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Fußball und Politik - ein Doppelpass

Fußball und Politik - ein Doppelpass

Berlin. Das Fußballfieber in Deutschland steigt. Laut einer gestern veröffentlichten repräsentativen Umfrage freuen sich mit 26 Prozent ebenso viele Bundesbürger auf die Frauenfußball-WM wie im Jahr 2008 auf die Europameisterschaft der Männer. Auch die Politik steht in den Startlöchern

Berlin. Das Fußballfieber in Deutschland steigt. Laut einer gestern veröffentlichten repräsentativen Umfrage freuen sich mit 26 Prozent ebenso viele Bundesbürger auf die Frauenfußball-WM wie im Jahr 2008 auf die Europameisterschaft der Männer. Auch die Politik steht in den Startlöchern. So werden am Sonntag sowohl Bundespräsident Christian Wulff als auch Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Kanada im ausverkauften Berliner Olympiastadion anwesend sein. Fußball gehört zur großen Leidenschaft vieler Politiker. Nicht nur wegen der sportlichen Komponente."Ich möchte dabei sein", hatte die Kanzlerin bereits Anfang April bei einem Empfang für die Nationalmannschaft euphorisch angekündigt. Sie meint es offenbar ernst, denn Merkel ist es mit zu verdanken, dass das Turnier überhaupt hierzulande stattfindet: 2005, erinnerte gestern DFB-Präsident Theo Zwanziger in Berlin, habe man einen Hinweis der Bundeskanzlerin bekommen, "uns um die WM der Frauen 2011 zu bewerben". Das ist mit Erfolg gelungen, wie die nächsten drei Wochen belegen.

Bislang ist Merkels Besuch aber nur zum Auftakt der WM geplant. Noch, so hieß es gestern aus Regierungskreisen, stehe nicht fest, ob sie weitere Spiele des deutschen Teams besuchen werde. Vorsicht ist geboten - denn zur Verbindung von Politik und Fußball gehört auch, dass sich die Regierenden am liebsten im Glanz von Siegern sonnen, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts. Insofern ist es nur geschickt von der Kanzlerin, erst abzuwarten, wie das Turnier für die deutschen Elite-Kickerinnen verläuft. Sollte es die Truppe von Bundestrainerin Silvia Neid bis ins Endspiel in Frankfurt schaffen, dürfte Merkel, die aus ihrer Fußballleidenschaft seit der Männer-WM 2006 bewusst keinen Hehl macht, auf alle Fälle dabei sein. So wie wohl auch Präsident Wulff.

Der Frauen-Fußball in Deutschland ist freilich nicht mit der großen Fanleidenschaft verbunden. Darüber kann auch nicht hinwegtäuschen, dass am Sonntag 75 000 Zuschauer im Stadion sitzen werden. Die gesellschaftliche Anerkennung hat bisher gefehlt. "Wenn das über diese WM erreicht wird, ist das für mich ein Sommermärchen", so Zwanziger. Die Polit-Prominenz soll dabei durch möglichst häufige Anwesenheit helfen. Um Wulff, Merkel oder Sportminister Hans-Peter Friedrich wird kräftig gebuhlt; sitzen sie auf den Rängen, nützt das den Organisatoren und bringt den Frauen öffentliche Wertschätzung. Es nutzt aber auch der Politik: Eine Kanzlerin, die wie beim WM-Spiel der deutschen Männer gegen Argentinien in Südafrika ausgelassen vor Freude über die Ränge hüpft, wird millionenfach wahrgenommen.

Ob es auch diesmal so schöne Bilder von Merkel und anderen geben wird, hängt davon ab, ob sich im Land so ein bisschen "Sommermärchen-Stimmung" à la 2006 breitmachen wird; und ob die Deutschen sich wirklich vor den Fernsehern versammeln werden, um die Spiele zu sehen. Dann werden auch die Volksvertreter vom "Gute-Laune-Faktor im Land", wie ihn die Demoskopen nennen, profitieren wollen. Grünen-Chefin Claudia Roth, selbst Fußballanhängerin, zeigte sich gestern bei der Vorstellung des WM-Umweltkonzepts optimistisch, dass viele Menschen "in wenigen Wochen Fans vom Frauen-Fußball sein werden". Sie spüre bereits Begeisterung. Floppt das Turnier, könnte es sein, dass die Polit-Promis schneller wieder vom Platz verschwunden sind, als es Zwanziger & Co lieb sein wird.

saarbruecker-zeitung.de/

frauen-wm

"Wenn das über diese WM erreicht wird, ist das für mich ein Sommermärchen."

DFB-Präsident

Theo Zwanziger über die gesellschaftliche Anerkennung des Frauen-Fußballs

"Viele Menschen werden in wenigen Wochen Fans vom Frauen-Fußball sein."

Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen

Am Rande

Auch Annegret Kramp-Karrenbauer, designierte Saar-Regierungschefin und Torwart-Mutter, fiebert bei der Frauen-Fußball-WM mit. "Deutschland wird Weltmeister - im Sommermärchen, Teil 2", tippt die 48-Jährige. Sie findet sowohl Männer- als auch Frauen-Fußball attraktiv: "Der Männerfußball ist besser in Kraft und Athletik, der Frauenfußball in der technischen Versiertheit", hat die Sozialministerin beobachtet. Ihre Lieblingsspielerin ist Torfrau Nadine Angerer. "Weil sie ein Typ ist: Authentisch, diskussionsfreudig, mit klaren Vorstellungen. Und natürlich, weil ich Torwart-Mutter bin." Kramp-Karrenbauers ältester Sohn Tobias (23) hütet das Tor der SF Köllerbach. lrs