Ganz Mexiko-Stadt hält den Atem anErstmals eine Ansteckung von Mensch zu Mensch

Mexiko-Stadt. Wer am Wochenende im Parque México im bohèmen Stadtteil Condesa von Mexico City nach einer Parkbank am Springbrunnen suchte, hatte die freie Auswahl. Kaum jemand traute sich aus Angst vor dem Schweinegrippen-Virus auf die Straßen und in die Parks der 22-Millionen-Metropole

Mexiko-Stadt. Wer am Wochenende im Parque México im bohèmen Stadtteil Condesa von Mexico City nach einer Parkbank am Springbrunnen suchte, hatte die freie Auswahl. Kaum jemand traute sich aus Angst vor dem Schweinegrippen-Virus auf die Straßen und in die Parks der 22-Millionen-Metropole. Gewöhnlich ist der Parque México am Samstag und Sonntag beliebtes Naherholungsgebiet für Familien, alte und junge Leute, die den Kindern beim Fußballspielen zuschauen oder den Jazz-Bands lauschen. Doch nicht nur die Condesa mit ihren Grünflächen, Straßencafés und Restaurants gleicht gegenwärtig einem Geisterviertel. Die ganze Metropole ist erstarrt aus Angst vor Ansteckung mit dem neuartigen und gefährlichen Virus. Das öffentliche Leben ist völlig zum Erliegen gekommen. Nach Behördenangaben haben sich bis zum Samstag 1324 Menschen angesteckt. 81 sind der heimtückischen Influenza erlegen, die meisten davon in der Hauptstadt. Grippefälle wurden auch aus den zentralen und nördlichen Bundesstaaten Hidalgo, Tlaxcala, Chihuahua und San Luis Potosí gemeldet. Dort alleine starben nach jüngsten Erkenntnissen fünf Menschen.Schulen und Theater zuSchon am Freitag trafen die Behörden in Mexiko-Stadt drastische Vorsorgemaßnahmen: Kindergärten, Schulen, Universitäten und Theater sind bis auf weiteres geschlossen. Mindestens aber bis zum 6. Mai. Insgesamt 553 Großveranstaltungen wurden am Wochenende abgesagt. Bibliotheken und Museen öffneten erst gar nicht. Restaurants, Kneipen und Kinos blieben leer. Am Sonntag wurden die Messen abgesagt oder den Gläubigen Dispens erteilt. Wer am Radio die Messe verfolge, komme seiner Christenpflicht zur Genüge nach, teilte die katholische Kirche mit. Die Spiele der mexikanischen Fußball-Bundesliga in der Hauptstadt und in angrenzenden Städten fanden am Wochenende zwar statt, aber vor leeren Rängen. Die Behörden untersagten die Zuschauerbeteiligung. An Flughäfen und Fernbus-Terminals wurden sanitäre Kontrollen installiert. Dort verteilen Soldaten kostenlos auch Mundschutz-Masken. Durch die leeren Straßen der Metropole patrouilliert die Polizei auf der Suche nach Passanten ohne blaue Maske vor dem Mund. In den meisten Apotheken der Stadt sind die Schutzgase ausverkauft. Am Samstag nahm die Polizei zwei junge Männer fest, die mit der Angst und der Knappheit der Masken ein Geschäft machen wollten. Sie verkauften die blauen Mundschutze für 50 Peso, umgerechnet knapp drei Euro auf den Straßen. So knapp wie die Mundschutze sind die Influenza-Impfstoffe. Sie sind derzeit nur noch für Ärzte, Krankenschwestern und andere Mitarbeiter des Gesundheitssystems verfügbar. Allerdings gebe es genügend Medikamente um eine Million Menschen zu behandeln, die an Grippe erkrankten, betonte der Bürgermeister von Mexiko-Stadt, Marcelo Ebrard. Nach Angaben von Gesundheitsexperten in Mexiko-Stadt wird sich bis spätestens Mittwoch zeigen, ob die Schweinegrippe begrenzt werden kann oder sich zu einer Epidemie ausbreitet. So lange leisten die Bewohner den Aufforderungen der Behörden Folge: Nicht vor die Tür gehen und Körperkontakt vermeiden. Mexiko-Stadt und seine Menschen halten den Atem an.Was ist die Schweinegrippe?Antwort: Die Atemwegserkrankung ist bei Schweinen sehr verbreitet, gewöhnlich sterben aber wenige Tiere daran. Die Viren vom Subtyp A H1N1 wurden erstmalig im Jahr 1930 isoliert. Wie alle Grippe-Viren verändert sich auch dieses ständig. In den vergangenen Jahren sind unter anderem die vier Subtypen H1N1, H1N2, H3N2 und H3N1 entdeckt worden. Welche Symptome treten beim Menschen auf?Antwort: Die Symptome sind ähnlich denen der saisonalen Grippe: Fieber, Müdigkeit, Appetitlosigkeit sowie Husten. Menschen, die mit Schweineinfluenza-Viren infiziert waren, berichteten auch über Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall.Kann man durch Verzehr von Schweinefleisch erkranken?Antwort: Die US-Gesundheitsbehörde CDC geht davon aus, dass Schweinegrippe-Viren nicht durch Nahrungsmittel übertragen werden.Wie wird Schweinegrippe verbreitet?Antwort: Die Viren können direkt von Schwein zu Mensch (aber auch von Mensch zu Schwein) übertragen werden. Bisher sind Infektionen beim Menschen in erster Linie durch direkten Kontakt zu Schweinen erfolgt. Der aktuelle Ausbruch in Mexiko zeigt, dass man inzwischen auch von einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung ausgehen muss. Dies geschieht auf gleiche Weise wie die gewöhnliche Grippe-Infektion vorwiegend über Tröpfchen, zum Beispiel beim Husten oder Niesen.Welche Medikamente stehen zur Verfügung?Antwort: Die US-Gesundheitsbehörde CDC hat erste Hinweise, dass die neueren Grippemedikamente Tamiflu (Wirkstoff Oseltamivir) und Relenza (Wirkstoff Zanamivir) wirksam sind. Das Robert Koch-Institut veröffentlicht Situationseinschätzungen im Internet:

Auf einen BlickDas Robert Koch-Institut in Berlin schließt nicht aus, dass sich das derzeit in Mexiko grassierende gefährliche Grippevirus auch in andere Länder ausbreitet. Für eine Prognose, wie sich die Schweinegrippe entwickeln werde, sei es zu früh. "Es ist zu wenig über die Situation bekannt", sagte Institutssprecherin Susanne Glasmacher. Fest stehe: "Einen Impfstoff kann es natürlich bei einem neuen Virus nicht geben." Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) trifft zunächst keine weiteren Maßnahmen wegen der in Mexiko grassierenden Schweinegrippe. Das teilte die UN-Organisation in Genf nach einer Sitzung ihres Notfall-Komitees mit. Dennoch stelle der Ausbruch in Nordamerika einen "Notfall der öffentlichen Gesundheit im internationalen Ausmaß" dar. Das Wissen über die Eigenschaften des neuen Grippevirus und die Art seiner Ausbreitung sei aber noch zu lückenhaft, um weitere Maßnahmen zu empfehlen. In der Europäischen Union ist nach Angaben der EU-Kommission bisher noch kein Fall von Schweinegrippe aufgetreten. Die in Mexiko aufgetretene Krankheit werde von den Experten aber "sehr genau" verfolgt, sagte eine Kommissionssprecherin gestern in Brüssel. In Neuseeland sind zehn Schüler nach ihrer Rückkehr aus Mexiko unter Verdacht auf Schweinegrippe in Quarantäne. Die jungen Leute waren am Samstag von einer Studienreise zurückgekehrt und hatten über grippeähnliche Symptome geklagt. Die Behörden betonten gestern jedoch, dass bislang lediglich eine Infektion mit einem Influenza-A-Virus nachgewiesen sei. Die russische Regierung hat eine Reisewarnung für Mexiko herausgegeben. Nur dringende Reisen sollten unternommen werden, sagte ein Sprecher gestern in Moskau. Die Gesundheitsbehörde kündigte strengere Kontrollen insbesondere auf den Flughäfen an. In Deutschland hat das Auswärtige Amt bislang keine Reisewarnung ausgesprochen. dpa/afpHintergrundGrippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern. Es können auch ganz neue, gefährliche Typen entstehen. Die Viren entwickeln sich dabei etwa in Vögeln oder Schweinen und springen dann auf den Menschen über. So war es vermutlich bei der Spanischen Grippe 1918 und bei der aktuellen Schweinegrippe. In anderen Fällen können zwei verschiedene Viren in Menschen oder Schweinen zusammentreffen und sich zu einem neuen Erreger entwickeln. dpa

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