1. Nachrichten
  2. Politik
  3. Topthemen

"Gejammer" der Ärzte nervt die Koalition"Wir brauchen eine sachliche Diskussion"

"Gejammer" der Ärzte nervt die Koalition"Wir brauchen eine sachliche Diskussion"

Berlin. "Betrug" ist noch eines der harmloseren Worte in dem kleinen Film des Hausärzteverbands. Die Funktionäre präsentieren eine eigene Straßenumfrage. "Traue keinem Politiker", sagt eine Frau. "Vielleicht kriegen wir irgendwann einen Strick und hängen uns auf", erklärt eine andere

Berlin. "Betrug" ist noch eines der harmloseren Worte in dem kleinen Film des Hausärzteverbands. Die Funktionäre präsentieren eine eigene Straßenumfrage. "Traue keinem Politiker", sagt eine Frau. "Vielleicht kriegen wir irgendwann einen Strick und hängen uns auf", erklärt eine andere. Deutschlands Allgemeinmediziner wähnen den Volkszorn auf ihrer Seite, wenn sie um mehr Geld kämpfen. Doch was droht den Patienten wirklich?

Die Hausärzte sehen das so: Seit Jahren sind sie die Verlierer in den Honorarkämpfen der niedergelassenen Ärzte. Noch 2009 bekamen die rund 50 000 Allgemeinärzte nach offiziellen Zahlen nur 0,5 Prozent mehr Geld - während es im Ärzteschnitt 7,2 Prozent waren. Die Kassenärztlichen Vereinigungen schaffen es nicht, für genügend Hausärzte in Problemstadtteilen und vielen ländlichen Regionen zu sorgen. Da erschien es den Allgemeinärzten als Segen, dass die Kassen seit dem vergangenen Jahr spezielle Hausarztverträge abschließen müssen. Mehr Geld für die Ärzte - mehr Zeit, behutsamere Arzneiverordnung, mehr Vorbeugung für die Versicherten. So lautet die Theorie. Für die Versicherten ist das Angebot freiwillig. Nach drei Jahren holen die Krankenkassen die Zusatzkosten durch effizientere Versorgung wieder rein, meint der Hausärzteverband. Führende Kassen gehen aber von 1,5 Milliarden, die Bundesregierung von 1,1 Milliarden Euro Mehrkosten aus.

FDP: Alles "Pulverdampf"

Deshalb sollen künftige Hausarztverträge nur noch mit höherem Honorar einhergehen, wenn die Ärzte dabei Extras erbringen, sagt Gesundheitsstaatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU). Ausgerechnet FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler und Schwarz-Gelb machen in den Augen der Ärzte alles schlimmer. "Wir werden bald gar nicht mehr zu streiken brauchen", sagt Verbandsgeschäftsführer Eberhard Mehl. Auf dem Land gebe es bald keine Versorgung mehr. "Das wird viele Menschenleben kosten."

Erstmal wollen die Mediziner nun schrille Plakate mit dem Spruch "Der Bundesgesundheitsminister gefährdet Ihre Gesundheit" ins Wartezimmer und an Laternenmasten hängen. Praxisschließungen drohen den Patienten trotz entsprechender Ankündigungen aber wohl nicht in großem Umfang. Mehl: "Hausärzte tun sich schwer damit zu streiken." Und die Rückgabe der Kassenzulassung? Patienten könnten im Extremfall dann nicht mehr per Chipkarte zum Hausarzt. Doch auch das wird kaum passieren. "Aussteiger haben keine Rückkehrmöglichkeit", sagt Mehl.

Die Angriffe der Ärztefunktionäre schweißen die Fachpolitiker der Koalition in seltener Weise zusammen. FDP-Expertin Ulrike Flach sieht darin eine neue Qualität. "Hier wird Pulverdampf erzeugt, um Interessen zu kaschieren." Ihr CDU-Kollege Jens Spahn spricht von "höchst unglaubwürdigem Gejammer". Und Widmann-Mauz meint, der Verband kämpfe auf dem Rücken der Patienten für sich selbst.

Was droht nun den Patienten durch die Sparpläne der Koalition? "Hausarztmodelle in ihrer bisherigen Ausgestaltung bieten für die Patienten keine bessere medizinische Versorgung", sagte der Leiter einer einschlägigen Studie der Bertelsmann-Stiftung vor einiger Zeit. Laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayern gehen Patienten dabei sogar häufiger zum Haus- und Facharzt. Weigeldt führt dagegen Schweizer Erfahrungen ins Feld, wo solche Verträge Klinikbehandlungen um fast ein Viertel zurückgehen ließen. Ob der Ärztemangel so behoben werden kann, steht aber in den Sternen. Selbst in Bayern mit seinem für die Allgemeinmediziner besonders günstigen Vertrag fällt es Landpraxen weiter schwer, Nachwuchs zu finden.Saarbrücken. Die Reaktion kam nicht überraschend: Geht es nach dem Verband der Ersatzkrankenkassen (VdEK) für Rheinland-Pfalz und das Saarland, dann sollte der Deutsche Hausärzteverband auf markige Sprüche und Drohungen wie der nach Praxis-Schließungen verzichten. "Es ist Zeit, die Diskussion um Ärztehonorare zu versachlichen", findet denn auch Martin Schneider, der stellvertretende Verbandsvorsitzende.

Die Hausärzte sieht er gleichwohl in der Pflicht. "Auch von den Hausärzten darf ein Solidarbeitrag gefordert werden", sagt Schneider und erinnert daran, dass es in der aktuellen Diskussion nicht etwa darum geht, die Honorare der Ärzte zu kürzen, sondern deren Zuwachs künftig zu begrenzen. Von den Sparplänen unberührt blieben sowieso die Grundhonorare, und die sind seinen Angaben zufolge in der Vergangenheit deutlich gestiegen, nämlich um 15,2 Prozent in den Jahren 2008 und 2009, wie er vorrechnet. Allein im Saarland habe es 2009 einen Anstieg um 10,1 Prozent gegeben. Hausärzteverträge in der jetzigen Form lehnt er ab. Grundsätzlich sei man als Verband aber bereit, mit den Hausärzten über höhere Honorare zu verhandeln - "aber nur für mehr Leistung".

Zumindest in einem Punkt stimmt ihm sein Gegenüber vom Saarländischen Hausärzteverband zu. Die aktuelle Debatte werde "nicht sachgerecht" geführt, sagt Verbandschef Dr. Joachim Meiser (Foto: SZ). In welcher Form sich die saarländischen Hausärzte an dem Protest gegen die Pläne aus dem Berliner Gesundheitsministerium beteiligen, sei noch völlig offen. Es werde aber eher um einen symbolischen Protest gehen, sagt Meiser. Flächendeckende Praxis-Schließungen seien jedenfalls nicht geplant, das träfe nur die Falschen. "Die Diskussion wird bislang nur um Geld geführt, es muss aber auch einmal klar werden, dass wir ein Nachwuchsproblem haben", sagt Meiser. Derzeit sei die Versorgung der Patienten durch Hausärzte noch gesichert, in den nächsten Jahren würden aber rund 200 Praxen im Land einen Nachfolger brauchen. Und dabei spiele die Bezahlung als Anreiz natürlich eine Rolle. Meiser plädiert für "eine andere Vergütungsstruktur" als derzeit, "damit wieder nachvollziehbar wird, für welche Leistung man wie viel Geld bekommt. Ich würde dabei gar nicht mal so sehr von der Höhe der Vergütung ausgehen, was derzeit im Mittelpunkt steht". Die Reaktion war dann wiederum überraschend. jöw

Hintergrund

Mit einem Durchschnittseinkommen von 116 000 Euro lagen die Allgemeinmediziner nach der bislang letzten amtlichen Statistik am unteren Ende beim Ärzteverdienst. Spitzenreiter in der Erhebung des Statistischen Bundesamts für die Situation in Einzelpraxen im Jahr 2007 sind die Radiologen (264 000 Euro). Es handelt sich um Einnahmen abzüglich Aufwendungen vor Steuern und Abgaben. Im Schnitt aller Ärzte waren es 142 000 Euro. Seither ist das Ärztehonorar teils deutlich gewachsen. Nach Berechnungen des Spitzenverbands der gesetzlichen Kassen kommt ein niedergelassener Arzt in diesem Jahr im Schnitt auf 164 000 Euro vor Steuern und Abgaben. dpa