Gewitter-Stimmung im Vereinigten Königreich

Gewitter-Stimmung im Vereinigten Königreich

Die Briten haben gestern ihre 73 Europaabgeordneten gewählt. Die Ergebnisse werden zwar erst am Sonntagabend veröffentlicht. Doch Umfragen prophezeien einen Erfolg der populistischen Anti-Europa-Partei Ukip.

Ein schweres Gewitter zog gestern in Teilen Großbritanniens auf. Es war meteorologischer Art. Doch ein Donnerwetter könnte auch die Politik heimsuchen. Zum Auftakt der Europawahl bestimmten die Menschen auf der Insel 73 der insgesamt 751 Europaabgeordneten. Traditionell wird im Königreich - wie auch in den Niederlanden - donnerstags abgestimmt. Die Rechtspopulisten von der britischen Unabhängigkeitspartei Ukip könnten als Sieger hervorgehen. So jedenfalls prophezeiten es letzte Umfragen des Meinungsforschungsinstituts YouGov, die die EU-Hasser unter Nigel Farage mit 27 Prozent als stärkste Kraft vermuten. Es könnte zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der oppositionellen Labour-Partei kommen, der 26 Prozent zugetraut werden. Die Tories unter Premier David Cameron erreichen laut YouGov mit 22 Prozent lediglich Platz drei, es folgen die Grünen mit zehn und die Liberaldemokraten mit neun Prozent.

Die Ergebnisse werden erst am Sonntagabend mit den amtlichen Resultaten aller anderen EU-Mitgliedstaaten veröffentlicht. Gestern sah es aber nicht nach einem Sturm auf die Wahllokale aus. Damit hatte auch niemand gerechnet - viele Briten betrachten die EU traditionell als abstraktes Ungetüm. "Ich soll jemanden wählen, von dem ich noch nie gehört und den ich nie gesehen habe, der vermutlich gemütlich in einem Büro in Brüssel sitzt, Tee trinkt und dafür ein aufgeblähtes Gehalt von mir erhält", findet etwa der Brite Martin, der gestern der Abstimmung fernblieb. Wie er denken viele. Dass diese Einstellung den Europa-Feinden in die Taschen spielt, scheint ihnen nicht allzu viele Sorgen zu bereiten.

Im Londoner Süden schlenderte gestern Mittag die 27-jährige Hannah aus einem der Wahllokale. "Ich habe abgestimmt, glaube aber keine Sekunde, dass mich irgendein Politiker repräsentiert", sagt sie. Sie habe nur gewählt, weil sie nicht Ukip zu einem Erfolg verhelfen wolle. Das könnten andere erledigt haben. Das britische Statistikamt hat gestern Morgen Zahlen zur Migration veröffentlicht. Demnach stieg die Zahl der Einwanderer aus der EU um 43 000 Menschen auf rund 201 000 (2012: 158 000). Das spielt der ausländerfeindlichen Ukip in die Hände. Während die Chefs der großen Parteien wie der konservative David Cameron, Ed Miliband von Labour und Liberaldemokrat Nick Clegg bereits am Morgen ihre Stimmen abgaben und sich zu einem Lächeln für die Fotografen abrangen, zeigte Ukip-Chef Nigel Farage sein breitestes Grinsen. Er hat allen Grund dazu. Seine Partei gewinnt möglicherweise zum ersten Mal eine nationale Wahl. Das wäre ein historischer Erfolg.

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Auf einen BlickDie Niederländer haben dem Rechtspopulist Geert Wilders die kalte Schulter gezeigt. Wilders Partei für Freiheit büßte ersten Prognosen zufolge knapp fünf Prozent ein. Christdemokraten und die linksliberale D66 legten zu. Rund 12,5 Millionen Bürger waren aufgerufen, ihre 26 Abgeordneten für das Europaparlament zu bestimmen. Umfragen gingen von einem Kopf-an-Kopf-Rennen der pro-europäischen, linksliberalen Partei D66 und der anti-europäischen PVV von Geert Wilders aus. Bei der Europawahl 2009 hatte die Beteiligung bei knapp 37 Prozent gelegen. dr/dpa