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Furchtloser Kritiker der iranischen Regierung

Furchtloser Kritiker der iranischen Regierung

Teheran. Eine "Gruppe Wilder" habe die Regierung auf das Volk losgelassen, donnerte Mehdi Karrubi (Foto: afp) nach den blutigen Ausschreitungen gegen die Demonstranten am Wochenende. Ausgerechnet am höchsten schiitischen Feiertag, dem Aschura-Fest, vergieße die Regierung das Blut des eigenen Volkes, fauchte er

Teheran. Eine "Gruppe Wilder" habe die Regierung auf das Volk losgelassen, donnerte Mehdi Karrubi (Foto: afp) nach den blutigen Ausschreitungen gegen die Demonstranten am Wochenende. Ausgerechnet am höchsten schiitischen Feiertag, dem Aschura-Fest, vergieße die Regierung das Blut des eigenen Volkes, fauchte er. Auffällig sind die scharfen Worte, die Karrubi wählt und auf seine Website stellt. Er ist der einzige Oppositionspolitiker, der noch wagt, den Mund aufzumachen. Dabei sieht der 72-Jährige mit seinem weißen Turban und dem Vollbart nicht gerade aus wie ein Mann, der das Mullah-Regime herausfordert - eher wie das Gegenteil. Karrubis Mitstreiter sind verhaftet, seine Büros wurden verwüstet, seine Zeitung geschlossen. Dennoch lässt sich der aus dem westlichen Iran stammende Theologe, der bereits zwei Mal unter dem Reformpräsidenten Mohammed Chatami Parlamentspräsident war, nicht einschüchtern. Unbeeindruckt wirft er den Sicherheitskräften Folter und Vergewaltigung von verhafteten Oppositionellen vor - ein Vorwurf, der ihn wohl schon bald vor Gericht bringen wird. Doch Karrubi fürchtet solche Drohungen nicht. Unter dem Schah ist er neun Mal im Gefängnis gesessen, Folter dürfte er aus eigener Erfahrung kennen. Gleichzeitig macht ihn seine aktive Rolle während der islamischen Revolution zu einem gewissen Grad immun. Noch wagt es das Regime nicht, Hand an einen alten Mann zu legen, der so sehr mit der Gründung der islamischen Republik verbunden ist. Karrubi steht für die wachsende Kluft zwischen den protestierenden Massen auf den Straßen und ihrer Führung. Letztere will Reformen, sie will die islamische Republik verbessern und ihr ein menschliches Antlitz geben, aber sie ganz sicher nicht abschaffen. Viele auf den Straßen haben dagegen diese Phase bereits hinter sich gelassen. Gerade die jungen Frauen würden in den Feuern, die ihre Mitstreiter auf den Straßen angezündet haben, am liebsten auch ihre Kopftücher verbrennen. Von der Theokratie haben sie längst die Nase voll. Karrubi hingegen wünschte, er hätte nie gesehen, was aus seiner Revolution geworden ist. Doch er ist weit davon entfernt aufzugeben. Zwei Mal ist er als Präsidentschaftskandidat angetreten. Sollte im Iran einmal eine Chance für freie Wahlen bestehen, würde er zweifellos wieder antreten.