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„Ich bin kein Typ fürs Jammertal“

„Ich bin kein Typ fürs Jammertal“

Sie gab für die Familie ihre politische Karriere auf: 25 Jahre war Christa Müller (57) mit dem Linken-Politiker Oskar Lafontaine (70) zusammen. Dann verließ er sie für Parteikollegin Sahra Wagenknecht (44). Seit Februar dieses Jahres sind Müller und Lafontaine geschieden. Müller sprach mit der SZ über ihr „Leben danach“.

Diese Frau versteckt sich nicht. Das figurbetonte Kostüm in auffälligem schwarz-weiß Karo macht aus Christa Müller (57) einen Hingucker. "Sieht sie nicht aus wie ein Model?!", wird ihr Helga Dausend, Seniorchefin des Saarbrücker Cafés Lolo, bewundernd nachflüstern. Hätte man in den Gesprächen nicht so viel über Müllers Prägung als "starkes Mädchen" erfahren, man würde der lebhaft gestikulierenden, mit positiven Energien geladenen Frau unterstellen, sie inszeniere Unbeschädigtsein. Die neue Liebe in ihrem Leben mag zur Powerfrau-Aura nicht unerheblich beitragen. Er heißt Pascal Länger (52), ist Bauunternehmer in St. Avold und "seit einigen Monaten" an Christa Müllers Seite. Über ihre Söhne, die befreundet sind, fanden sie zusammen.

Es ist dies eine schnelle glückliche Wendung in Müllers Biografie nach einem brutalen Doppel-Absturz - als Ehefrau und als Familienpolitikerin der Linken. Man erlebt sie auf authentische Art heroisch-unerschütterbar. Keine einzige Schuldzuweisung, kein Rachezischen gibt sie von sich. Ihr Leben lässt sie sich nun mal nicht von anderen bestimmen. Schon 2008 ließ die Bundes-Linke sie fallen. Müllers vermeintlich erzkonservative Idee eines Erziehungsgeldes, das sie als familienpolitische Sprecherin der Saar-Linken ins Programm einbringen wollte, fiel krachend durch. Die Medien mutmaßten, nicht nur Müllers "bizarre" Bischof-Mixa-Ideologie sei daran schuld, sondern sie sei auch Mobbingopfer des Anti-Lafontaine-Flügels in der Partei. Müller mag solche Theorien nicht: "Man kann sich nicht über Nachteile beschweren und andererseits die Vorteile in Anspruch nehmen, die es bringt, wenn man mit dem Fraktions- und Parteichef verheiratet ist."

Das war einmal. Seit 4. Februar 2013 ist Müller geschieden. Und für sie gilt der seltene Umstand: Ehe gescheitert, aber die Familie hat's überlebt. Mehr noch: Müllers felsenfester Glaube, dass die Familie die Keimzelle privaten wie gesellschaftlichen Glücks sein sollte. "Ich habe nun mal Supererfahrungen mit Familie gemacht", sagt sie. Und meint damit nicht nur "eine fast perfekte Kindheit" in Frankfurt in einer Hoteliersfamilie. Die Eltern zwar immer anwesend und ansprechbar, zugleich stramm beschäftigt. Das eröffnete den beiden Töchtern die Chance zu viel selbstverantworteter Freizeit. Kaum verwunderlich, dass Müller Krippenbetreuung als Zwangsverwahrung sieht: "Dort gibt es für Kinder nur noch Regeln. Aber fest gefügte Strukturen lassen Talente verkümmern."

Wenn Müller über das Gelingen von Familie spricht, meint sie aber auch die jahrelange Pflege ihrer 2006 verstorbenen Schwiegermutter und ihrer Mutter (96), die erst kürzlich in ein Seniorenheim nach Dillingen zog. Die Generationengemeinschaft samt Sohn Carl Maurice (16) lebte in der Villa in Oberlimberg (Wallerfangen), die als "Palazzo Prozzo" Schlagzeilen machte. Dabei gibt es dort einen Nutzgarten. Damit Carl Maurice lernt, wo die Zuccinis herkommen, und damit - man glaubt es kaum - für schlechte Zeiten vorgesorgt ist.

Für ihr Kind stellte die damals 40-jährige Ökonomin alle beruflichen Ambitionen zurück. Heute sagt sie: "Ich finde das keine schlechte Lebensbilanz, ich habe drei Menschen Sicherheit und Geborgenheit gegeben." Es scheint ihre Begabung - und Zukunftsaufgabe. Denn Familie sieht sie nicht nur als Gefühlsgemeinschaft, sondern als ein auf Vertrauen gegründetes Wirtschaftsbündnis. Gemeinsam mit der älteren Schwester ebenso wie mit ihrem Stiefsohn Frederic (31), Lafontaines Sohn aus zweiter Ehe, besitzt sie mehrere Immobilien in Frankfurt, Völklingen und Saarbrücken, die sie verwaltet. Es ist ihr Lebensunterhalt, finanzielle Sorgen kennt sie nicht. Aus dem Saarland will sie "nie mehr weg", das frühere gemeinsame Haus in Oberlimberg gehört ihr. Es ist groß genug, um sich nicht begegnen zu müssen, wenn Lafontaine dort seinen Sohn besucht.

Gelebt wird Distanz, nicht Feindschaft. Müller verließ den früheren Bezugskreis, kehrte in eigene alte Freundschaften zurück. Dank Ehe- und Trennungsvertrag verlief die Scheidung ohne Rosenkrieg, doch ein nachehelicher Paarlauf erfolgt nicht. Die dekorativen Trennungsphrasen, mit denen Prominente in Boulevardblättern ihre Ehetrümmer behängen, hört man von Müller nicht: "Wenn man Freunde bleibt, warum trennt man sich dann?" fragt sie. Und sagt stattdessen: "Es war die bisher furchtbarste Erfahrung in meinem Leben." Gezeigt hat sie's nicht: "Ich bin kein Typ, der sich ins Jammertal begibt. Mir ging es dabei um meinen Sohn. Ich wollte eine positive Ausstrahlung behalten und wollte nicht, dass er in einer negativen Atmosphäre leben muss."

Fast ein Vierteljahrhundert war sie mit Oskar Lafontaine zusammen. In Talk-Shows referierte sie geradezu tollkühn über eheliche Treue als Basis ihrer Ehe, wohl wissend, dass Oskar bislang kein Talent zur Monogamie bewiesen hatte. Mit Christa sollte alles anders werden: "Es war für uns keine Frage, dass wir zu den wenigen gehören würden, die es zusammen schaffen", sagt sie. Er nannte sie "Püppi", das macht Christa Müller heute ein wenig verlegen, zugleich strafft sie den Rücken: "Es haben doch viele Frauen diese zwei Seiten. Weiblichsein und Intelligenz schließen sich nun mal nicht aus." Ihre Mutter lebte es vor. Und sie, Christa, die immer gut und teuer Angezogene, ließ sich von den Jusos in Hessen "Nadelstreifentussi" nennen. "Ich hatte immer schon Rückgrat. Bei Debatten in der Schule war ich oft die einzige, die gegen etwas stimmte." Sehr viel später, als Gattin des Bundesfinanzministers, bejubelten Frauenmagazine in ihr die "deutsche Hillary", Politmagazine beargwöhnten die "blonde Eminenz" hinter dem mächtigen Lafontaine.

Ein politisches Dream-Team? Mit der Programmarbeit in der Bonner SPD-Parteizentrale fing es an. Und privat? Ein Paar wie Pech und Schwefel. Man wusste: Der Parteichef fuhr auch von weit her und spät abends von Dienstverpflichtungen nach Hause, wann immer er nur konnte. Sie wartete grundsätzlich auf ihn mit dem Abendessen, gern auch bis nach 23 Uhr: "Es gab immer zwei Gänge." Es liegt nahe, dies alles als erzwungenes "Heimchen-am-Herd"-Dasein im goldenen Lafontaine-Käfig zu betrachten, doch es ist grundfalsch. Müller stellt klar: "Ich bin nicht erst mit 40 Mutter geworden, um mein Kind nach wenigen Monaten anderen zu überlassen."

Immer schon und noch heute verbringe sie die Abende lieber zu Hause, bei Carl Maurice, statt auszugehen. Zugleich ist sie überzeugt, dass die Mehrheit der Frauen ihre Kinder ebenfalls am liebsten selbst betreuen würde. Wenn man ihnen denn nur ein eigenes Einkommen garantierte, über ein staatliches "Erziehungsgehalt". Dadurch würden die Frauen finanziell unabhängig und kämen auf Augenhöhe mit dem Mann - der "zweite Schritt zur Emanzipation". Müller empört sich über die feministische Heiligsprechung der Erwerbsarbeit: "Die Erfahrung zeigt, dass dadurch die Frauen neben der Vollzeitarbeit auch noch die Erziehung und den Haushalt tragen. Das führt zu Zuständen wie in Afrika, wo Frauen zwei Drittel der gesamten Arbeit übernehmen. Das sind seltsame Vorstellungen von der Befreiung der Frau." Also kämpft sie gegen den Krippenausbau. Außerparlamentarisch. Denn sie hat erkannt: "Keine Partei ist reif für meine Ideen. Ich war zu früh am Start." Sie hat die Schirmherrschaft über den erst kürzlich in Bad Mergentheim gegründeten Verein "Eltern bestimmen selbst" übernommen. Nein, aufgeben ist nicht ihr Ding.

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Zur PersonChrista Müller studierte Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Von 1979 bis 2005 war Müller SPD-Mitglied, trat dann mit Oskar Lafontaine zur Linken über und war bis 2011 familienpolitische Sprecherin des hiesigen Landesverbandes. Müller arbeitete zunächst für den Wirtschafts- und Sozialausschuss der EU in Brüssel, dann in der hessischen Staatskanzlei und von 1988 an in der Bonner SPD-Parteizentrale. 1993 heiratete sie den zweifach geschiedenen Lafontaine, damals Ministerpräsident des Saarlandes. 1997 wurde sie Mutter. 2011 machte Lafontaine seine Beziehung zu Sahra Wagenknecht öffentlich. 2013 erfolgte die Scheidung. Müller ist Vorsitzende des Vereins Intact, der gegen die weibliche Genitalbeschneidung in Afrika kämpft. Neuer Verein: Christa Müller ist Gründungsmitglied und Schirmherrin des Vereins "Eltern bestimmen selbst". Der Verein, dem zurzeit rund 20 Mitglieder angehören, hat ihr familienpolitisches Konzept übernommen. Kernforderung ist die Einführung eines sozialversicherungspflichtigen Erziehungsgehaltes für Mütter oder Väter, die ihre Kinder bis zum 16. Lebensjahr selbst betreuen wollen. Bis zum dritten Lebensjahr des Kindes sollen 1800 Euro brutto monatlich gezahlt werden, später weniger. Finanziert werden soll das Erziehungsgehalt durch die Abschaffung oder Zusammenfassung aller Leistungen und Zuschüsse, die derzeit an Familien gezahlt werden. "Eltern bestimmen selbst", Im Leimental 1, 97980 Bad Mergentheim; www. eltern-bestimmen-selbst.de. ce