Im Eil-Tempo durchs Saarland

Saarbrücken/Homburg. Das Saarland müsste eigentlich so ganz nach dem Gusto des Bundespräsidenten sein. Jedenfalls wurden Christian Wulff (51) bei seinem gestrigen Antrittsbesuch Themen serviert, die ihn nicht nur Routine-Formulierungen abspulen ließen, sondern eine persönliche Färbung erlaubten

Bundespräsident Christian Wulff (Mitte) stattete gestern dem Saarland seinen ersten offiziellen Besuch als Staatsoberhaupt ab. Am Flughafen in Ensheim begrüßten ihn Landtagspräsident Hans Ley (links) und Ministerpräsident Peter Müller. Foto: bub

Bundespräsident Christian Wulff (Mitte) stattete gestern dem Saarland seinen ersten offiziellen Besuch als Staatsoberhaupt ab. Am Flughafen in Ensheim begrüßten ihn Landtagspräsident Hans Ley (links) und Ministerpräsident Peter Müller. Foto: bub

Saarbrücken/Homburg. Das Saarland müsste eigentlich so ganz nach dem Gusto des Bundespräsidenten sein. Jedenfalls wurden Christian Wulff (51) bei seinem gestrigen Antrittsbesuch Themen serviert, die ihn nicht nur Routine-Formulierungen abspulen ließen, sondern eine persönliche Färbung erlaubten. Weil sie ihn offensichtlich als dreifachen Patchwork-Familienvater bewegen oder als Profilierungs-Schwerpunkte beschäftigen. Nicht auszuschließen, dass die Verteidigung des Föderalismus, mehr Unterstützung für bürgerschaftliche Arbeit und die Ermunterung zu einer familienfreundlichen Unternehmenspolitik Wulff durch seine verbleibenden vier Amtsjahre begleiten werden - neben Islam und Integration.Letztere waren an der Saar kein Thema. Stattdessen bot man dem Bundespräsidenten ein "heiles" Saarland-Bild, ein sehr junges dazu. Statt Trachtengruppen und Blaskapellen wie in anderen Bundesländern üblich, musizierten, tanzten und turnten hier zu Lande Schüler, Vereins-Kinder und Jugendliche. Die traf Wulff vor und in der Saarbrücker Staatskanzlei, wo er sich ins Gästebuch eintrug.

Gegen 10.15 Uhr, rund 45 Minuten nach seiner Landung mit einer Challenger-Maschine der Bundeswehr-Flugbereitschaft in Ensheim, startete bereits der Empfang mit 80 Ehrenamtlern. Tatsächlich eine Zusammenkunft: Der Bundespräsident gesellte sich nach dem offiziellen Teil zu den Menschen an den Stehtischen. Wie Wulff überhaupt während des 360-Minuten-Besuchs, der allen Gastgebern und Begleitern ein rabiates Zack-Zack-Tempo abverlangte, keine Chance ausließ, Bürger anzusprechen. So ging er beherzt auf Studenten zu, die auf dem Dudweiler Campus vor dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eher zufällig warteten. Die vielen Anzugträger, Polizisten und der acht Wagen starke Limousinen-Konvoi hatten sie spontan stoppen lassen. Eine Studentin gab Wulff dann höflich Auskunft über ihr Dolmetscherstudium. Wulff findet die Aufwertung dieser Ausbildung "wichtig". Das ist das Angenehme an seinem Job: Er darf immer Zustimmung spenden. Später auch familienfreundlichen Unternehmern, die ihn gegen 14.20 Uhr in der Homburger Firma Dr. Theiss Naturwaren GmbH erwarteten, seiner letzten Station vor dem Rückflug nach Berlin, wo, wie man hörte, abends bereits die nächste Verpflichtung anstand.

Nun, dieser Bundespräsident hat das Etikett "nahbar" verdient. Anders als bei seinem Vorgänger Horst Köhler spürt man die harte Schule bürgernaher Tagespolitik, die Wulff sieben Jahre lang als niedersächsischer Ministerpräsident absolvierte, bevor er im Juni 2010 in die höchste protokollarische Rangstufe aufstieg. Ein autoritätsgebietender Vater der Nation? Dafür wirkt Wulff zu jugendlich-alert, seine Würde zu smart. So zückte er beispielsweise 200 Euro aus dem privaten Geldbeutel, um die erste Bürgeraktie des Saarlandes zu Gunsten ehrenamtlichen Engagements zu erstehen. Die Fotografen sollten die Szene dokumentieren: "Damit meine Frau weiß, wo das Haushaltsgeld geblieben ist."

Wulffs Ausstrahlung dabei: nicht plump anbiedernd, nur spontan. Hinzu trat gestern eine sehr verständliche, unmittelbare Diktion. Etwa, als er in der Staatskanzlei über eine Aufwertung des Ehrenamtes sprach. Nicht theoretisch-soziologisch, sondern aus der Sicht der Familie, die nicht selten Angst habe, zu kurz zu kommen, wenn sich der Vater ein Amt "andrehen" lasse. Dann kam Wulff auch auf den Tourismus zu sprechen und darauf, dass sich die Saarschleife ins "kollektive Gedächtnis" eingebrannt habe, dank des legendären Treffens von Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, als die Kanzlerfrage verhandelt wurde. Dabei winkte Wulff salopp zum ehemaligen Chef der Linkspartei, Lafontaine, hinüber, der, wie alle Fraktionsvorsitzenden der Landtagsparteien, am Vormittags-Programm teilnahm. Bereits zuvor war Lafontaine zu Ehren gekommen, als 22 Grundschüler aus Beckingen ihr sympathisch-lokalpatriotisches Lied vom "Saarvoir Vivre" vortrugen - bekanntlich eine Lafontaine-PR-Erfindung. Heute ein Stück Selbstbewusstsein und Identität.

Die Eigenständigkeit des Saarlandes beschäftigte auch Ministerpräsident Peter Müller (CDU) in seiner Ansprache. Er konnte sich der offenen Ohren des "überzeugten Föderalisten" Wulff sicher sein. Man kennt sich, man duzt sich. Müller schlug bei seinem wohl letzten großen Auftritt vor dem Rückzug aus der Politik im Sommer einen bereits verloren geglaubten aufgekratzten, schlagfertigen Ton an. Und überließ seiner designierten Nachfolgerin Annegret Kramp-Karrenbauer die tragende Rolle. Die Ministerin für Arbeit, Familie, Prävention, Sport und Soziales absolvierte mit gleich zwei Auftritten eine Art "staatsfraulichen" Testlauf. Der neue Stil? Uneitel, sachorientiert, menschenzugewandt.

Gut gemeinte

Fürsprache

Von SZ-RedakteurinCathrin Elss-Seringhaus

Schön wär's, die Föderalismusdebatte wäre das Ungeheuer von Loch Ness, wie von Ministerpräsident Peter Müller behauptet. Also ein Phantom. In Wirklichkeit handelt es sich um eine reale Gefahr. Mögen Verfassungsrechtler sie auch kleinreden, die Ministerpräsidenten der Geberländer werden das Thema zunehmend größer schreiben, sich eins wissend mit der Mehrheit der Bundesbürger, die die diffizilen Zusammenhänge nicht kennen. Das wird den Saarländern wehtun und schaden. Denn es kratzt nun mal böse am Standort-Image, sich dauernd als Schmarotzer titulieren zu lassen. Insofern tut jede Fürsprache gut, die des Bundespräsidenten allemal. Wulffs Föderalismus-Enthusiasmus stärkt die Argumentation des Saarlandes. So lässt sich eine Bund-Länder-Finanzreform vielleicht verzögern, langfristig verhindern wird auch Wulffs Fürsprache sie nicht.