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"Internet ist kein rechtsfreier Raum"

"Internet ist kein rechtsfreier Raum"

Herr Röhrig, welche Lehren lassen sich aus der Aufforderung zur Selbstjustiz in Emden ziehen?Röhrig: Ein Aufruf zu Selbstjustiz ist eine Straftat - egal ob online, per Telefon oder sonst wie verbreitet. Das Medium ist zunächst zweitrangig

Herr Röhrig, welche Lehren lassen sich aus der Aufforderung zur Selbstjustiz in Emden ziehen?Röhrig: Ein Aufruf zu Selbstjustiz ist eine Straftat - egal ob online, per Telefon oder sonst wie verbreitet. Das Medium ist zunächst zweitrangig. Trotzdem bekommt der Fall in Emden durch das Internet eine besondere Dimension: Er zeigt, welche Wucht eine in der virtuellen Welt veröffentlichte Nachricht in der realen Welt entfalten kann. Wie schnell Worte verbreitet, Urteile gefällt und Jagden auf Unschuldige ausgelöst werden können. Und wie sich eine Mitteilung im Netz nicht mehr kontrollieren lässt. Es ist eine Art Schneeballeffekt.

Welche langfristigen Folgen können solche virtuellen Verfolgungsjagden für die Betroffenen haben?

Röhrig: Das Internet ist kein flüchtiges Medium. Was dort einmal veröffentlicht wurde, wird in der Regel für immer gespeichert. Im Netz werden von dem Mann, der in Emden zu Unrecht beschuldigt wurde, wahrscheinlich noch nach vielen Jahren Fotos im Zusammenhang mit dem Mordfall auftauchen.

Was sollten sich Internet-Nutzer bewusst machen, wenn sie in sozialen Netzwerken aktiv sind?

Röhrig: Auch wenn man alleine vor dem Laptop sitzt: Das Internet ist ein öffentlicher und kein rechtsfreier Raum. Jeder Nutzer muss sich für die Worte, Bilder und Töne verantworten, die er dort verbreitet. Deshalb müssen wir stets versuchen, die möglichen Folgen unseres Handelns abzuschätzen. Das heißt nicht zuletzt, sorgsam mit der Veröffentlichung unserer Informationen umzugehen. Wenn jemand zum Beispiel ein offenes Profil in einem sozialen Netzwerk hat und Zugriff auf seine Pinnwand-Einträge gewährt, können andere die Mitteilungen verbreiten - und verändern. Dann hat er die Kontrolle über seine Aussagen endgültig verloren. Dies ist im Emder Fall geschehen.

Wie lässt sich verantwortungsloses Verhalten im Internet eindämmen?

Röhrig: Durch Prävention. Wir müssen - vor allem bei Kindern und Jugendlichen - das Bewusstsein dafür schärfen, wie gefährlich ein naiver Umgang mit dem Internet sein kann. Leider ist Medienkompetenz kein eigenständiges Fach an saarländischen Schulen, wird aber fächerübergreifend vermittelt. Viele engagierte Lehrer nutzen bereits die Weiterbildungsmöglichkeiten der Landesmedienanstalt und anderer Einrichtungen auf diesem Gebiet. Das Problembewusstsein ist gestiegen - aber noch lange nicht flächendeckend vorhanden.Foto: LMS