Ist das der Blick des künftigen Papstes?

Ist das der Blick des künftigen Papstes?

Gütig, wach und hintergründig wirkt er. Langsam bewegt Kardinal Christoph Schönborn seinen Kopf nach links und rechts, als Letzter in der Prozession schreitet der Erzbischof von Wien durch die Kirche. Erst segnet er die Gläubigen, später verspritzt er Weihwasser. Wenn die vielen Fotografen nicht aufpassen, dann haben sie jetzt Wasserflecken auf der Linse

Gütig, wach und hintergründig wirkt er. Langsam bewegt Kardinal Christoph Schönborn seinen Kopf nach links und rechts, als Letzter in der Prozession schreitet der Erzbischof von Wien durch die Kirche. Erst segnet er die Gläubigen, später verspritzt er Weihwasser. Wenn die vielen Fotografen nicht aufpassen, dann haben sie jetzt Wasserflecken auf der Linse.

Alles dreht sich um die "papabili" in diesen Tagen in Rom. Das ist die Handvoll Kardinäle, denen die besten Chancen für die Nachfolge von Benedikt XVI. eingeräumt werden. Die meisten von ihnen haben am Sonntag noch einmal die Messe in ihren römischen Titelkirchen gefeiert. Viele Journalisten sind gekommen. Fotografen und Kamerateams erwarten die Kardinäle bereits bei ihrer Ankunft und zeichnen drinnen jede Bewegung auf, etwa auch, wenn einem hoch gehandelten Kardinal der Leib Christi aus der Hand gleitet.

Es gibt Menschen, die haben jahrelang keine Kirche von innen gesehen und besuchen an diesem Tag gleich mehrmals die Messe. Es ist ein besinnliches Schaulaufen, das den letzten Sonntag vor dem Konklave prägt. "Gott hat schon gewählt", sagt Schönborn bei seinem Gottesdienst. Sein Italienisch ist deutsch gefärbt, aber es klingt viel weicher als bei seinem Lehrer Joseph Ratzinger. Er setzt die Worte genau, korrigiert sich, wenn nötig. Er wirkt kundig und nahbar zugleich. Wäre man gläubig und unvoreingenommen, dann könnte er gut der Welt-Pastor sein, den sich viele wünschen. "Ein Mann des Evangeliums" soll der neue Papst in erster Linie sein, sagt Schönborn am Ende der Messe. Er selbst ist wohl so einer.

Das Rätselraten um den künftigen Papst ist müßig, rein optisch kann man sich diese grauhaarigen Herren alle ganz gut in der weißen Soutane vorstellen. Denn auch, wenn man sich nicht sicher ist, dass Gott oder der Heilige Geist die Sache schon gerichtet haben, ist doch die innere Dynamik eines Konklaves weitgehend undurchschaubar. Sogar die 115 wahlberechtigten Kardinäle selbst, die heute Nachmittag erstmals in die Sixtinische Kapelle einziehen werden, wissen nicht genau, was passiert. "Keine Ahnung, wir brauchen erst ein paar Wahlgänge, um zu verstehen", sagt Philippe Barbarin, Erzbischof von Lyon. Vielleicht läuft schnell alles auf einen Kandidaten zu, vielleicht blockieren sich aber auch zwei Kandidaten und es kommt zu einer Überraschung. Schönborn würde als solche gelten, schließlich steht er der Kurie bekannt kritisch gegenüber.

Aus dem Vorkonklave wurde vor allem die Unterstützung zweier Kandidaten kolportiert. Der eine, der Mailänder Erzbischof Angelo Scola, sorgt in der Basilika Santi Apostoli für einen Medienrummel wie ihn sonst nur die lokalen Fußballstars auslösen. Weil der Ratzinger-Schüler Scola bei einer der letzten Synoden eine schwer verständliche Rede hielt, gilt er manchen nun aber als zu verkopft.

Scola ist Italiener, dennoch unterstützen wichtige Exponenten der italienisch geprägten Kurie einen anderen Kardinal: Odilo Pedro Scherer. Der Erzbischof von São Paulo wirkt auf den ersten Blick sanft, etwa wenn er bei der Messe in San Andrea al Quirinale in seinem Portugiesisch gefärbten Italienisch den "spiritu santu" herbeiruft. Sein klarer Blick verrät Entschlossenheit und passt daher auch gut zu der Tatsache, dass er der Kandidat der Kurie, also des hermetischen Verwaltungsapparats der Kirche ist. Der Brasilianer, dessen Vorfahren Ende des 19. Jahrhunderts aus dem Saarland ausgewandert sind, spricht engagiert und gestikuliert viel. Theologisch und pastoral wirkt seine Predigt über das Gleichnis vom verlorenen Sohn, aber wenig inspiriert. Nach dieser Messe zu urteilen ist er eher ein Managertyp. Die Agenturen verbreiten später gnadenlos die Tatsache, dass Scherer beim Abendmahl die Hostie aus der Hand gerutscht ist.

Die Kriterien der 1,2 Milliarden Katholiken für den nächsten Papst sind andere als die der 115 Kardinäle, die einen speziellen Blick auf das Innenleben der Kirche haben und sich untereinander besser kennen. So wirkt es, als ob jede Art von Extremismus eher ein Hindernis sein könnte. Ein Sandalen-Pastor und Menschenfänger wie der beliebte US-Kardinal Sean Patrick O'Malley (Boston) oder joviale Typen wie Timothy Dolan (New York) könnten auf das konservative Gremium einen verstörenden Eindruck machen. Auch die Frage, ob es nicht Zeit für einen Papst aus Afrika wäre, ist wohl eher ein Medienphänomen und nicht das vornehmliche Bedürfnis des Kollegiums. Wenn nicht alles täuscht, sind es eher die weniger lauten Typen, die Chancen haben könnten. 115 "Gott hat

schon gewählt."

Kardinal

Christoph Schönborn,

Erzbischof von Wien

Hintergrund

Die Abstimmung im Konklave erfolgt in drei Phasen:

Die Vorstufe: Die päpstlichen Zeremoniäre verteilen je zwei oder drei Stimmzettel an jeden Kardinal. Diese müssen rechteckig sein und sollten die gedruckten Worte "Eligo in Summum Pontificem" (Ich wähle zum höchsten Pontifex) enthalten. Jeder Wähler schreibt verstellt seinen Kandidaten darauf.

Der Wahlgang: Jeder Wähler bringt seinen Stimmzettel zum Altar, spricht den Eid (jenen gewählt zu haben, der nach Gottes Willen gewählt werden sollte) und gibt den Zettel in die Urne.

Der Wahlabschluss: Das Stimmergebnis wird bekannt gegeben. Nach der Prüfung werden die Wahlzettel unter Beifügung von Chemikalien verbrannt. Schwarzer Rauch signalisiert der Außenwelt, dass es noch keinen neuen Papst gibt. Weißer Rauch zeigt, dass eine Entscheidung gefallen ist. dpa