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Großbritannien spart, was das Zeug hält

Großbritannien spart, was das Zeug hält

London. Es war ein kalter Herbstmorgen in London. Doch am Nachmittag lugte dann über der Themse ein bisschen die Sonne hervor. Auch politisch kam es nicht ganz so knüppeldick für die Briten wie befürchtet. Dem großen Zittern folgten gestern - gemessen an den Prognosen - schon fast moderate Kürzungspläne von Schatzkanzler George Osborne

London. Es war ein kalter Herbstmorgen in London. Doch am Nachmittag lugte dann über der Themse ein bisschen die Sonne hervor. Auch politisch kam es nicht ganz so knüppeldick für die Briten wie befürchtet. Dem großen Zittern folgten gestern - gemessen an den Prognosen - schon fast moderate Kürzungspläne von Schatzkanzler George Osborne. Nicht 25 oder gar 40 Prozent müssen die öffentlichen Haushalte in den nächsten vier Jahren einsparen, sondern "nur" 19 Prozent.Die liberal-konservative Regierung von David Cameron hat es mal wieder mit einem alten Politiker-Trick probiert: Erst den Teufel an die Wand malen, dann wird die harte Realität nicht ganz so schlimm empfunden. Aufatmen also in Großbritannien? Mitnichten. Hinter den nüchternen Prozentzahlen verstecken sich noch immer 81 Milliarden Pfund (92 Milliarden Euro), die dem Rotstift zum Opfer fallen.Das Geld würde eigentlich dringend gebraucht. Für Polizisten und Richter, für Kindergeld und Sozialhilfe, für sozialen Wohnungsbau, zur Renovierung maroder Theater und Turnhallen. "Es ist ein harter Weg, aber er führt in eine bessere Zukunft", sagte Osborne gestern im Parlament. Nicht wieder "an den Rand des Bankrotts", wo nicht nur Osborne, sondern auch Wirtschaftsexperten den britischen Staat zuletzt sahen. Das Königreich muss den unglaublichen Schuldenberg von einer Billion Pfund bekämpfen, der zu einem Staatsdefizit von mehr als zehn Prozent geführt hat - dem größten Haushaltsloch innerhalb der Gruppe der G20-Staaten.Die Fahrpreise der Bahn steigen, ebenso die Mehrwertsteuer, von 17,5 auf 20 Prozent. 490 000 Jobs im öffentlichen Dienst fallen weg. Der private Sektor will helfen und bis zu einer Million neuer Jobs schaffen. "Wir sind fähig, das zu leisten", sagt David Frost, Generaldirektor der britischen Handelskammer.Doch gibt es viele Skeptiker. Sie vermuten, dass ausbleibende Aufträge der ausblutenden öffentlichen Hand und leere Geldbeutel der Staatsdiener auch die private Wirtschaft schwächen und dort zu noch mehr Arbeitslosigkeit führen. "Es gibt ein großes Risiko, dass die Menschen in Armut versinken", sagte der neue Nobelpreisträger für Ökonomie, Christopher Pissarides, von der London School of Economics schon vor der Verkündung. Die Opposition drückt sich klarer aus: Die Pläne seien "ein Spiel mit der Existenz vieler Menschen", sagte der Labour-Finanzexperte Alan Johnson. Worüber sich die Gegner der Reform besonders aufregen: Der Verteidigungshaushalt kam mit nicht einmal acht Prozent Kürzungen über die nächsten vier Jahre recht glimpflich davon. Dagegen schlug Schatzkanzler Osborne in den sozialen Bereich förmlich mit der Axt hinein: Die Kommunen, wo die Sozialleistungen bezahlt werden und eine Vielzahl einfacher Jobs angesiedelt sind, müssen mit Kürzungen von 27 Prozent besonders stark bluten. "Die Sozialleistungen werden besonders grausam getroffen", sagt der Chef des Gewerkschafts-Dachverbandes TUC. Dass selbst die Royal Family um Queen Elizabeth II. vom Sparkurs an der Themse nicht ausgeschlossen wird und in den Jahren 2012/2013 rund 14 Prozent ihrer staatlichen Zuwendungen einbüßen wird, tröstet die Wenigsten. Und das Beispiel zeigt auch, wen es am Ende wirklich trifft: Die Queen hat für den Dezember gleich einmal die Weihnachtsfeier für die Angestellten des Buckingham-Palastes abgesagt - 50 000 Pfund sind damit schon mal im Sparstrumpf.