"Ich packe die Leute an ihren Wurzeln"

Berlin. Karl-Heinz Müller mag das Einfache, Schnörkellose, deswegen mag er Jeans. Und Butterbrote. So gesehen, hätte der Saarländer für sein Projekt "Bread & Butter" keinen besseren Namen finden können. Elf Jahre ist jetzt es her, dass Müller die bedeutende deutsche Jeansmesse erfunden hat, und spätestens seitdem gilt er als Größe der internationalen Modeszene

 Bodenständig trotz Erfolg: Der gebürtige Siersburger Karl-Heinz Müller mischt in der Modebranche ganz oben mit. Der 55-Jährige ist Chef der internationalen Modemesse "Bread & Butter", die zweimal im Jahr hunderte Aussteller anlockt. Foto: Local Caption

Bodenständig trotz Erfolg: Der gebürtige Siersburger Karl-Heinz Müller mischt in der Modebranche ganz oben mit. Der 55-Jährige ist Chef der internationalen Modemesse "Bread & Butter", die zweimal im Jahr hunderte Aussteller anlockt. Foto: Local Caption

Berlin. Karl-Heinz Müller mag das Einfache, Schnörkellose, deswegen mag er Jeans. Und Butterbrote. So gesehen, hätte der Saarländer für sein Projekt "Bread & Butter" keinen besseren Namen finden können. Elf Jahre ist jetzt es her, dass Müller die bedeutende deutsche Jeansmesse erfunden hat, und spätestens seitdem gilt er als Größe der internationalen Modeszene. Ein gebürtiger Siersburger, der schon seit Jahrzehnten in der Welt der Schönen ganz oben mitmischt. Und der darüber sagt: "Es ist erstaunlich, dass es so lief. Aber ich glaube, dass das Saarland für mich eine sehr gute Heimat war, um die Dinge zu lernen, die wichtig fürs Leben sind."Müller arbeitet in einer Branche, die sich wie keine andere über Coolness und Extravaganz definiert. Da könnte so ein Bekenntnis schnell pathetisch klingen. Aber Pathos ist einfach nicht sein Stil. Der 55-Jährige begrüßt mit festem Händedruck und fällt schon im zweiten Satz ganz selbstverständlich ins "Du". Bei jedem Lachen blitzt eine Zahnlücke auf. Wenn Müller über das Saarland redet, zeigt er die Lücke oft. "Ich bin bodenständig aufgewachsen, und das hat mir wahrscheinlich viel mehr geholfen, als ein großer, toller Typ zu sein, der in Paris oder London studiert hat", sagt er. "Ich packe die Leute an ihren Wurzeln."

Seine eigenen Wurzeln liegen in Dillingen, wo er aufwuchs - und von klein auf erlebte, was harte Arbeit ist: Sein Vater arbeitete auf der Hütte. Karl-Heinz Müller begann als 15-Jähriger im Dillinger Kaufhaus DK seine Lehre zum Einzelhandelskaufmann, Abteilung: Feinkost. "Das war, wie das halt so ist im Saarland. Wichtig ist eben nicht das tolle Auto oder das tolle Haus, sondern Hauptsach gudd gess", sagt er. Eine ursaarländische Weisheit, die ihn seither begleitet. "Das sieht man ja bis heute noch", sagt er mit breitem Grinsen: "Gerade in Sachen gutes Catering und ordentliche Verpflegung unserer Gäste tun wir hier sehr viel."

Mit "hier" meint Karl-Heinz Müller den stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof, der in diesen Tagen wieder als Kulisse für die "Bread & Butter" diente. 684 Aussteller präsentierten sich dort dem Fachpublikum, hunderttausende Zulieferer und Hersteller tummelten sich auf dem Gelände. Noch kurz vor der Eröffnung besichtigte der Chef die Großbaustelle. Müller nennt sich einen "Allesmächer". In seiner Firma arbeiten 100 Leute, aber dennoch redet er selbst mit Anwälten und Steuerberatern, packt in seinem Jeans-Laden "14 oz." mit an, hat alles im Blick und entscheidet. "Das hat sicher etwas damit zu tun, dass der Saarländer an sich fleißig ist", sagt Müller. "Ich bin das auch."

Anders lassen sich seine Karrieren kaum erklären. Erst im Lebensmittelhandel, etwa bei der Firma Höll. Jeden Morgen um drei lenkte er seinen klapprigen Ford Escort zur Fabrik nach Illingen, wo sein beladener Fünftonner wartete. Mit dem fuhr er bis in den Schwarzwald; eine Tour, auf die sonst keiner Lust hatte. Müller biss sich durch. Nach drei Monaten hatte er sich zum stellvertretenden Tourenleiter hochgearbeitet, bekam den "Weißkittel", den nur leitende Angestellte tragen durften. Alles mit Anfang 20. Aber Müller wollte mehr. Mit 25 Jahren verließ er das Saarland, des Geldes wegen: Die Modebranche lockte.

Heute, als Geschäftsführer der "bread & butter Berlin GmbH", jettet Karl-Heinz Müller um den Globus. Modedesigner wie Karl Lagerfeld schütteln ihm die Hand, Journalisten wollen wissen, welche Trends als Nächstes kommen. Von ihm, dem Quereinsteiger und Autodidakt. "Es gibt sehr viele kluge Menschen, die haben studiert oder sind viel rumgekommen - und ich hab' mit 15 eine Kaufhauslehre angefangen", sinniert Müller. "Da kommt man sich manchmal sehr klein vor, als Junge aus dem Saarland - einer Ecke, die mit Mode relativ wenig zu tun hat."

Seinen ersten Job mit Textilien trat Müller in Bayern an, für die Jeansmarke Levi's. Dort entdeckte er seine Leidenschaft für den robusten, blauen Baumwollstoff. Es folgen Jobs in München, Basel und Köln, wo er 1999 seinen eigenen Laden namens "14 oz.", 14 Unzen, eröffnete - so viel wiegt ein Quadratyard Jeansstoff. Zwei Jahre später kam ihm die Idee für eine internationale Fachmesse für Street- und Urbanwear. Kurz vor dem Notartermin musste noch ein Name her, also traf Müller sich mit zwei Freunden; einer brachte einen Brotlaib und Fassbutter mit. "Da sagte ich: Schaut mal, wir brauchen keine Wurst und keine Marmelade, es schmeckt so wunderbar", erzählt Müller. "Darum geht es: um die wirklich guten, die essentiellen Dinge. Genau wie bei unserer Messe." Die "Bread & Butter" war geboren.

Essentielle Dinge, sagt Karl-Heinz Müller, habe er auch in seiner Heimat gelernt: dass man auf den Menschen achten muss, ein guter Gastgeber sein muss, hart arbeiten muss. "Die Saarländer sind bodenständig und normal, keine Angeber." Und wer ihm dabei zusieht, wie er bei dem Baustellenbesuch in Tempelhof mit der Großfamilie - Müller hat insgesamt acht Kinder - über das Rollfeld bummelt, kommt zu dem Schluss, dass der 55-Jährige trotz seiner Stationen im Rest der Republik sehr saarländisch geblieben ist.

Mit der Familie war Müller im September auch mal wieder auf Heimatbesuch. Eine seiner drei Schwestern führt eine Kneipe in der Saarlouiser Altstadt. Seinen Kindern zeigte Müller seine Taufkirche und die Stelle des Klubs in Wallerfangen, "in dem ich meine ersten Ausgehversuche und Schlägereien hatte. Das war ganz lustig", erzählt er. "Und wir haben natürlich auch wieder gudd gess."

Karl-Heinz Müllers Lebensmittelpunkt ist längst die Hauptstadt. Hier lebt und arbeitet er, hier baut er gerade ein Haus. Dennoch: Eine Rückkehr ins Saarland könnte Müller sich später einmal gut vorstellen. "Letzten Herbst war ich am Limberg und fand das super." Wallerfangen statt weiter Welt - ob er das wirklich ernst meint? Ein letzter Blick vor den Flughafen spricht dafür. Dort parkt die Flotte des Teams, lauter schwarze Autos, doch Karl-Heinz Müllers Flitzer ist leicht zu erkennen: an den weißen Initialen "KHM" auf der Fahrertür. Und an dem saarländischen Wappen, das daneben prangt.

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