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Gewinnt diesmal der Umfrage-Favorit?

Präsidentschaftswahl in Frankreich : Gewinnt diesmal der Umfrage-Favorit?

Geht es nach den Prognosen, wird die Präsidentenwahl für Emmanuel Macron ein Selbstläufer. Nur: Viele wollen gar nicht abstimmen.

Die Orte der Siegesfeiern stehen schon fest: Für Emmanuel Macron ist es der Platz vor dem Louvre, für Marine Le Pen der Park von Vincennes. Dass die Anhänger der Rechtspopulistin am Sonntag tatsächlich die Wiesen im Nordosten von Paris bevölkern, ist allerdings unwahrscheinlich. Umfragen sagen einen klaren Erfolg des früheren Wirtschaftsministers in der Stichwahl um das Präsidentenamt voraus. Laut den gestrigen Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Ipsos dürfte der 39-Jährige die zweite Runde mit 61,5 zu 38,5 Prozent gewinnen.

Der Abstand zwischen den beiden Kandidaten, die zwei völlig entgegengesetzte Visionen Frankreichs vertreten, war nicht immer so groß gewesen. Erst die Fernsehdebatte, in der Macron am Mittwoch vor allem beim Thema Europa gegen die EU-Hasserin Le Pen überzeugte, brachte die Wende: Zweieinhalb Prozentpunkte legte der sozialliberale Kandidat seither zu. Der Polit-Neuling hatte nach seinem Triumph in der ersten Runde nur schwer in den Wahlkampf zurückgefunden. Zwei Tage lang wiegte er sich in Siegesgewissheit, bis Le Pen ihn ausgerechnet in seiner Heimatstadt Amiens herausforderte.

Vor den Fabriktoren des US-Haushaltsgeräteherstellers Whirlpool kam es zu einem denkwürdigen Fernduell zwischen der selbsternannten "Kandidatin des Volkes" und dem früheren Banker. Während Macron in der Handelskammer mit den Gewerkschaften verhandelte, ließ sich die Rechtspopulistin auf dem Parkplatz 15 Minuten lang von Arbeitern wie ein Rockstar feiern. Macron, der später ebenfalls in der Fabrik erschien, wurde dagegen von Buhrufen empfangen. "Ich werde in die Gebiete der Spaltung gehen. Ich werde Le Pen nicht ein Stück breit Boden überlassen", kündigte der sozialliberale Kandidat hinterher kämpferisch an.

Doch Le Pen verbuchte einen weiteren Erfolg: sie fand einen Verbündeten für ihren bisher von allen Parteien geschmähten Front National (FN). Am vergangenen Wochenende schloss die FN-Chefin ein Bündnis mit dem Populisten Nicolas Dupont-Aignan, der in der ersten Runde knapp fünf Prozent der Stimmen bekommen hatte. Gleichzeitig umwarb die 48-Jährige die Wähler des ausgeschiedenen Linksextremisten Jean-Luc Mélenchon, der rund sieben Millionen Stimmen repräsentierte. Der eigenwillige 65-Jährige weigerte sich hartnäckig, eine Wahlempfehlung für Macron auszugeben. Dabei hatte er 2002, als Le Pens Vater Jean-Marie überraschend in die zweite Runde gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac kam, noch zur Wahl Chiracs aufgerufen - notfalls "mit Handschuhen". Le Pen verlor die Stichwahl damals deutlich mit rund 18 Prozent. Von einem so klaren Nein gegen den Front National ist Frankreich in diesem Jahr weit entfernt. Die "republikanische Front", die damals Konservative und Sozialisten vereinte, scheiterte diesmal an den konservativen Republikanern. Die riefen lediglich dazu auf, Le Pen zu verhindern, ohne Macron zu erwähnen.

Mélenchons Anhänger votierten in einer Befragung zu zwei Dritteln für eine Enthaltung oder einen leeren Stimmzettel am Sonntag. "Weder Faschismus noch Finanz" lautete einer der Slogans, die am 1. Mai bei den traditionellen Kundgebungen der Gewerkschaften zu lesen waren. Die Wahlbeteiligung dürfte deshalb in diesem Jahr so niedrig sein wie schon lange nicht mehr: Von 76 Prozent geht Ipsos aus - weniger als in der ersten Runde. Sechs Prozent der Wahlzettel dürften leer bleiben, als Zeichen des Protests gegen beide Kandidaten gleichermaßen.

Von denen, die für Macron stimmen wollen, sind weniger als die Hälfte auch wirklich von dem Kandidaten überzeugt. 60 Prozent geben an, mit ihm lediglich das kleinere Übel zu wählen. Auf den Favoriten wartet also nach einem Sieg am Sonntag viel Überzeugungsarbeit. Vom Enthusiasmus, der die Wahl von François Hollande 2012 begleitet hat, ist Frankreich in diesem Jahr weit entfernt.