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„Gestapo-Chef“ auf jüdischem Friedhof

„Gestapo-Chef“ auf jüdischem Friedhof

Jahrzehntelang suchten Nazi-Jäger vergeblich nach Gestapo-Chef Heinrich Müller. Nun ergaben die Recherchen eines Historikers: Müller überlebte den Krieg nicht und liegt ausgerechnet auf einem jüdischen Friedhof begraben.

Er war ein kaltblütiger Mörder: Heinrich Müller, Chef der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) und Reichskriminaldirektor der Nazis, war an Planung und Umsetzung des Holocaust maßgeblich beteiligt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verlor sich seine Spur. Jetzt sorgt der Historiker Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, für eine Sensation: Der berüchtigte "Gestapo-Müller" liegt nach seinen Recherchen in einem Massengrab auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Mitte.

Jahrzehntelang hatten sich Justiz und Geheimdienste festgebissen. Mal wurde Müller in Karlsbad in Tschechien vermutet, dann in Albanien, später in Panama und Argentinien, wohin sich Adolf Eichmann, Müllers Untergebener, verkrochen hatte. Auch bei "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal stand er ganz oben auf der Liste - die Suche blieb erfolglos.

Nach Tuchels Erkenntnissen überlebte Müller das Ende des Krieges am 8. Mai 1945 nicht. In der Nacht zum 2. Mai soll er Vertrauten seinen Selbstmord angekündigt haben. Der Wissenschaftler verweist auf Archivfunde und Aussagen eines Totengräbers, der den Gestapo-Chef identifizierte und im August 1945 zusammen mit anderen Leichen auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Mitte anonym beerdigte. Doch die Hinweise des Mannes wurden vernachlässigt. Auch später noch hätte man es besser wissen können: In den 50er Jahren versicherte Walter Lüders, einst Mitglied in Hitlers letztem Aufgebot, dem "Volkssturm", dass er die Leiche von "Gestapo-Müller" im Garten der Reichskanzlei gesehen habe. 1955 erhielt die sogenannte "Wehrmachtauskunftsstelle" von der Ost-Berliner Verwaltung die Information, Müller liege auf dem jüdischen Friedhof.

Nach Tuchels Recherchen wurde Müllers Leiche im August 1945 in einem provisorischen Grab in der Nähe des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums von einem Beerdigungskommando gefunden. Historischen Dokumenten zufolge wurde der NS-Verbrecher damals eindeutig identifiziert. Müllers Leiche habe eine Generalsuniform getragen. In der inneren, linken Brusttasche steckte unter anderem sein Dienstausweis mit einem Foto. Wie mehr als 2500 andere Leichen wurde demnach wohl auch Müller auf den Friedhof in der Großen Hamburger Straße gebracht, den die Gestapo 1942 beschlagnahmt hatte. Ein Jahr später zerstörte sie das Gelände, auf dem unter anderem der Aufklärer Moses Mendelssohn (1729-1786) und sein Lehrer David Hirschel Fraenkel (1707-1762) ruhten.

Ob sich je die Überreste von Gestapo-Müller nachweisen lassen, ist aber offen. Ein bitterer Beigeschmack bleibt. Für Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden, sind Tuchels Erkenntnisse "eine geschmacklose Ungeheuerlichkeit".