockt: die pure Lust am Abenteuer.

Alles fing damit an, dass Jennifer Donato 2011 quasi über Nacht der Wunsch nach einem Tapetenwechsel überkam – beruflich wie privat. In München fand sie zunächst einen neuen Job bei einem großen Internetunternehmen, wo sie sechs Jahre blieb. Der Besuch bei einem guten Freund, der von München nach Kanada ausgewandert war, gab den Impuls zu einer neuen Passion. Aus der Visite wurde ein „echter Abenteuerurlaub“, erzählt die Saarländerin. Denn anders als sie selbst war der Bekannte ein „absoluter Sportfreak und sehr naturverbunden“. Bei Wanderungen auf wunderschönen kanadischen Trails packte Donato das Outdoor-Fieber: „Ich habe mich noch nie so lebendig und frei gefühlt wie in diesen drei Wochen.“

Was sie zusätzlich reizte, war das sogenannte Slacklinen, das Balancieren auf Seilen, die zwischen zwei Fixpunkten, Bäumen etwa, gespannt sind. Die neu entbrannte Leidenschaft fürs Wander-Abenteuer führt  sie zunächst nach Bali: Dort erklimmt sie während eines zweitägigen Vulkan­trekkings den 3700 Meter hohen Mount Rinjani auf der Insel Lombok. „Das war meine erste richtige Wander- und Bergtour mit Übernachtung im Zelt“, berichtet sie. Bei dem dreistündigen Aufstieg lernt sie allerdings auch ihre Grenzen kennen: Geröll und Vulkanstein machen ein Vorwärtskommen fast unmöglich. „Ich dachte, ich komme nie oben an.“ Auf dem Gipfel schließlich entschädigt sie der gigantische Sonnenaufgang und der Ausblick für die vorausgegangenen Strapazen. „Es war fast surreal und einfach nur atemberaubend.“

Ein Erlebnis mit hohem Suchtpotenzial, wie sich zeigt. Nur wenige Wochen später übermannt sie das Fernweh erneut – und heftiger denn je. Eigentlich reizt sie Australien, doch im Oktober 2016 stößt sie im Internet auf die Reisedoku zweier junger Männer, die den Pacific Crest Trail gewandert waren. Und ist so entflammt, dass sie ihren Chef um eine sechsmonatige Auszeit bittet. Ohne Erfolg – weshalb sie kurzerhand ihre Kündigung einreicht. „Nichts konnte mich mehr aufhalten“, sagt sie.

Am 7. April 2017 steht sie am Startpunkt an der mexikanisch-kalifornischen Grenze. Mit einem 20 Kilo schweren Rucksack – und einer gehörigen Portion Zweifel im Gepäck. Hat sie sich vielleicht doch zu viel vorgenommen? Immerhin läuft sie über weite Strecken mit Begleitung – etwa in einer der Gruppen, die sich für gewöhnlich zusammentun. Auch ein Kollege hat sich ihr angeschlossen. Gestartet wird meist um sechs, sieben Uhr in der Früh, das Tagespensum beträgt 20 bis 30 Kilometer. Die ersten fünf Wochen beschreibt Jennifer Donato als „unfassbar hart“. Hunger und Durst machen ihr zu schaffen, die Ernährung ist eher dürftig für die körperlichen Strapazen und besteht zumeist aus Haferbrei, Instant-Nudeln, Thunfisch-Packungen und „tonnenweise M&Ms“ (bunte Schokolinsen). Den Durst löscht sie mit Naturwasser, das sie mit einem speziellen Filter reinigt. Eine bisweilen eklige Angelegenheit, wenn sie etwa Wasser aus Tümpeln schöpfen muss.

Schmerzhafte Blasen plagen sie beim Gehen, nachts überkommt sie im Zelt „die Angst, von einem Berglöwen gefressen zu werden“. Unzählige Klapperschlangen kreuzen ihren rund tausend Kilometer langen Weg durch die kalifornische Wüste. Durch die schneebedeckte Sierra Nevada kämpft sie sich mit Spikes und Eisaxt. Überwiegend alleine wandert sie tagsüber, da der Trail ohnehin zu schmal ist, um nebeneinander zu gehen. Zudem hat jeder Wanderer sein eigenes Tempo. Erst abends trifft man sich wieder zum campen. Klar, dass die Kräfte bisweilen nachlassen und die Stimmung auf den Nullpunkt sinkt. „Es gab Tage, an denen ich durchaus auch mal schlecht drauf war, “, räumt Donato ein, „aber aufgeben wollte ich nie.“ Ein bisschen Erholung finden die Wanderer an Orten, wo es Dusch- und Einkaufsmöglichkeiten gibt. Und gelegentlich wird dann auch ein, zwei Tage pausiert.

Ganz ungefährlich ist der Weg durch die Eis und Schnee freilich nicht, vor allem wenn man alpin-unerfahren ist. Und reißende Flüsse, die es zu überqueren gilt, stellen Wanderer ebenfalls vor ungeahnte Herausforderungen. Dass auch ein Ruhepäuschen äußerst riskant sein kann, erfährt Jennifer Donato, als sie sich eines Tages müde vom Laufen  am Wegrand niederlässt und hinter sich ein Rascheln und Atmen wahrnimmt. Was sie zunächst als das Heranpirschen eines Gruppen-Mitglieds deutet, stellt sich schnell als hochgewachsener Braunbär heraus. Völlig geschockt zückt sie, statt Reißaus zu nehmen, ihr Handy, um ein Foto zu machen. Leider vergebens, der Akku ist leer. Ebenso geschockt scheint auch der Bär, der  sogleich die Flucht ergreift, und sich dabei, wie Donato erzählt, so tapsig dranstellt, dass er erst mal über seine Beine stolpert.

Atemberaubende Erlebnisse, faszinierende Panoramen und ein „unfassbares Freiheitsgefühl“ können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Natur dem menschlichen Willen bisweilen gnadenlos Grenzen setzt. Ein paar hundert Kilometer vor dem Ziel, der Grenze zu Kanada, werden die Wanderer von plötzlich einsetzenden Waldbränden überrascht, Trailabschnitte sind gesperrt. Die Saarländerin entschließt sich daher, die Gruppe zu verlassen, um einen zuvor übersprungenen Teil der Sierra Nevada zu Ende zu laufen. Dort erreicht sie am 30. September 2017 ihr Traumziel: den 4421 Meter hohen Mount Whitney. Am White Pass  beendet sie ihren Fußmarsch nach knapp 3700 Kilometern. Und nimmt sich sogleich vor, die noch fehlenden 600 Kilometer „ganz sicher“ nachzuholen. Wann, ist noch ungewiss, sagt sie. Aber Kontakte zu Mitwanderern aus vielen Ländern sind geblieben, aus manchen sind feste Freundschaften entstanden.

Viel Sitzfleisch hat Jennifer Donato seither jedenfalls nicht mehr. Aus der wenig sportbegeisterten Versicherungskauffrau, die heute bei einer Saarbrücker Bank arbeitet, ist eine begeisterte Läuferin geworden. In der Schweiz beteiligte sie sich sogar an einem Marathon. Eigentlich wollte sie im vergangenen Jahr zu Fuß die Alpen überqueren, aber eine Verletzung kam dazwischen. Donatos nächstes Ziel fällt daher etwas bescheidener aus: Zusammen mit ihrem Partner möchte sie im Sommer den 168 Kilometer langen GR20-Trail auf Korsika erwandern.