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Frauenwahlrecht: Vor 100 Jahren machte die erste Frau ihr Kreuz auf einen Wahlzettel.

100 Jahre Frauenwahlrecht : Die starke Stimme der Frauen

Vor 100 Jahren machte die erste Frau ihr Kreuz auf einen Wahlzettel für ein deutsches Parlament. 37 Frauen wurden in die Weimarer Nationalversammlung gewählt.

„Meine Herren und Damen!“ – für heutige Ohren mag das ungewohnt klingen. Sollte, ja müsste es nicht „Meine Damen und Herren“ heißen? Doch vor 100 Jahren zeigte diese Begrüßung eine Revolution der Frauenrechte an. „Meine Herren und Damen, es ist das erste Mal in Deutschland, dass die Frau als Freie und Gleiche zum Volke sprechen darf“, sagte die SPD-Politikerin Marie Juchacz damals vor der Weimarer Nationalversammlung. „Heiterkeit“ vermerkte das Protokoll zur Reaktion im Hohen Haus. Am 19. Januar 1919 wurden Juchacz und 36 weitere Frauen ins deutsche Parlament gewählt – in der ersten deutschlandweiten, allgemeinen, gleichen und geheimen Wahl, bei der Frauen ihre Stimme abgeben durften.

Mehr als 80 Prozent der Bürgerinnen nutzten damals ihr neues Recht, erstritten und erkämpft von starken Frauen wie Clara Zetkin und Hedwig Dohm mit der Forderung „Frauen in die Parlamente“. Sie reihten sich ein in lange Schlangen vor den Wahllokalen, in Kleidern, Mänteln, mit Hüten. Auswertungen in einzelnen Stimmbezirken zeigen, dass die Frauen anders abstimmten als ihre Ehemänner, Väter und Söhne: überraschenderweise konservativer und seltener für die SPD. Ohne sie hätten die SPD und das linke Lager wohl die absolute Mehrheit erzielt, wird heute spekuliert.

300 Frauen kandidierten im Januar 1919 selbst. 37 von ihnen, meist SPD-Mitglieder, schafften es in die Nationalversammlung – ein Anteil von etwa neun Prozent. In der ersten Sitzung stachen sie mit ihren weißen Blusen im Meer der schwarzen Männer-Anzüge richtig heraus.

Erst mit den Frauen im Parlament sei die Weimarer Republik zur ersten deutschen Republik geworden, die auf den Prinzipien der Demokratie gründete, schreibt First Lady Elke Büdenbender in einem Gastbeitrag im „Tagesspiegel“. Ein Jahrhundert nach dieser denkwürdigen Wahl stehen in so gut wie jeder Bundestagsdebatte Frauen am Rednerpult. Doch das einmal erstrittene Recht sei noch lange nicht für immer garantiert, warnen Politikerinnen. Nach der Bundestagswahl 2017 schrumpfte der Frauenanteil im Bundestag von mehr als 36 auf nicht einmal 31 Prozent – das Niveau von 1998. Es sei „wünschenswert“, dass sich das wieder umkehre, sagt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) ist nicht zufrieden: In allen Parteien seien Frauen unterrepräsentiert. Im November schon warnte Kanzlerin Angela Merkel (CDU): „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Aus der Tatsache, dass es mich gibt, darf kein Alibi werden.“

Über Parteigrenzen hinweg rufen Frauen nach einer Quote, nach Parität im Parlament. „Frauen sind die Hälfte des Volkes und müssen auch entsprechend vertreten sein“, sagte Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) zur „Rheinischen Post“. Für echte Gleichstellung müsse noch viel gestritten werden. „Da geht es um gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, um Wertschätzung und Anerkennung der sozialen Berufe und um spürbar mehr Frauen in Führungspositionen – sei es in der Wirtschaft oder in der Politik.“ Justizministerin Katarina Barley will das Wahlrecht so ändern, dass mehr Frauen in die Parlamente gewählt werden.

De jure, nach dem Gesetz, stünden Frauen heute gleichauf mit Männern, bilanziert Büdenbender. „De facto tun sie es oft nach wie vor nicht.“ Immer noch machten Frauen häufig die Erfahrung, dass Beruf und gesellschaftliches Leben, Karrierewege und Lebensgestaltung nach Spielregeln liefen, die Frauen nicht mitgestaltet hätten.

Große Schritte hat Deutschland trotzdem getan, seit 1919 die erste Frau ihr Kreuz auf einen Wahlzettel setzte. Doch es dauerte. Bis 1977 schrieb das Bürgerliche Gesetzbuch noch vor, dass Frauen nicht ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten dürfen. Bis 1958 konnte der Mann den Arbeitsvertrag seiner Frau sogar einfach fristlos kündigen. Noch 1970 war es eine Sensation, als die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer im Hosenanzug im Bundestag erschien.