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Gefrorene Hoffnung für kinderlose Paare

Gefrorene Hoffnung für kinderlose Paare

Saarbrücken. Jeden Dienstag tourt Sven (26) in der Mittagspause rund um den Saarbrücker Beethovenplatz: Parkplatzsuche für einen "Arzttermin". Die Nerven, die er dabei lässt, bucht er unter "guten Zweck" ab. Auch das schlechte Gewissen gegenüber Birgit (24). Seit sechs Jahren sind sie zusammen. Sie will ein Kind, er noch warten

Saarbrücken. Jeden Dienstag tourt Sven (26) in der Mittagspause rund um den Saarbrücker Beethovenplatz: Parkplatzsuche für einen "Arzttermin". Die Nerven, die er dabei lässt, bucht er unter "guten Zweck" ab. Auch das schlechte Gewissen gegenüber Birgit (24). Seit sechs Jahren sind sie zusammen. Sie will ein Kind, er noch warten. Es war eine einsame, aber gründliche Entscheidung, als er sich zur Samenspende in der Saarbrücker IVF-Gemeinschaftspraxis entschied und damit zu einer anonymen genetischen Vaterschaft. "Weil ich Kinderlosen helfen will." Beziehungs-Sprengstoff, ohne Zweifel.

Sven wartet noch auf den richtigen Moment für sein Geständnis. Das keines sein müsste, wäre Samenspende so selbstverständlich wie Blutspende. Doch das Thema ist anrüchig, schambesetzt. Das erfährt der Gynäkologe Lars Happel immer wieder. Er betreibt zusammen mit drei Kollegen das Saarbrücker private Institut für Fortpflanzungsmedizin (SpIF), eine "Wunschkindpraxis". Als er im Januar erstmals für Samenspende werben wollte, lehnte ein Saarländischer Verkehrsbetrieb die Plakate als "Ferkelei" ab. Dabei geht es um eine seriöse medizinische Therapie - meist für Verzweifelte. Denn die Fremdsamenspende kommt erst dann ins Spiel, wenn alle anderen Wege der künstlichen Befruchtung ausprobiert wurden. Oder die Fortpflanzungsfähigkeit des Mannes verloren oder gefährdet ist, etwa wenn eine Chemotherapie bevorsteht. Dann dienen eingefrorene Spermaproben als Zeugungreserven. Eine sehr ernste, wunderbare Sache. Die nichts mit den Schlüpfrigkeiten zu tun hat, die mitunter im Internet auftauchen, wenn Samenspende als lukrativer Nebenjob für "potente Kindermacher" verkauft wird. Die Saarbrücker Samenbank dient ausschließlich dem eigenen Bedarf.

Happel will sowohl Spender wie Eltern kennen. Nicht nur, um auszuschließen, dass ein hellhäutiger Hüne einem kleinwüchsigen südländischen Paar zugeordnet wird. Auch andere Banken orientieren sich am Phänotyp des späteren sozialen Vaters. Happel will keine "Drogis" oder Problemfälle als Spender, auch keine optisch auffälligen Männer in seiner Kartei. Wünsche der Eltern nach Einstein-Stammvätern oder George-Clooney-Beaus überhört er. Unauffälligkeit ist erwünscht. Anonymität das höchste Gut, die Ärztekammer hat strenge Richtlinien entwickelt. So soll jeder Spender nur zehn Nachkommen zeugen. Die Daten-Hoheit hat die beauftragte Samenbank, eine zentrale Datei gibt es noch nicht.

"Wenn ein Paar einen Spender mitbringt, mache ich es nicht", sagt Happel. Das Bild des genetischen Vaters "brenne" sich ein und verhindere das, was er für entscheidend hält: dass die Paare nach dem Eintritt der Schwangerschaft einen "natürlichen Weg" gehen und irgendwann vergessen, dass ein Dritter im Spiel war.

Auch die Spender werden nie erfahren, wie viele Kinder sie gezeugt haben und wo diese leben. Nur gegenüber den Kindern sind Samenbanken auskunftspflichtig. Das Gesetz billigt ihnen, wenn sie volljährig sind, das Recht zu, ihre biologische Identität zu klären. Allen Spendern könnte also in 20 Jahren Besuch ins Haus stehen: Hallo, Papa! Bei dieser Vorstellung wird es Sven mulmig.

Stefan (37) hingegen, ebenfalls erst kürzlich zum SpIF gestoßen, findet diesen Gedanken sogar reizvoll: "Ich bin neugierig. Das kann nur interessant werden! Er soll Kuchen mitbringen." Anders als Sven hat sich Stefan aus finanziellen Gründen zur Spende gemeldet. Erst danach entwickelte er ein Gefühl dafür, "dass ich zu einer positiven Kraft werde, dieser Gedanke hat mir sehr gefallen". Man hört ein wenig Stolz heraus auf die überdurchschnittliche Qualität seines Samens. Es genügt eben nicht, zwischen 18 und 40 Jahren alt und ohne Erbkrankheiten zu sein. Der Samen muss das Einfrieren überstehen, was immer seltener vorkommt. Von zehn Anwärtern, sagt Happel, schicke er vier bis fünf wieder weg. Deshalb die Such-Aktion. Wenn es hart kommt, muss er sogar die Hiobsbotschaft der Unfruchtbarkeit überbringen. Psychologische Risiken, die kaum ein Spender einkalkuliert. Versagens-Ängste schon eher. Angesichts der Räume, in denen die Spende im "Männerlabor" vor sich geht, kein Wunder.

Sven und Stefan zeigen sich tapfer angesichts der Zellen mit Toilettenschüsseln, Landschafts-Plakaten, Klein-Fernseher für Videos und unauffällig deponierten Pornoheftchen. Sie fühlen sich gut beraten und betreut. Stefan meint, dass eher die Sex-Abstinenz vor der Spende manchen Kandidaten abschrecke: Vier, fünf Tage muss man enthaltsam sein.

Nach Vergnügen darf das Ganze offensichtlich nicht aussehen: bitte Dienst nach Vorschrift. Durchschnitts-Aufenthaltsdauer fünf bis zehn Minuten. Aber: "Manchmal kommt die Partnerin mit", sagt Happel.

Er hält Kontakt mit den Wunschkind-Paaren. 50 pro Jahr kommen wegen einer Samenspende. Und sie profitieren nicht nur medizinisch davon. In 15 Jahren haben sich laut Happel nur vier Eltern-Paare getrennt. Der Spender, ein Beziehungs-Stabilisator? Gar kein schlechtes Argument.

Hintergrund

Nur bei verheirateten Paaren darf im Saarland (wie in den meisten Bundesländern) eine Samenspende vorgenommen werden. Rechtlich ist ein Kind aus einer künstlichen Befruchtung einem natürlich gezeugten Kind gleich gestellt. Im Vorfeld der Behandlung müssen die Eltern die Vaterschaft zusätzlich notariell anerkennen. Insofern entfallen Unterhaltszahlungen für den Samenspender. Erbrechtlich besteht ebenfalls Rechtssicherheit.

 Blick in einen der drei Saarbrücker Samenspende-Räume.
Blick in einen der drei Saarbrücker Samenspende-Räume.
 Sechs Mitarbeiter arbeiten im Labor. Sie prüfen das Sperma und sorgen für fachgerechte Aufbewahrung. Fotos: Dietze
Sechs Mitarbeiter arbeiten im Labor. Sie prüfen das Sperma und sorgen für fachgerechte Aufbewahrung. Fotos: Dietze
Gefrorene Hoffnung für kinderlose Paare
 Labor-Test: Wie beweglich sind die Spermien? Die Spende muss überdurchschnittliche Qualität haben. Dieses Bild wurde farblich verändert. Im Original sind die Aufnahmen schwarz-weiß.
Labor-Test: Wie beweglich sind die Spermien? Die Spende muss überdurchschnittliche Qualität haben. Dieses Bild wurde farblich verändert. Im Original sind die Aufnahmen schwarz-weiß.
 Blick in einen der drei Saarbrücker Samenspende-Räume.
Blick in einen der drei Saarbrücker Samenspende-Räume.
 Sechs Mitarbeiter arbeiten im Labor. Sie prüfen das Sperma und sorgen für fachgerechte Aufbewahrung. Fotos: Dietze
Sechs Mitarbeiter arbeiten im Labor. Sie prüfen das Sperma und sorgen für fachgerechte Aufbewahrung. Fotos: Dietze
Gefrorene Hoffnung für kinderlose Paare

Für die Spende wird eine Aufwandsentschädigung gezahlt, meist unter 100 Euro. Das private Institut für Fortpflanzungsmedizin in Saarbrücken wollte keine Angaben machen. ce