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In einem Positionspapier stellen Experten die Glaubwürdigkeit von Studien zur Gefährlichkeit von Feinstaub und Stickoxiden in Frage.

Brisantes Papier : Ärzte zweifeln an Grenzwerten für Fahrverbote

Sind Autoabgase wirklich so gefährlich wie gedacht? Etliche Ärzte äußern Zweifel und befeuern damit den Streit um Grenzwerte und Diesel-Fahrverbote.

Mehr als 100 Lungenspezialisten aus ganz Deutschland bezweifeln den gesundheitlichen Nutzen der geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide (NOx). Sie sehen keine wissenschaftliche Begründung, die die aktuellen Obergrenzen rechtfertigen würde, heißt es in einer gestern veröffentlichten Stellungnahme. Selbst unter Experten, die das Papier nicht unterzeichnet haben, gibt es erhebliche Bedenken. „Die Grenzwerte sind willkürlich“, sagt der Lungenfacharzt und langjährige Vorsitzende der Saarländischen Krebsgesellschaft, Professor Harald Schäfer, der SZ. Europaweit würden Fahrverbote auf der Basis von Grenzwerten erlassen, die „wissenschaftlich unsauber“ festgelegt worden seien, erklärte er.

Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid – das Jahresmittel darf 40 Mikrogramm pro Kubikmeter in der Außenluft nicht überschreiten – gelten in der EU seit 2010. Sie beruhen auf einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch für Feinstaub gibt es entsprechende Limits. Ihre Überschreitung war bisher die Grundlage für Diesel-Fahrverbote, wie sie zahlreichen deutschen Städten drohen oder bereits gelten.

So sterben in Deutschland laut Europäischer Umweltagentur EEA rund 66 000 Menschen pro Jahr an den Folgen von Feinstaub in der Luft. Die Zahl fußt nach Ansicht der über 100 Lungenexperten auf keiner soliden Basis. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten“, heißt es in der Stellungnahme. Die Daten seien „extrem einseitig“ interpretiert worden, „immer mit der Zielvorstellung, dass Feinstaub und NOx schädlich sein müssen“.

Prof. Dr. Harald Schäfer. Foto: Schaefer

Die Unterzeichner stellen die Schädlichkeit nicht grundsätzlich in Frage. Vielmehr fordern sie eine Neubewertung der Studien, in der unter anderem Störfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum oder körperliche Bewegung methodisch korrekter berücksichtigt werden müssten. Hochrechnungen zu Todesfällen seien auf der jetzigen Basis problematisch. „Das ist so, als ob man aus der Zahl der Störche die Geburtenrate ermitteln würde“, sagt auch der Völklinger Professor Schäfer.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) nannte den Vorstoß gestern eine wichtige Initiative, um „Sachlichkeit und Fakten“ in die Diesel-Debatte zu bringen. Das Umweltbundesamt sieht hingegen „keinen Grund, die auf europäischer Ebene festgelegten Stickstoffdioxid-Grenzwerte in Frage zu stellen“.