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Im Land von "Lan" und "Lol""Jugendslang hat selten negative Folgen"

Im Land von "Lan" und "Lol""Jugendslang hat selten negative Folgen"

Jugendliche sprechen untereinander vermehrt in unvollständigen Sätzen. Ist das dem Einfluss von Kommunikationsformen wie SMS und Internet-Chat zu verdanken, in denen verkürzte Sprache üblich ist?Dargel: Ich denke schon

Jugendliche sprechen untereinander vermehrt in unvollständigen Sätzen. Ist das dem Einfluss von Kommunikationsformen wie SMS und Internet-Chat zu verdanken, in denen verkürzte Sprache üblich ist?Dargel: Ich denke schon. Da das Chatten im Internet, das ja in verkürzter, bruchstückhafter Sprache stattfindet, inzwischen einen großen Zeitrahmen einnimmt, überträgt sich dies sicherlich auch auf den mündlichen Sprachgebrauch.

Manche Wissenschaftler halten dieses "falsche Deutsch" für einen wichtigen Baustein in der Persönlichkeitsentwicklung Jugendlicher. Stimmen Sie zu?

Dargel: Durchaus. Jugendliche suchen in der Zeit des Erwachsenwerdens ihre eigene Sprache, auch um sich von den Erwachsenen abzuheben. Es handelt sich nicht zuletzt um eine Rebellionshaltung gegen die Standardsprache, die ja von den Erwachsenen geprägt ist. Vor diesem Hintergrund markiert die Jugendsprache freilich auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe.

Hat dieser Jugendslang nicht negative Auswirkungen auf die Sprachkompetenz überhaupt?

Dargel: In der Regel können Jugendliche zwischen den verschiedenen Sprach-Modi, also zwischen der verkürzten und der vollständigen Sprache, hin- und herwechseln. Ohnehin muss man die Ebenen Umgangssprache und Standardsprache trennen. Je schwächer die soziale Distanz, desto mehr Umgangssprache wird gesprochen, je ausgeprägter die Distanz, desto eher wird die Standardsprache genutzt. Das ist keineswegs nur bei Jugendlichen so. Und das bedeutet auch nicht, dass sich eine Ebene negativ auf die andere auswirkt.

Wie sieht es aber bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus oder solchen, die in ihrer Entwicklung ohnehin Probleme mit dem Spracherwerb haben?

Dargel: In diesem Fall halte ich einen negativen Effekt für möglich. Wenn die Umgangssprache dominiert, wenn man also überwiegend diesen einen sprachlichen Input hat, dann ist es nicht auszuschließen, dass sich etwa falsche Satzstrukturen manifestieren.

Freiburg/Zürich. Es gibt Menschen, für die ist "lan" mittlerweile ein deutsches Wort. Nicht "lan" im Sinne von "W-LAN", sondern von "ey". Nicht "Ey, Alder" hat es also zu heißen, sondern "Lan, Alder." Seinen Ursprung hat der Ausdruck in der Umgangssprache türkischer Jugendlicher - aber diesem Milieu ist "lan" längst entwachsen. "Lan" ist Sprachalltag vieler Deutscher ohne Migrationshintergrund, ebenso wie gebrochen deutsche Sätzen wie "Ich gehe in Schule" oder "Gehst du nachher Aldi?" - findet Helga Kotthoff: "Viele Jugendliche leben heute in einer mehrsprachigen Umgebung. Das ist für sie viel präsenter als für viele Erwachsene", sagt die Linguistin von der Universität Freiburg.

"Kiez-Deutsch" nennt Kotthoff das, was dabei herauskommt, wenn Jugendliche in einer Umgebung aufwachsen, in der die Menschen viele unterschiedliche Muttersprachen haben. Welche Bedeutung diese Art der Sprache für die Entwicklung von Jugendlichen hat, wie die jungen Menschen ihrerseits mit den Worten spielen - das untersucht Kotthoff mit Kollegen jetzt in Freiburg auf der Tagung "Is' ja hamma, Alder!" über die Entwicklung von Jugendsprachen. Ihre These: Das, was viele Menschen einfach nur für falsches Deutsch halten, ist zugleich ein wichtiger Baustein in der Entwicklung einer Persönlichkeit.

Deutlich wird dies etwa daran, dass der allergrößte Teil der Jugendlichen seine Sprache absichtlich quer zum Duden stellt: "Unser Eindruck ist, dass die auch anders können, wenn sie wollen", sagt Kotthoff. Vielmehr handele es sich bei Kiez-Deutsch um eine indirekte Form der Solidarität, ein politisches Statement: "Die Jugendlichen begründen das zum Beispiel damit, dass in ihrem Kiez mehr Türken leben als Deutsche und ihnen diese auch besser gefallen - etwa weil die Familien intakt sind und der Vater nicht trinkt. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt das wenig vor." Was für die Straße gilt, findet seine Entsprechung im Internet und in der SMS, deren Jugendsprache auch Gegenstand der Tagung ist. "hab ne 1 in Mathe" etwa sei ein typischer, völlig verkürzter Satz, wie Jugendliche ihn dort benutzen - und es gehe noch wesentlich extremer, erläutert die Linguistin Christa Dürscheid, die in Zürich lehrt. "In der deutschsprachigen Schweiz schreiben viele ihre Chatbeiträge, SMS und Nachrichten auf Facebook komplett in Dialekt."

Aber die Sprachwanderung funktioniert auch anders herum: So hat es etwa der Ausdruck "Lol", der für das englische "Laughing out loud" (laut lachen) steht, vom Internet in die gesprochene Sprache geschafft. "Manche Jugendliche haben es inzwischen adaptiert, teilweise auch in einem ironischen Kontext. "Statt nach schlechten Witzen ,Ha Ha' sagen die ,Lol Lol'", sagt Kotthoff.

Nicht immer sind sich die Forscher einig, wie solche Sprachspiele zu bewerten sind. "Wir haben die Befürchtung, dass Schüler im unteren Leistungsdrittel Probleme mit den Schreibstandards bekommen", sagt Kotthoff und verweist darauf, dass diese Frage noch nicht hinreichend untersucht sei. Andererseits sei der bewusst schludrige Umgang mit Sprache auch eine Spielwiese für die Leistungsfähigen. Das bringe vielen Jugendlichen Vorteile: "Sie erobern sich damit etwas, das sie von den Erwachsenen nicht bekommen und machen die Erfahrung eines Freiraums." Welche Dimensionen dieser Freiraum hat, dürfte vielen Erwachsenen gar nicht bewusst sein - was früher sichtbar war und in Briefen geschah, in Tagebüchern und Poesiealben, geschieht heute auf Tasten: "Jugendliche schreiben heute so viel wie noch nie zuvor", sagt Kotthoff. Auf Facebook, mit dem Handy und im Chat. "Unser Eindruck ist, dass die auch anders können, wenn sie wollen."

Die Freiburger Linguistin

Helga Kotthoff