Gabi Schupp ist die erste Frau im Vorstand von Villeroy & Boch

Die erste Frau im Vorstand von Villeroy & Boch : Sie bestimmt, was die Saarländer auf den Tisch stellen

Gabi Schupp hat es als erste Frau in den Vorstand von Villeroy & Boch geschafft.

Kaum vier Wochen im Amt – und schon eine Berufskrankheit. Sie wird chronisch werden. Letzthin, als Gabi Schupp (54) mit ihrem Mann im Frankfurter „Franziska“ essen war, ertappte sie sich selbst dabei, wie sie schnell mal den Teller umdrehte, um nach dem Firmenlabel zu schauen. Nichts. Also landete sie irgendwann in der Küche. Denn die Chefs der Gastro-Hotspots bestimmen nun mal, wo‘s lang geht in der Tischkultur. Und deshalb ist von jetzt an der Besuch in Trendlokalen nicht mehr nur ein geschätztes und gepflegtes Freizeit-Vergnügen – sondern Recherchearbeit für die Neue im vierköpfigen Vorstand von Villeroy & Boch.

Schupp ist die erste Frau in der Unternehmensleitung – in 270 Jahren. Sie verantwortet im Mettlacher Traditions-Unternehmen, das weltweit 7500 Mitarbeiter beschäftigt, seit 1. Februar den Bereich Tischkultur, in der Nachfolge von Nicolas Luc Villeroy. „Ich mag es, mich und andere mit Stil zu umgeben und zu verwöhnen“, sagt Schupp beim Gespräch im neuen, durch Komfort und Stil beeindruckenden V&B-Büro- und Konferenzzentrum auf dem ehemaligen Fabrikgelände der Alten Mettlacher Abtei. Vor ihr auf dem Tisch: formschöne Exemplare aus der jungen Kollektion „Manufacture-Rock“. Wie Schupp über die naturhaften Oberflächen streichelt, spricht Bände.

Schupps eigenes Büro liegt gegenüber, im denkmalgeschützten Gebäudekomplex, Hauptverwaltungssitz seit 1842. Ihr gefällt, dass der Firmensitz „die Verankerung in der Historie und den Blick nach vorne vereint. Die Offenheit gegenüber Neuem wird hier gespiegelt.“ Sie, die aus einem Schwarzwälder Unternehmerhaushalt stammt, aus einem Umfeld, wo Werte eine Rolle spielten, wo alle immer hart und viel gearbeitet haben, hatte immer eine sehr positive Einstellung zu Familienunternehmen. Wobei V&B in der Vergangenheit für sie keine gesetzte Premium-Marke war. Allerdings standen, wie sie erzählt, V&B-Gläser einst, ohne dass sie dies bewusst wahrgenommen hätte, auf Schupps Hochzeitsliste. Artesano-Geschirr war später im Alltagsgebrauch, und auch im Bad ihres Hauses im Taunus seien wohl V&B-Fliesen und -Waschtische verbaut, meint sie. V&B ist für die Neue im Vorstand also kein fremder Kosmos, wenn auch bei weitem nicht so vertraut wie für die Mehrheit der hiesigen Kundinnen. In ihrer neuen Funktion wird die Managerin – bildlich gesprochen – in den nächsten Jahren mit am Tisch vieler Saarländer sitzen – und an dem von deren Kindeskindern, die V&B-Sachen erben. Denn Schupp hat bei den neuen Kollektionen das letzte Wort über Design, Farbe und Material. Nimmt man ihr eigenes Outfit als Hinweis für Vorlieben – das ausgefallene Resedagrün des Kleides, das markante Understatement einer schweren Silberkette –, dann wird es bei V&B zukünftig alles Tantenhaft-Protzige oder Kleinmädchenhaft-Kitschige im Dekor schwer haben. Wer nach oben will, muss auffallen, steht in den Ratgeber-Büchern für Topmanagerinnen. Zu Schupp, die ohne rhetorische Girlanden formuliert, sogar mit starkem schwäbischen Einschlag, gilt dies so ganz und gar nicht – oder auf andere Art. Schupp gibt sich im Gespräch natürlich, umgänglich, unprätentiös. Man vergisst alles, was man über die Selbstinszenierung und den gnadenlosen Selbstbehauptungswillen gelesen hat, die Topmanagerinnen wie sie angeblich mitbringen.

Schupp kennt das Unternehmen, das sie nun in der Geschäftsführung mitverantwortet, schon seit rund vier Jahren durch ihren Job in einer Frankfurter Unternehmensberatung. Sie arbeitete eng mit dem V&B-Aufsichtsrat und dem Vorstand zusammen, holte einige (Führungs-)Kräfte ins Unternehmen. Dass sie selbst schließlich Ja sagte zu einem Wechsel, erklärt sie mit ihrer Affinität zu den Themen Trends, Design und Konsumentenverständnis, schließlich gilt sie als Marken- und Konsumgüter-Expertin. Als solche war sie im operativen Geschäft tätig, und genau das vermisste Schupp: „Vor meiner Beratungs-Tätigkeit hatte ich das mein ganzes Leben lang, und wenn man für schöne Produkte arbeitet, macht es noch mehr Freude.“ So erklärt sich der Weg von der Beauty- in die Keramik-Branche. Zuletzt war Schupp bei Procter & Gamble für die „Wella Professional“-Linie zuständig. Zuvor hatte sie dort den Geschäftsbereich für Gesundheits- und Schönheitsprodukte in Deutschland, Österreich und der Schweiz geleitet. Insgesamt 20 Jahre lang war Schupp bei P&G, begann dort als junge studierte Betriebswirtin im Marketing und wuchs, wie sie es ausdrückt, „durch die Ränge“. Als wäre das eine ganz natürliche Sache und nicht ein immer noch seltener Durchbruch in die männliche Sphäre der Macht. In den 160 Konzernen aus den Börsenindices Dax, MDax und SDax arbeiten insgesamt nur rund 61 Managerinnen im Vorstand. Doch mit Schupp lässt sich über Herrenclubs und Alphatiere nicht frauenbewegt plaudern. Sie ist keine Freundin der Quote: Frauen müssten so wie Männer durch Leistung überzeugen, aber bei gleicher Leistung müssten sie auch dieselben Chancen haben, sagt sie. Sie selbst arbeitet am liebsten in gemischten Teams: „Die gesunde Mixtur macht‘s, das bringt eine bessere Teamdynamik.“ Wobei Frauen immer noch „zwei Jobs parallel“ machten, „bei Männern ist das immer noch häufig etwas anders.“

Schupp selbst hat gemeinsam mit einem ebenfalls vielbeschäftigten Mann zwei Töchter großgezogen, ohne Familien-Unterstützung, aber mit Hilfe von Tagesmüttern. Drei Monate nach der Geburt war Schupp wieder im Büro. Als Workaholic sieht sie sich trotzdem nicht, verweist auf ein fabelhaft funktionierendes „Alarmsystem“, wenn ihre Work-Life-Balance aus dem Lot rutsche: eben ihre Töchter. Zwölf Stunden-Tage hält sie freilich für normal in ihrer Position: „Man wird sehr effizient und setzt Prioritäten.“

Welche Ziele verfolgt sie persönlich bei V&B? Es gibt viel zu tun, die Tischkultur hat 2018 4,4 Prozent an Umsatz verloren. Die ersten Stabilisierungs-Strategien – mehr Online-Aktivitäten, Ausbau des Jugend-. Wie auch des Edel-Segments – wurden noch ohne Schupp entwickelt, doch: „Ich habe viele Sympathien dafür.“ Sie arbeite an einer „besseren Sichtbarkeit“: „Wir brauchen eine Bühne für unser Produkt“. Welche Zukunfts-Trends beobachtet sie? „Mix and Match“ sei angesagt, Schwarz-Weiß im Kommen, Strukturen seien wichtiger denn je und „Made in Germany“ ein Thema. Im Premiumsegment punkte schweres Kristallglas und Bestecke in Gold und Kupfer. Laut Schupp muss man vor allem die Stoff-Designer beobachten: „Die gehen uns in allem voran, mehr als die Modebranche.“ Für sie ist Reisen die maßgebliche Inspiration, privat wie im Business: „Nur so kann man einen globalen Markt beobachten.“

Sie selbst muss gerade eine neue Wohnung in Merzig einrichten, sie soll mehr sein als eine Stop-over-Bleibe bis zum Wochenende, bis zur Heimkehr in den Taunus. Schupp hat gleich was Großes gemietet, ihr ist wichtig, dass die ganze Familie in Merzig einen Zweitwohnsitz findet. Und irgendwie liegt der Begriff zweite Heimat schon in der Luft.