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"Ich bin nicht die Mutter Beimer des Saarlandes"

"Ich bin nicht die Mutter Beimer des Saarlandes"

Saarbrücken. Politiker gelten als "Medienprodukte". Bei der Definition des "Markenkerns" von Annegret Kramp-Karrenbauer kann man aber schon mal ins Grübeln geraten. "Sie schreibt nun mal nicht in jedes Poesie-Album denselben Spruch", sagt ein enger Mitarbeiter

Saarbrücken. Politiker gelten als "Medienprodukte". Bei der Definition des "Markenkerns" von Annegret Kramp-Karrenbauer kann man aber schon mal ins Grübeln geraten. "Sie schreibt nun mal nicht in jedes Poesie-Album denselben Spruch", sagt ein enger Mitarbeiter. Parteifreunde loben ihr "Allroundtalent", die SPD spricht von "Unverbindlichkeit". Fehlt der Neuen an der CDU-Spitze die klare Kontur? Berliner Journalisten nennen sie burschikos, nüchtern, spröde. Offensichtlich irritiert, dass AKK so ganz ohne die Gespreiztheiten ihrer männlichen Kollegen auftritt. Auch die dauerbetroffenen Mienen anderer Spitzenpolitikerinnen hat sie nicht drauf. Und ihre Jugendlichkeit bringt sie in meilenweite Entfernung zur klassischen Glucken-Rolle einer Landesmutter. Mütterlichkeit, nein danke? Ist insgesamt zu wenig Emotion im Spiel?"Ich bin nicht die Mutter Beimer des Saarlandes", gibt sie zur Antwort, "aber ich bin ein sehr warmherziger Typ." Ihre Kontrolliertheit erklärt sie so: "Ich habe in der Schule gehasst, wenn jemand launisch war. Das macht mich heute noch kirre."

Doch fraglos besitzt AKK, wie man sie verwaltungsintern nennt, eine stabile Identität. Seit dem Jahr 2000, als die studierte Politikwissenschaftlerin und damalige parlamentarische Geschäftsführerin Deutschlands erste Innenministerin wurde, hat sie noch sieben weitere Ressorts betreut: Sport, Familie, Soziales, Arbeit, Bildung, Kultur, Prävention. Was die Ministertitel flüstern - dass da eine irgendwie alles kann -, lässt sich auch anders deuten: dass sich diese Frau ungern festfährt in Routine.

"Ich finde Kästchendenken grundsätzlich langweilig", sagt Kramp-Karrenbauer bei unserem Treffen im Restaurant "Le Noir" in Saarbrücken. Thema: die private AKK, Mode, Musik, Lektüre, Kochen. Die Standardantwort lautet: Alles nicht festgelegt, sondern "stimmungsabhängig": Mc Donald's öfter, Rindfleischsuppe gerne, Hosen ja, Rock auch, Beethoven prima, Bosshoss ebenso. Auch bei der Frage nach der Lieblings-Lektüre geht's querfeldein: Harry Potter, Krimis, Monique Siegels Manager-Ratgeber zu Stil und Moral des dritten Jahrtausends. Verschlungen wird von ihr, dem "Lese-Junkie", alles. Lesen ist für Kramp-Karrenbauer tägliche Einschlafhilfe, in Kindertagen konnte sie sich dadurch - mit Unterstützung des Vaters - der Hausarbeit entziehen. Sechs Kinder gab es im Krampschen Püttlinger Haushalt, drei Jungs, die kehrten und die Gartenarbeit machten, und drei Mädels, die den Tisch deckten und spülten. Der Vater Lehrer, die Mutter Hausfrau, traditioneller geht's nicht. Falsch: "Mein Vater war sehr auf uns Kinder fixiert, er hat für uns gekocht." Sie selbst konnte, das betont sie häufig, ihre Karriere nur dank ihres Mannes hinlegen. Seit 27 Jahren sind sie verheiratet, kennen sich aus Kindertagen. 1984 wurde geheiratet. Als die Kinder kamen, wechselte der Steiger Helmut Karrenbauer (49) auf Nachtschicht, um tagsüber die Kinder zu betreuen. Heute beschäftigt man eine Putzhilfe, die Oma bringt schon mal "Gefillde" vorbei. Die Ehe sei kein "Arrangement" zur Kinderaufzucht, sagen enge Beobachter. Sie schildern Helmut Karrenbauer als autarken, "kernigen", selbstbewussten Typ. Die Netto-Ehezeit beträgt 60 Minuten: Er kommt frühmorgens nach Hause, wenn AKK das Haus verlässt. Zum Schönen und Teuren im Leben neigt sie nicht ("Ich bin keine Verschwenderin"). Genuss bringt das Immaterielle: mal nichts entscheiden müssen, mal irgendwo nach einem Termin in der Sonne sitzen bleiben dürfen. Im "Le Noir" mag Kramp-Karrenbauer die entspannte Atmosphäre. Die drei Gänge der Sterneküche werden nicht mal kommentiert. Und ob nun ein Rully im Glas landet oder ein deutscher Grauburgunder, spielt für sie keine Geige. Wahrlich ein Systembruch: AKK steht für ein neues Saarvoir-vivre: bodenständig, unkompliziert. Sie trinkt an diesem Abend exakt 0,1 Liter Wein. Weil sie, kaum zu glauben, dem Chauffeur freigegeben hat. Sie möchte endlich mal selbst fahren, Musik auflegen, die ihr Spaß macht. Übersetzt heißt das: Da versucht jemand, ein Stück Normalität zu erhaschen. Drei Kinder hat sie: Tobias (23), Laurien (20) und Julian (13). Der Älteste lebt zu Hause, steckt nach einer Mechatroniker-Ausbildung jetzt im zweiten Bildungsweg zum Abitur, der Jüngste besucht die Erweiterte Realschule, die Tochter studiert, macht ein Praktikum in Australien.

Die wahre Schmerzprobe für AKK, die auch mal mit Jeans und Slippern im Ministerium erschien, kommt erst als Ministerpräsidentin: "Die Menschen haben ein Recht darauf, dass ich sie ordentlich repräsentiere", sagt Kramp-Karrenbauer, "aber ich möchte nicht so enden wie Angela Merkel oder Ursula von der Leyen: nur noch Dreiknopf-Outfit oder Hosenanzüge in Dunkelblau." Bisher verkleidet sie sich nicht, wenn sie morgens in die Limousine steigt: "Peek & Cloppenburg" statt Versace. Vielleicht hat sie sich deshalb noch keine Stilberaterin gesucht? Auch ihre angeblich fernsehuntaugliche Brille will Kramp-Karrenbauer behalten. Immerhin: Die Haare ließ sie sich von leuchtendem Rot in ein unauffälliges Rotbraun umfärben, etliche Kilos sind gepurzelt, Stress sei nicht die Ursache. Die Aufgabe ängstige sie nicht, sie werde nur "komplexer", meint sie. Sie übt mental dafür, kennt Aufbau-Training, hat die Sporttasche immer im Auto. Freistunden nutzt sie zum Joggen. Was hält sie vom Titel Übergangskandidatin? Es heißt, 2014 beerbe sie Stephan Toscani. Warum tut sie sich das an? "Ich war noch nie eine Rosinenpickerin", antwortet sie. "Wer aber meint, er könne nach dem Motto verfahren 'Es ist mir egal, wer unter mir Ministerpräsident ist', wird sich wundern." Das geht in Richtung des CDU-Fraktionsvorsitzenden Klaus Meiser. Ansonsten kann AKK gut mit Alpha-Tieren. Irgendwann fällt der Satz: "Auch das Huhn weiß, dass morgens die Sonne aufgeht, aber es lässt den Hahn krähen."

Aus Journalisten-Kreisen hört man, dass sie Peter Müllers Dominanzgehabe auch heute noch stoisch ertrage. Könnte sich mit ihr, der Männerversteherin, nicht auch das Verhältnis zu SPD-Chef Heiko Maas entkrampfen, der sich an der "Reizfigur" Müller festgebissen hat? Schwarz-Rot lässt sich mit ihr jedenfalls wieder denken. "Schauen wir mal. Ich bin ja jetzt auch Alpha-Tierin." "Auch das Huhn weiß, dass morgens die Sonne aufgeht, aber es lässt den Hahn krähen."

A. Kramp-Karrenbauer