1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

Ihr täglich Brot kommt aus dem Müll

Ihr täglich Brot kommt aus dem Müll

Millionen Kinder arbeiten in Indiens Slums – Nobelpreisträger Satyarthi hilft ihnen

Krishna (13), Rani (11), Laxmi (7) und Ramesh (6) laufen durch die sengende Mittagshitze der indischen Stadt Hyderabad . Die Augen halten sie auf den Boden gerichtet, denn sie sind auf der Suche nach Müll, den sie zu Geld machen können. Der kleine Ramesh, barfuß und in viel zu großer Hose, trägt einen Plastikeimer voller Kabel. Seine Freunde schleppen Glasflaschen und Plastikreste. "Unsere Eltern brechen hier Steine auf dem Bau", erzählt Krishna .

Um die Gruppe herum schießt die HITEC City empor, ein boomender Stadtteil der IT-Metropole Hyderabad . Noch vor den Computerspezialisten kommen die Wanderarbeiter, zumeist aus anderen Teilen des südindischen Bundesstaates Telangana. Sie hauen Felsen, heben Baugruben aus, setzen Ziegel und legen Kabel. Ihre Kinder ziehen mit - und sollen möglichst mit verdienen.

Die Familien beziehen die untersten Stockwerke der im Bau befindlichen Häuser. Oder sie leben über Jahre hinweg in Zelten aus alten Planen und Ästen. Infrastruktur wie fließendes Wasser, Krankenversorgung und Schulen gibt es für sie meist nicht. "Ich habe anderthalb Jahre als Verkäufer in der HITEC City gearbeitet, aber ich wusste nicht, dass es diese Slums gibt", sagt Sridhar Vanamala. Das ist nicht ungewöhnlich, denn die Mittelschicht Indiens orientiert sich nach oben und ignoriert die Armen.

Einer, der gegen den Strom schwimmt, ist Kailash Satyarthi. Der 60-jährige Aktivist zog schon tausendfach los, um Kinder mit Hilfe der Polizei zu befreien, sie in Sicherheit unterzubringen und, wenn möglich, zu den Eltern zu bringen. Und das schon seit drei Jahrzehnten. "Er ist einer der Pioniere der Kinderrechtsbewegung", sagt die ebenfalls bekannte indische Kinderrechtlerin Shanta Sinha. Gestern erhielt Satyarthi dafür den Friedensnobelpreis . Von seiner Arbeit inspiriert ist auch die Nichtregierungsorganisation Mahita in Hyderabad . Sie hilft 6- bis 14-Jährigen, indem sie die Eltern finanziell unterstützt und bei der Bildung hilft. Eine ihrer Schulen steht ganz in der Nähe der Zelte der vier Müllsammler. "Hier in der Sri Krishna Colony leben 70 Kleinkinder, doch es gibt keinen Kindergarten. Wenn die Mütter auf dem Bau arbeiten, müssen die älteren Geschwister ran", sagt der einstige IT-Verkäufer Vanamala, der nun für Mahita arbeitet.

So erging es Sai Kumar (10), der auf den Sohn seiner Schwester aufpassen musste. Der 13-jährige Srinu arbeitete beim Metzger, der direkt neben der Schule ist. Nun allerdings gehen sie in die winzige Schule der Kolonie, in der auch die 12-jährige Sravani wissbegierig lernt. Noch vor einem Jahr wurde sie von ihren Eltern als Kindermädchen weggeschickt, um auf das Kind eines reichen Ehepaares aufzupassen. "Ich interessiere mich für Bildung, ich will Ärztin werden. Aber wenn ich das sagte, haben meine Eltern mich ausgeschimpft", erzählt sie. Auch vor dem Umzug in die Metropole ging Sravani nicht zu Schule: Sie passte auf die Großmutter auf.

Kinderarbeit ist in Indien weit verbreitet, offiziell gibt es 12,6 Millionen schuftende Kinder. Zu den Gründen gehört laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO Armut und Arbeitslosigkeit der Eltern , mangelnder Zugang zu Bildung sowie ein fehlendes Bewusstsein der Gesellschaft. Das sei aber nur die halbe Wahrheit, weiß P. Ramesh Sekhar Reddy, Gründer von Mahita. Viele Geschäftsleute betrachteten die Kinder vor allem als billige Arbeiter. "Bekommt ein Erwachsener für eine Arbeit zum Beispiel 200 Rupien (2,50 Euro) am Tag, erhält ein Kind etwa 75 Rupien."

Für Kinder wie den 13-jährigen Lalu ist das wenige Geld verlockend. Er arbeitet im Slum von HITEC City, seitdem er laufen kann. Viermal wurde er von Hilfsorganisationen eingeschult, viermal lief er weg. "Was soll ich in der Schule? Ich will Geld verdienen", sagt er. Er habe Geld , ein Handy, und keiner schreibe ihm etwas vor, zählt Lalu auf. Ob er einen Lebenstraum hat? Da dreht der Junge sich weg, setzt sich abseits auf einen Eimer, und kickt voller Frust Steine von sich weg.

Zum Thema:

HintergrundMit Kailash Satyarthi bekommt einer der profiliertesten Kämpfer gegen Kinderarbeit weltweit den Friedensnobelpreis . Der Inder soll allein in seiner Heimat zehntausende Minderjährige aus sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen gerettet haben. Der 60-Jährige ist eigentlich ausgebildeter Elektroingenieur. Er lebt zurückgezogen in einfachen Verhältnissen und setzt sich nur öffentlich in Szene, wenn es seinem Kinderschutzanliegen dient. 1980 gründete er deshalb die Bewegung "Rettet die Kindheit". Mit spektakulären Aktionen verfolgt Satyarthi seine Ziele: Auf Farmen, in Teppichknüpfereien und Industriekomplexen organisiert er Razzien, macht so medial auf Missstände aufmerksam. afp