Immer wieder Ärger mit den Wartezeiten

Saarbrücken. Die Rückenschmerzen quälen ihn seit Tagen. Endlich greift Manfred F. zum Hörer, wählt die Nummer einer Arztpraxis, bittet um einen Termin. Die erste Frage der Sprechstundenhilfe: "Wie sind Sie versichert?" Das ärgert den Kassenpatienten. Er wittert Ungleichbehandlung. "Wär' ich privat versichert, hätte ich sicher gleich kommen dürfen", vermutet er

Saarbrücken. Die Rückenschmerzen quälen ihn seit Tagen. Endlich greift Manfred F. zum Hörer, wählt die Nummer einer Arztpraxis, bittet um einen Termin. Die erste Frage der Sprechstundenhilfe: "Wie sind Sie versichert?" Das ärgert den Kassenpatienten. Er wittert Ungleichbehandlung. "Wär' ich privat versichert, hätte ich sicher gleich kommen dürfen", vermutet er. Zahlreiche Studien geben Manfred F. zumindest teilweise Recht.

Tatsächlich sollen viele Orthopäden, Internisten und andere Fachärzte Kassenpatienten Tage bis Wochen später drannehmen als Privatpatienten. Bis zu dreimal länger müssten gesetzlich Versicherte auf einen Termin beim Facharzt warten, kritisierte SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im vergangenen Jahr. Mitarbeiter des von ihm geleiteten Kölner Instituts für Gesundheitsökonomie hatten bei Ärzten nach Terminen gefragt und die Ergebnisse zusammengefasst.

Auch Dr. Eckart Rolshoven (Foto: Jenal), Vorstandsmitglied der Ärztekammer des Saarlandes, streitet eine Ungleichbehandlung bei der Terminvergabe nicht ab: "Das ist mir ein Dorn im Auge." Allgemeinmediziner wie er selbst hätten damit weniger Probleme. "Wir müssen Termine ohnehin sehr zeitnah anbieten", denn er könne die Ernsthaftigkeit der von Patienten am Telefon geschilderten Beschwerden nicht richtig einschätzen. Bei den häufig überlasteten Fachärzten seien die Wartezeiten natürlich länger. Eine Zwei-Klassen-Medizin, "ja, die gibt es", sagt Rolshoven. Nicht nur mit Blick auf Wartezeiten, sondern auch "beim Zugang zu medizinischen Leistungen". Für Privatpatienten sei dies aber nicht immer von Vorteil. Da werde manchmal des Guten zuviel getan und "das ist für die Gesundheit nicht unbedingt gut", schränkt der Mediziner ein. Bei Notfällen allerdings gebe es keine Qualitätsunterschiede. An der Ungleichbehandlung der Privat- und Kassenpatienten nach Ansicht Rolshovens "die Politik nicht unschuldig". Die zu knapp bemessenen Budgets aus dem Topf der gesetzlichen Kassen führe dazu, dass mit Hilfe der privat Versicherten das Kassensystem subventioniert werde. Arztpraxen seien schließlich auch Wirtschaftsbetriebe.

Die Ankündigung von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), im Falle eines Wahlsiegs für eine "Termingarantie" zu sorgen, damit Kassenpatienten nicht mehr länger auf ihre Behandlung warten müssen als Privatpatienten hält Rolshoven "rechtlich nicht durchsetzbar". "Eine solche Garantie können Sie schon bei der nächsten Grippewelle nicht einhalten. So etwas ist nur im Einvernehmen möglich."

Auch der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Jörg-Dietrich Hoppe, lehnt eine "Termingarantie" ab und verweist auf die Budgetierung. "Das Budget hat limitierende Funktion." Bei nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen sind daher nach den Worten des BÄK-Präsidenten Wartezeiten für Kassenpatienten unvermeidlich. Bei Privatpatienten, die selbst zahlen, gebe es dieses Problem nicht.

Das deutsche Zwei-Klassen-System ist aus Sicht Rolshovens zwar nicht wünschenswert, kann kurzfristig allerdings nicht abgeschafft werden. Langfristig hält der Allgemeinmediziner eine Umstellung des Gesundheitssystems für unvermeidbar - hin zu einem Modell, das deutlich stärker auf die Eigenverantwortung des Patienten setzt.

"Eine Termingarantie können Sie schon bei der nächsten Grippewelle nicht einhalten."

Dr. Eckart Rolshoven

Hintergrund

Krankenkassen helfen Versicherten immer häufiger, wenn es um einen schnellen Arzttermin geht. Die AOK Niedersachsen etwa hat 80 Prozent der Ratsuchenden bei der Terminvergabe helfen können. "Oft liegt es daran, dass die Umstände des Patienten oder auch sein Krankheitsgefühl im ursprünglichen Gespräch nicht ausreichend klar geworden sind", heißt es.

Patienten, die sich nicht gut behandelt fühlen, können sich bei der Kassenärztlichen Vereinigung beschweren (KV Saarland, Tel.: 0681/4003-0). Die muss den Klagen nachgehen und im Ernstfall empfindliche Strafen verhängen. red