Im Zehn-Minuten-Takt zur Kanzlerin

Im Zehn-Minuten-Takt zur Kanzlerin

Berlin. Wer demnächst vom Brandenburger Tor zu Angela Merkel ins Kanzleramt will, ist nicht mehr auf Taxi oder Bus angewiesen. Denn nächste Woche wird in Berlin die "Kanzler-U-Bahn" eröffnet, ein neues Teilstück, das sich quer durchs Regierungsviertel zieht

Berlin. Wer demnächst vom Brandenburger Tor zu Angela Merkel ins Kanzleramt will, ist nicht mehr auf Taxi oder Bus angewiesen. Denn nächste Woche wird in Berlin die "Kanzler-U-Bahn" eröffnet, ein neues Teilstück, das sich quer durchs Regierungsviertel zieht. Doch die Kanzler-Bahn ist ein ungeliebtes Kind der Stadt, schon vor der Eröffnung hat sie ihren zweiten Spitznamen weg: "Stummel" nennen die Berliner die U-Bahnlinie 55, weil sie nur 2,1 Kilometer lang ist. Ganze drei Stationen liegen an der Strecke: Hauptbahnhof, Bundestag, Brandenburger Tor. Fahrzeit: drei Minuten. Die Mini-Strecke ist ein Erbe aus jenen Zeiten, als Bund und Land für die Hauptstadt noch hochfliegende Pläne hatten. Vom Alexanderplatz nach Moabit sollte die U-Bahnlinie 5 verlängert werden, doch schon bald war klar, dass es viel zu teuer wird. "Die U55 brauchen wir nicht", wetterte sogar Klaus Wowereit, als er noch nicht Regierender Bürgermeister von Berlin war. Nun muss er die neue Strecke eröffnen, denn der "Stummel" war nicht mehr zu stoppen, weil die Mittel schon geflossen waren. Trotz der kurzen Strecke war der Bau alles andere als einfach. Am U-Bahnhof Brandenburger Tor gelang eine kleine Sensation. Wegen des sensiblen Grundwasserspiegels musste er im Bergbau-Verfahren errichtet werden. Ein Berliner Ingenieurbüro vereiste in 20 Metern Tiefe einen gigantischen Kubus von hundert Metern Länge, 25 Metern Breite und 20 Metern Höhe, in dem ein Jahr lang der Bahnhof ausgeschabt wurde. "In dieser Größenordnung weltweit einmalig", sagt Ingenieur und Oberbauleiter Peter Klein. Dieser Aufwand machte die Strecke endgültig zur teuersten, die bundesweit je gebaut wurde: Die Kosten werden auf mindestens 260 Millionen Euro für die rund zwei Kilometer geschätzt. "Was hätte man für Straßenbahnlinien mit dem Geld schaffen können", klagt die Sprecherin vom Naturschutzbund BUND, Carmen Schultze. Und Jens Wieseke vom Berliner Fahrgastverband sieht darin ein weiteres Beispiel für die Berliner Großmannsucht, die immer "auf halber Strecke hängen bleibt". Für ihn ist die U55 ein unnötiger Luxus, den sich vielleicht Zürich leisten könne, bestimmt aber nicht das verarmte Berlin. Das Geld ist bei den Verkehrsbetrieben denn auch so knapp, dass die Linie nur im zehnminütigen Pendelverkehr fährt. Dennoch werden Gäste und Berliner auch dieses Stück Stadt für sich erobern. Im eleganten, weiß und grau gestalteten U-Bahnhof vor dem Brandenburger Tor wartet immerhin eine Ausstellung zur Geschichte des Pariser Platzes statt schnöder Plakatwerbung. "Einen Erinnerungsort fürs Mauergedenken" nennt der Regierende Bügermeister Wowereit die zeitgeschichtlichen Tableaus und Zitate. Sie wurden von der Künstlerin Dagmar von Wilcken zusammengestellt, die durch die Ausstellung zum Ort des Holocaust-Mahnmals bekannt ist. Auf dem Gleis Richtung Westen darf Ex-DDR-Staatschef Erich Honecker noch einmal beschwören: "Die Mauer wird auch in 50 und in 100 Jahren noch bestehen" - bevor die U55 ihre Fahrgäste zum Hauptbahnhof abtransportiert. Auch der Bundestag kann sich freuen. Die Abgeordneten kommen nun noch ein paar Minuten schneller aus ihren Büros zum Hauptbahnhof, von wo aus sie am Ende von Parlamentswochen nach Schwaben, Sachsen oder ins Rheinland verschwinden können. Und im Hotel Adlon am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor werden am 8. August sogar die Champagner-Korken knallen: Dort soll die U-Bahn-Eröffnung bei edlem Schaumwein und Curry-Wurst von der Terrasse aus beobachtet werden.