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In Frankreich flackert Atompanik auf

In Frankreich flackert Atompanik auf

Paris. Es war der erste größere Unfall in einer Atomanlage in Frankreich seit der Katastrophe in Fukushima. Ein Mensch kam ums Leben, vier weitere wurden verletzt. Sie wurden nicht verstrahlt, sondern waren Opfer der Explosion eines Brennofens. "Ein Industrieunfall", betonte Energieminister Eric Besson. Aber es war eben nicht irgendeine Industrie, sondern die Atomindustrie

Paris. Es war der erste größere Unfall in einer Atomanlage in Frankreich seit der Katastrophe in Fukushima. Ein Mensch kam ums Leben, vier weitere wurden verletzt. Sie wurden nicht verstrahlt, sondern waren Opfer der Explosion eines Brennofens. "Ein Industrieunfall", betonte Energieminister Eric Besson. Aber es war eben nicht irgendeine Industrie, sondern die Atomindustrie. Und dort liegen seit Fukushima die Nerven blank - im Atomland Frankreich mit seinen 58 Reaktoren ganz besonders. Früher spielten sogenannte "Zwischenfälle" in Atomanlagen in Frankreich kaum eine Rolle. Statistiken, wie viele Unfälle mit welcher Sicherheitsstufe es pro Jahr gab, wurden nicht veröffentlicht. Debatten um Laufzeitverlängerungen oder Endlager gab es nur in Expertenkreisen. Selbst bei einer landesweiten Umweltdebatte war Atomenergie kein Thema.Frankreich hatte sich mit der Atomkraft arrangiert. Schließlich kostet der Atomstrom die Verbraucher auch deutlich weniger als in den Nachbarländern. Seit Fukushima bröckelt der Atomkonsens jedoch. Der Unfall nahe der Atomanlage von Marcoule, etwa 30 Kilometer nördlich des beliebten Touristenortes Avignon, hat deutlich gemacht, dass die Zeiten sich geändert haben. Eilmeldungen, Laufbänder im Fernsehen, eine Notfallnummer, ein Blitzbesuch der Umweltministerin: Panik flammte auf.

Wenig später gab es beruhigende Details: Bei der Explosion in der Centraco-Anlage sei keine Radioaktivität freigesetzt worden, teilte die Atomaufsicht mit. Das Gebäude des Brennofens sei intakt, das Feuer unter Kontrolle. Auch das Innenministerium besänftigte: Es habe nicht einmal eine Evakuierung gegeben.

In der betroffenen Anlage, die von der EDF-Tochter Socodei betrieben wird, werden schwach radioaktive Abfälle verbrannt oder eingeschmolzen. Die Reste werden zusammengepresst und in ein Zwischenlager für Atomabfälle gebracht. Die französische Atomaufsicht ASN hatte bereits zuvor Sicherheitsmängel an der Anlage festgestellt. "Im Jahr 2011 wird ASN insbesondere die Ingenieursarbeiten kontrollieren", hieß es 2010 in dem Bericht der Behörde. Darin zeigte sich die Atomaufsicht auch besorgt über mögliche Umweltschäden wegen chemischer Abfälle.

Der Unfall verschaffte den französischen Atomkritikern mehr Gehör, als sie sonst in Frankreich gewohnt sind. Und im kommenden Frühjahr wird gewählt. "Sechs Monate nach Fukushima zeigt dieser Unfall, dass Atomenergie ein inakzeptables Risiko bedeutet", meint die Präsidentschaftskandidatin der Grünen, Eva Joly. "Es ist Zeit für den Ausstieg." Bislang fordert dies in Frankreich nur eine winzige Minderheit - doch Zwischenfälle wie dieser könnten den Atomkonsens weiter dahinschmelzen lassen.

Im Saarland weckte der Vorfall von Marcoule erneut die Sorge um das Kernkraftwerk Cattenom. Die Explosion führe "mal wieder vor Augen, wie gefährlich der Umgang mit radioaktiven Stoffen ist und wie schwerwiegend die Folgen für die Umwelt sein können", sagte Umweltministerin Simone Peter (Grüne). Sie will sich "auf allen politischen Ebenen in Frankreich dafür einsetzen, dass nicht nur das störanfällige Kraftwerk im nahen Cattenom, sondern alle alten Meiler in Frankreich vom Netz gehen". Die umweltpolitische Sprecherin der Linken im Landtag, Dagmar Ensch-Engel, forderte die "sofortige Abschaltung" Cattenoms und kritisierte die Informationspolitik der französischen Behörden. Die energiepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Anke Rehlinger, sagte: "Die Technik ist und bleibt unsicher." dpa/red